Als Scania-Chef Leif Östling am Montag in Stockholm über eine mögliche Fusion mit MAN sprach, müssen MAN-Chef Hakan Samuelsson in München die Ohren geklingelt haben. „Ich habe ihn telefonisch vor der Veröffentlichung des zweiten Angebots gewarnt”, grantelte er im Rundfunk. “Aber er wollte ja nicht hören. Das war auf erschreckende Weise dumm und hat vielen bei Scania und auch MAN geschadet.” Außerdem habe Samuelsson bei MAN „seine Hausaufgaben nicht gemacht“: Der Konzern sei schwerfällig und ineffizient (hier der Bericht über die Tirade von n24.de). Oha! denkt man unwillkürlich. Das sind schärfere Töne, als man sie selbst aus Übernahmeschlachten gewöhnt ist. Und tatsächlich scheinen Östling und Samuelsson sich auch persönlich nicht leiden zu können. Komisch eigentlich, denn beide haben jahrelang bei Scania erfolgreich zusammengearbeitet.
Östling hat sein gesamtes Berufsleben bei dem Lastwagen-Bauer verbracht, bei dem er 1972 als Trainee anfing und 1994 zum Vorstands-Vorsitzenden aufstieg. Samuelsson hat ebenfalls eine jahrzehntelange Karriere bei Scania hinter sich: Sein Lebenslauf (hier eine Kurzfassung aus der Welt am Sonntag) führt 1977 zum Laster-Konzern. Aus der Vorstandsarbeit in der Scania-Zentrale in Södertälje müssen die beiden Manager sich gut kennen: Ein Jahr vor Östlings Amtsantritt avancierte Samuelsson zum Vorstandsmitglied für Entwicklung und Produktion. Erst 2000 trennten sich ihre Wege wieder, da ging Samuelsson nach München zu MAN, wurde dort zunächst Chef der Nutzfahrzeug-Sparte und stieg 2005 zum Konzern-Chef auf.
Eigentlich sollten die beiden Männer eine stabile Basis für eine gemeinsame Wellenlänge haben: Abgesehen davon, dass sie Landsleute sind, sind sie beide gelernte Ingenieure. Auch unterschiedliche Philosophien können kaum der Grund für Spannungen zwischen ihnen gewesen sein, denn beide schwören auf Effizienz (hier ein FTD-Porträt des Effizienz predigenden Samuelsson von Thomas Fromm aus März 2006).
Trotzdem ist das Verhältnis der Laster-Spezialisten immer schon ausgesprochen kühl gewesen, wie das Handelsblatt von Informanten bei Scania erfahren
hat. Auch wenn Östling sehr viel introvertierter ist als Samuelsson, erklärt auch das unterschiedliche Temperament kaum diese Abneigung. Vielleicht waren Temperament und Ziele der beiden Männer im Gegenteil immer zu ähnlich. Beiden wird eine elch-ähnliche Sturheit bescheinigt. Zusätzlich scheinen Ende der 90-er ihre Karriere-Pläne über Kreuz geraten zu sein. Robert von Lucius vermutet
in der FAZ im besten Östling-Porträt, das in den deutschen Medien erschien, wohl zu Recht, dass Samuelsson seinen Chef gerne bei Scania beerbt hätte. Umgekehrt glaubt
der Tagesspiegel, dass Samuelssons Übernahme-Offerte für Scania seinem Ex-Chef Östling „wie ein verspäteter Königsmord“ vorkommen muss.
In den nächsten Wochen werden sie trotz ihrer gegenseitigen Abneigung viel miteinander zu tun haben: Wenn sie auf Druck des MAN- und Scania-Großaktionärs Volkswagen über eine Fusion verhandeln. Doch nicht zuletzt aufgrund ihres gespannten Verhältnisses wird wahrscheinlich einer von ihnen seinen Hut nehmen müssen, wenn es zur Laster-Allianz kommt. Und momentan pfeift es von den Dächern, dass Leif Östling das Feld als verspätet gemordeter König verlassen wird.
David Wengenroth



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