Wenn Anachronisten Avantgarde predigen

Nicht nur im Internet, sondern auch in der Sphäre der alten Medien gehört “Web 2.0” seit Monaten (spätestens seit der Übernahme von YouTube durch Google) zu den beliebtesten buzzwords. Gerne fordern Wirtschaftsjournalisten in ihren Leitartikeln, dass sich die Medienhäuser auf die jüngsten Entwicklungen im Netz einstellen müssen. Interessant dabei ist der zu beobachtende performative Widerspruch, soll heißen: Ausgerechnet die Tages- und Wochenpresse fordert Avantgarde - ist selbst aber zutiefst anachronistisch aufgestellt, weil sie nicht einmal ihre Hausaufgaben im Web 1.0  erledigt hat.

Ein Blick auf die heutige ecolot.presseschau zeigt die Schizophrenie der Verlage: Bis auf die Financial Times Deutschland (die auch ein feines Podcast-Angebot vorhält, siehe ecoblog vom 17.10.2006), die ihre Print-Artikel fast komplett ins Netz stellt, und ansatzweise die Süddeutsche verschließen sich die Tageszeitungen weitestgehend mit ihrer Berichterstattung gegenüber der Internet-Klientel.

Doch wie sollen die Dinosaurier der Medienlandschaft jemals die Überalterung ihrer Klientel stoppen, wenn sich sich so konsequent einer jüngeren Zielgruppe verschließen? Sind solche späten Einsichten, wie jüngst von Springer-Chef Mathias Döpfner vorgebracht (die Zukunft der Zeitung sei digital, die Zeitung werde demnächst nicht mehr gedruckt, sondern auf elektronischem Papier erscheinen), bei den Wettbewerbern immer noch nicht angelangt? Was ist mit Google News und dem wachsenden Einfluss der Blogger, die von Internetnutzern als neue Informationsquellen genutzt werden? Geschehen solche Entwicklungen im blinden Fleck der Printpresse-Beobachter?

Eine kluge Analyse der Herausforderungen von Printmedien im Internetzeitalter hat der Medienberater Robin Meyer-Lucht (hier sein Open BC- oops, Xing-Profil) für den perlentaucher geschrieben. Statt Leser mit “schalem Durchschnitt, agenturschwangerer Massenware und Me-too-Journalismus” zu konfrontierten, müsse Journalismus online besser und spezieller werden, als er es in der Zeitung häufig gewesen sei. “Es gilt, einen Übergang zu finden, von der autoritären Führung eines Journalismus mit Print-Oligopol zur charismatischen Führung eines Journalismus unter den Bedingungen frei flottierender Nutzer.”

Schöne Worte, mit denen der Autor jedoch leider schon einen Schritt zu weit vorauseilt. Denn solange die Pressehäuser online nicht einmal die Qualität der Offline-Ausgaben erreichen, bleibt die Kluft zwischen der gewünschten Avantgarde und dem praktizierten Anachronismus.

Daniel Lenz

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