Vor der morgigen Siemens-Hauptversammlung sind die Wirtschaftszeitungen jetzt schon in heller Aufregung. Kein Wunder: Der Konzern kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Schlägt morgen für Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und den Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer die Stunde der Wahrheit?
Theoretisch könnte es morgen für die beiden morgen richtig ungemütlich werden. Der Verein der Belegschaftsaktionäre hat zum Beispiel beantragt, den Vorstand nicht zu entlasten. Theoretisch könnte dieser Antrag eine Mehrheit der Aktionäre finden. Aber diese Gefahr dürfte Kleinfeld und Pierer kaum die Nachtruhe verderben. Mehr oder minder wütende Kleinaktionäre gehören bei den Hauptversammlungen großer Konzerne zur Grundausstattung. Gegen die Mehrheiten der institutionellen Anleger können sie in aller Regel nichts ausrichten – und so wird es auch bei Siemens sein. “Aktionärsschützern und Belegschaftsaktionären geht es vor allem um ein Symbol. Sie sähen ihr Ziel erreicht, wenn der Vorstand 89 statt der üblichen 99 Prozent bekommt”, schreibt Marcus Balser heute in der Süddeutschen.
Wie ärgerlich. Dabei versucht gerade die Süddeutsche seit Wochen, den Aufsichtsratschef und seit neustem auch den Vorstandsvorsitzenden wegzuschreiben: Erst heute hat sie wieder in einem Kommentar seinen Rücktritt gefordert. Damit steht sie nicht allein (siehe zum Beispiel Handelsblatt in der ecolot.presseschau vom 11. Dezember 2006). Und gute Gründe hat sie dafür auch noch, zumindest was Pierer angeht. Schließlich kann als erwiesen gelten, dass in dessen Zeit als Vorstandsvorsitzender Hunderte von Mio Euro als Schmiermittel durch schwarze Kassen flossen. Angesichts dessen ist die Hartnäckigkeit, mit der der Manager einen Rücktritt ausschließt, geradezu bewundernswert. Im Interview mit der Welt am Sonntag erklärte er schlicht: “Die Frage stellt sich mir nicht. Denn ich habe mir nichts vorzuwerfen.” (siehe ecolot.presseschau vom 18. Dezember 2006).
Trotzdem dürften sowohl Kleinfeld als auch Pierer die morgige Hauptversammlung mit einigem Sitzfleisch einigermaßen unbeschadet überstehen. Für die Fonds und Banken, die die meisten Siemens-Aktien besitzen, sei “die geschäftliche Entwicklung des Konzerns wichtiger”, erklärt Annette Ruess auf wiwo.de. “Und Kleinfeld will die Investoren mit guten Quartalszahlen, die kurz vor der Hauptversammlung veröffentlicht werden, besänftigen.” Wenn sie ähnlich gut ausfallen wie die des vorletzten Quartals (siehe ecolot.presseschau vom 10. November 2006), dürfte ihm das ohne weiteres gelingen.
Mit anderen Worten: Es wird morgen eine Menge Geschrei geben in München, aber richtig aufregend ist die ganze Veranstaltung eher nicht. Die wirklich spannenden Dinge werden in den nächsten Wochen hinter verschlossenen Türen passieren, und mutmaßlich ohne großes Geschrei. Wenn der Aufsichtsrat zum Beispiel über den Vertrag von Klaus Kleinfeld entscheidet, der im April zur Verlängerung ansteht.
David Wengenroth



0 Kommentare zu “Raus der Klaus?”