Es schreibt sich so leicht: “Optimierung” hier, “Gewinnsteigerung” da. Die Zeit beschreibt in einem ausführlichen “Dossier” (leider nicht online), was die Maßnahmen der Wiedekings, Ober- und Diekmanns bei den Betroffenen körperlich und seelisch anrichten: Leistungsdruck und Arbeitsplatzunsicherheit machen im wahrsten Sinne des Wortes krank vor Angst.
“Jetzt ist es keine 24 Stunden her, da hat er den ganzen Tag durchgeheult. Die Angst ist wieder da. Seit drei Wochen kämpft er jeden Morgen um sein Leben, das er sich am liebsten nehmen will. (Er) ist stark suizidgefährdet. Schlafen kann er nur, weil er irgendwann erschöpft ist vor Angst.” Der Mann, dessen Martyrium Autor Christian Schüle schildert, ist “erfolgsverwöhnte Führungskraft in einem großen Versicherungsunternehmen”, in dem Personal abgebaut und Gewinne maximiert werden.
Schüle stellt die Ergebnisse von medizinischen Untersuchungen vor, die den Zusammenhang zwischen bedrohlichen Veränderungen am Arbeitsplatz und der “Angstkrankheit” belegen. Nach Auskunft des Düsseldorfer Medizinsoziologen Johannes Siegrist gehört “Angst in Verbindung mit Depression zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen Industriestaaten” und wird “nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 nach den kardiovaskulären Ursachen zur zweithäufigsten aufsteigen”.
Nach japanischen und deutschen Studien leiden Arbeitnehmer, die Angst vor Entlassung haben, viermal so häufig unter Depressionen wie andere, die diese Angst nicht haben.
“Der Beruf hat für das seelische und körperliche Wohlergehen des Einzelnen heute eine immense Bedeutung, weil er drei elementare Existenzbedürfnisse befriedigt: das Selbstwertgefühl, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und das Gefühl von Zugehörigkeit”, analysiert Schüle. “Wenn diese grundlegenden Bedürfnisse nun durch Radikalisierung des Wettbewerbs, durch Konkurrenzkämpfe, durch Verlagerung der Produktion ins Ausland, Lohndruck, Kostendämpfung, Stellenabbau, zunehmende Rationalisierung und Mobbing bedroht sind, pathologisiert sich die permanente Verunsicherung zur Angst.”
In dieser Woche wollen wir in dieser Kolumne einmal nicht vorrechnen, wer gerade wieder wie viele Jobs rasieren will. Lassen wir die Informationen aus dem Zeit-”Dossier” stattdessen einfach mal so stehen.
Damit wir in Zukunft daran denken, wenn wir “Optimierung” und “Gewinnsteigerung” lesen.
David Wengenroth
PS: Jeder siebte Angstpatient begeht Selbstmord.



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