“Personalanpassungen gehören zu einer Marktwirtschaft. Sie sind absolut nicht unethisch”, erklärt in einem Zeit-Interview der scheidende Altana-Chef Nikolaus Schweickart, der in Zukunft an der Uni Frankfurt Kontrolle und Ethik von Unternehmen lehren wird. Soso. Steigen wir doch einmal hinab von den lichten Höhen der Abstraktion und suchen die Spuren des frisch gebackenen Dozenten in den Ebenen der Presselandschaft.
In der vergangenen Woche machte das (noch) von Schweickart geführte Unternehmen Schlagzeilen durch die höchste Dividende, die jemals an einen einzelnen Aktionär gezahlt worden ist: Knapp 2,4 Mrd Euro an Quandt-Erbin Susanne Klatten. Den Löwenanteil des Geldes hat Altana durch den Verkauf seiner Pharma-Sparte an die dänische Nycomed-Gruppe eingenommen, die ihrerseits angekündigt hat, rund ein Zehntel der Jobs in der übernommenen Sparte zu streichen.
Aber, wir erinnern uns, Personalanpassungen sind ja “absolut nicht unethisch”.
Als der Verkauf der Pharma-Sparte an Nycomed im September vergangenen Jahres bekannt wurde, kam er einigen Kommentatoren gleich dänisch vor. Die Welt schrieb: “Die Dänen sind dreimal kleiner als das Medikamentengeschäft von Altana. Hier wackelt künftig der Schwanz mit dem Hund.” Während die Sparte für das 1,9-fache des 2005er-Umsatzes von Altana den Eigentümer wechsele, habe jeder deutsche Generika-Hersteller, der in den letzten beiden Jahren verkauft wurde, mindestens das 2,3-fache des Vorjahresumsatzes erzielt. “Dies zeigt, wie groß die anstehenden Aufräumarbeiten bei Altana Pharma sein müssen und wie düster die Zukunftsaussichten sind.”
Die Süddeutsche entsann sich dunkel, dass Schweickart noch im Februar einen Verkauf der Sparte an Finanzinvestoren ausgeschlossen hatte. Nycomed sei aber nichts anderes als eine Vertriebsplattform, hinter der ein Konsortium aus Investoren steht. Schweickart müsse offenbar eingestehen, dass kein Arzneimittel-Hersteller seine Pharma-Sparte für gewinnträchtig hält, kommentierte die SZ.
Was die Wirtschaftskommentatoren im September nur ahnten, hatten sie im November schwarz auf weiß: Die Pharma-Sparte des Konzerns war heruntergewirtschaftet. In einem Bericht malte der Vorstand schwarz für die nächsten Jahre: Durch Rückschläge bei zwei Atemwegsprodukten werde nach Ablauf des Patents für das Magen-Darm-Mittel Pantoprazol 2009 und 2010 “eine erhebliche Umsatz- und Nachschublücke entstehen, die zu einem wesentlichen Ergebnisrückgang führen wird”. In einem Kommentar schäumte die Süddeutsche, weil das Management sich jahrelang für seine Erfolge hatte feiern lassen, ohne die Euphorie rechtzeitig zu bremsen. Es sehe so aus, als sollte durch den Verkauf an Nycomed die Verantwortung für die kommende Misere weitergeschoben werden.
Entsprechend tobten Klein- und Privatanleger auf der Altana-Hauptversammlung im Dezember und nannten den Verkauf der Pharma-Sparte eine “unternehmerische Bankrotterklärung”. Die Süddeutsche begleitete das Konzert der Kritiker wiederum mit dem Kommentar, der Vorstand sei seiner Verantwortung gegenüber Aktionären, Mitarbeitern und Patienten nicht gerecht geworden.
Was falsch gelaufen ist unter der Ägide des angehenden Wirtschaftsphilosophen Schweickart? Die Financial Times Deutschland analysierte bereits im Herbst die Misere der deutschen Pillendreher: Diese hätten durch die Fokussierung der Forschung auf wenige Therapiefelder international den Anschluss verloren. “Altana, Merck, Schering und Bayer haben sich vor Jahren auf eine Art Monokultur bei der Medikamentenentwicklung eingeschossen”, schrieb die FTD. Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel Boehringer Ingelheim: Das Unternehmen beackere 7 Therapiefelder, “wächst, blüht und steht nicht zum Verkauf.”
Vor diesem Hintergrund kann man sich Schweickards Aussage, Jobabbau sei “absolut nicht unethisch”, noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Aber Vorsicht: Sie schmeckt bitter.
David Wengenroth
P.S.: Ist ein Manager mit dieser Bilanz geeignet, Studenten etwas über Wirtschaftsethik beizubringen? Sagen wir mal so: Im Dezember veröffentlichte Capital eine Rangfolge der eitelsten Chefs von Dax-Konzernen. Dafür hatte das Magazin Pressemitteilungen, Interviews, Geschäftsberichte etc. daraufhin untersucht, wie sehr sich die Konzernlenker in ihnen hofieren lassen. Alles streng wissenschaftlich ausgewertet nach Kriterien, die Wissenschaftler der Pennsylvania State University entwickelt hatten. In diesem Gecken-Ranking belegte Schweickart den 2. Platz – noch vor notorischen Pfauen wie Dieter Zetsche und Wolfgang Reitzle. Eine unter akademischen Lehrern weit verbreitete Charaktereigenschaft scheint er also wenigstens mitzubringen.



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