Für den Ausgang der Machtprobe zwischen dem Telekom-Management und der Gewerkschaft Verdi spielt eine wichtige Rolle, wer die Öffentlichkeit auf seine Seite bringen kann. In der vergangenen Woche konnte die Gewerkschaft einen Punktsieg verbuchen: In der Wirtschaftspresse wächst die Kritik am Konfrontationskurs von Telekom-Chef René Obermann und an der Liberalisierungspolitik der Bundesregierung.
Am Montag führte der Spiegel seinen Lesern vor Augen, welche dramatischen Auswirkungen ein Erfolg des Telekom-Managements haben werde. Das Magazin geizte nicht mit starken Vokabeln: “Wankende Titanen” in der Überschrift, “volle Wucht”, “existenzielles Duell” und “Zeitenwende für den Rest der Wirtschaft” im Vorspann. Nie zuvor habe ein Konzern Vergleichbares versucht, wie Obermann es mit der Verschiebung von 50.000 Mitarbeitern in Billiglohn-Töchter vorhat. Wenn er Erfolg habe, würden auch andere Konzerne nachziehen – und damit werde sich die gesamte soziale Landschaft der Republik verändern.
Ebenfalls am Montag kritisierte die Süddeutsche Zeitung heftig die harte Gangart, die der Vorstand im Arbeitskampf anschlägt. Obermanns Drohung, die Service-Einheiten zu verkaufen, sei wenig glaubwürdig, schrieb die SZ und stellte die rhetorische Frage: “Wer sollte die Einheiten kaufen, zumal dort zwei Fünftel der Beschäftigten unkündbare Beamte sind.” Durch Prämien für Streikbrecher und Kündigungsdrohungen durch Vorgesetzte stärke die Telekom-Führung außerdem nur den Widerstandswillen der Streikenden.
Ein ungewohnt heftiger Angriff gegen den Konzernchef war am Dienstag in der Financial Times zu lesen, die bisher nicht unbedingt durch eine kritische Haltung gegenüber Obermanns Sparplänen aufgefallen war. Kolumnist Lucas Zeise geißelte die Strategie des Vorstandes, der mit seiner “sinnlosen Lohndrückerei” nicht einmal im Interesse der Telekom-Aktionäre handele. “Der Ausgliederungsplan ist ein schlichter Versuch, durch Senkung der Personalkosten ein wenig mehr Gewinn herauszuholen”, schrieb Zeise. Stattdessen täte Obermann aber besser daran, den Service seines Unternehmens zu verbessern.
Die Zeit, die auch in der Vergangenheit Zweifel an Obermanns Rotstift-Strategie geäußert hatte, legte am Donnerstag nach und lenkte den Blick auf die politisch gewollte Deregulierung des Telekommunikationsmarktes. “Offensichtlich sind die Mitarbeiter der Telekom nicht länger bereit, eine Liberalisierungspolitik zu akzeptieren, die nach ihrer Auffassung allein zu ihren Lasten geht.” Schließlich sei der Kundenschwund, mit dem die Telekom zu kämpfen habe, gerade Ziel der Deregulierung. “Eine Bremse wurde seinerzeit nicht eingebaut. Das bekommen jetzt die Beschäftigten zu spüren.”
David Wengenroth
P.S.: Im Windschatten des Telekom-Streiks kündigt ein weiterer Telefon-Anbieter Grausamkeiten an: Wie die Zeitungen berichten, stehen bei dem Mobilfunker O2 1000 Jobs auf der Kippe – über 20% der gesamten Belegschaft. Grund: Den Eigentümer, die spanische Telefónica, ärgert es maßlos, dass O2 der ertragsschwächste Mobilfunkanbieter in D ist. Eine Studie habe “massive Schwächen in der IT und eine Vielzahl ineffizienter Abläufe” offengelegt. Das Unternehmen hat die Zahl von 1000 gefährdeten Jobs zwar nicht bestätigt, wohl aber die Absicht, Stellen abzubauen (hier mehr dazu aus der Süddeutschen).



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