Manche Zeitgenossen klagen, es gehe uns Deutschen viel zu gut. Die Lektüre der Wirtschaftspresse in der vergangenen Woche stützt diese These: Die Zeitungen berichteten, dass derzeit ein Drittel der Obst- und Gemüseernte auf den Feldern verfault – ohne dass der dafür verantwortliche Bundesarbeitsminister die verdiente Prügel bezogen hätte. Dabei ist der Ernteausfall die direkte Folge einer zynischen, fremdenfeindlichen und realitätsfernen Politik.
Wir erinnern uns: Vor zwei Jahren brachte Franz Müntefering auf dem Höhepunkt der Hartz-4-Populismuswelle das so genannte “Eckpunktepapier” auf den Weg. Dessen erklärtes Ziel war es, 10% der im Jahr 2005 zugelassenen rund 325.000 mittel- und osteuropäischen Erntehelfer durch deutsche Arbeitslose zu ersetzen (hier noch einmal nachzulesen in einer Meldung der Süddeutschen).
In manchen Medien zieht Münteferings populistische PR-Aktion heute noch. So geiferte in der Bild-Zeitung vergangene ausgerechnet der gelackte Georg Gafron, “wir Deutschen” seien uns offenbar “zu fein für diese Arbeit”. Wer Zeit hat, der möge ein wenig verharren bei der Betrachtung dieser fast rührenden Einfalt eines intellektuell Überforderten.
Wer stattdessen einmal die Perspektive wechselt, erkennt schnell den Zynismus der Münte-Maßnahme: Über 30.000 Arbeitswilligen aus Osteuropa, für die der Ernteeinsatz in Deutschland zwar eine mörderisch schwere, angesichts des Preisniveaus in ihrer Heimat aber wenigstens sehr gut bezahlte Arbeit ist, wurde bedeutet: Ihr müsst leider draußen bleiben. Begründung: Wir wollen unseren deutschen Arbeitslosen zeigen, was eine Harke ist. Beziehungsweise ein Spargelstecher.
Stattdessen wurden deutsche Arbeitslose, für die der Ernteeinsatz angesichts hiesiger Lebenshaltungskosten eine ebenso mörderische, aber eben bei weitem nicht so gut bezahlte Arbeit ist, unter Androhung der Leistungskürzung abkommandiert. Einziger Sinn der Übung: Um ihnen Beine zu machen. Da feiert der gute alte Arbeitslager-Gedanke fröhliche Urständ. Und das ganze wurde als entschlossenes Handeln gegen die Massenarbeitslosigkeit verkauft. Zynischer geht’s kaum.
Alle Beteiligten – deutsche Arbeitslose, osteuropäische Arbeitswillige und die Bauern – haben die Maßnahme von Anfang an als die reine Schikane empfunden, die sie war. Und – sofern möglich – ihre Konsequenz gezogen: Die osteuropäischen Arbeiter ziehen in andere Länder weiter, in denen sie sich nicht mit solcher bürokratischen Willkür herumschlagen müssen. Die deutschen Arbeitslosen drücken sich, so gut sie können.
Nur die betroffenen Landwirte stehen daher mit ihrem faulenden Grünzeug. Manchmal wünscht man sich, unsere deutschen Bauern wären ähnlich kampfeslustig wie die französischen. Dann wäre sie längst in Berlin aufmarschiert, um Müntes Ministerium unter Bergen von stinkenden Spargelresten zu begraben.
Aber so bezieht er nicht einmal seine verdiente Prügel von der Wirtschaftspresse.
David Wengenroth



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