Manchmal ist die Lektüre der Wirtschaftspresse ein Fest. Vor allem in den seltenen Fällen, in denen ein selbsternannter und -verliebter Sanierer sein Fett wegkriegt. So wie jetzt der in den Medien bisher unerträglich dauerbeweihräucherte EnBW-Chef Utz Claassen. Vergangene Woche gab das Handelsblatt endlich die Parole aus: Stutz den Utz!
Am Mittwoch ließ Utzi zunächst seine Version verbreiten, nachzulesen zum Beispiel bei vanity-fair.de: Er “stehe für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung”, ließ der EnBW-Chef verbreiten, und das habe “strukturelle, professionelle, persönliche und familiäre Gründe”. Der Vorstandschef “sehe seine Mission mit der erfolgreich abgeschlossenen Sanierung und drei Rekordergebnissen als erfüllt an”, hieß es in einer Mitteilung. Er wolle sich nach Ablauf seines Vertrags “anderen Dingen zuwenden”. Und weil er ja im Badischen so erfolgreich saniert hatte, reichten “Spekulationen über seine Zukunft von einer unternehmerischen Betätigung bis hin zu einem Wechsel in die Politik.”
Was tönte da der Lobgesang auf den “Querdenker”, zum Beispiel im Leitartikel der FTD (hier). Der “hochbegabte, umtriebige Manager” habe die Diskussion um die Zukunft der Energiewirtschaft ungemein bereichert, der “erfolgreiche Unternehmenssanierer”.
Oder in der Welt: “Geschäftlich hat der ehemalige McKinsey-Berater Claassen große Erfolge bei EnBW vorzuweisen. Aus einem Mischkonzern, der unter hohen Verlusten nebenher mit Schuhen handelte und Fensterprofile baute, machte er in den vier Jahren seiner Amtszeit den viertgrößten Energieversorger Deutschlands.” Die Aktionäre habe vor allem aufgebracht, dass er für immer neue andere Spitzenämter wie die Nachfolge von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn gehandelt worden sei (hier).
Oder in der Süddeutschen: Gemäß seinem persönlichen Credo “Klarheit, Wahrheit und Konsequenz” schmeiße der Sanierer Utz nach 4 Jahren hin, “weil er sich von Großaktionären ausgebremst fühlt” (hier ein Bericht).
Und wo nicht der Lobgesang erscholl, waberte es wachsweich, wie etwa in der FAZ: Es sei “wahrscheinlich, dass Claassen zwischen die Fronten der Großaktionäre geriet”, analysierte diese: “Das Verhältnis zwischen den ENBW-Großaktionären, dem französischen Energiekonzern Electricité de France (EDF) und dem Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW), einem Zusammenschluss von Landkreisen, gilt als zerrüttet.” (Hier)
Bullshit.
Als einzige führende Wirtschaftszeitung zapfte das Handelsblatt nicht nur die naheliegendste Informationsquelle an, sondern berichtete auch ohne Tand und rosa Brille, was es dort zu erfahren gab: In Claassens Umfeld erfuhren die Kollegen, dass Utzi durch seinen freiwilligen Rückzug nur einem unfreiwilligen zuvorgekommen war. Und zitierten einen Manager mit der Aussage, Claassen hinterlasse im Konzern verbrannte Erde. Und formulierten in aller wünschenswerten Klarheit: “Claassens Führungsstil, den selbst Freunde als ‘knallhart’ und andere als ‘bösartig’ bezeichnen, war im Schwabenland ebenso ungewohnt wie unbeliebt.” Die wichtigsten Sanierungsschritte für den Konzern seien schon vor seinem Amtsantritt geplant worden, dafür habe der Manager ein Millionengehalt kassiert und einen Stab von Medienberatern beschäftigt, “der zeitweilig eine Stärke von bis zu 20 Mann erreicht habe”.
Am Freitag bediente sich das Handelsblatt aus einer nicht ganz so naheliegenden, aber dafür noch interessanteren Quelle: einem internen Papier des EnBW-Großaktionärs Electricité de France (EdF), in dem eine vernichtende Bilanz der Amtszeit des Managers gezogen wird. Wegen unternehmerischer Fehlentscheidungen sei das Unternehmen derart heruntergewirtschaftet, dass es “bestenfalls noch als baden-württembergischer Regionalversorger zu betrachten” sei. Außerdem habe Claassen eine “Kultur des Misstrauens und der Intrige” geschaffen. “Man müsse heute mit den Methoden von Kopfgeldjägern nach Leuten suchen, die noch dazu bereit seien, in der Unternehmenszentrale zu arbeiten”, zitierte das Handelsblatt.
Man muss und man kann das Handelsblatt nicht immer lieben. Aber in diesem Fall hat es ausgesprochen, was Andere zwischen Phrasen und Lobhudelei allenfalls andeuteten. In diesem Fall hat es sich von der Inszenierung eines ehrgeizigen Selbstdarstellers nicht einwickeln lassen. Mit anderen Worten: Als einziges führendes Wirtschaftsblatt hat es seinen Job gemacht. Danke, Handelsblatt!
David Wengenroth



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