Freitagskolumne: Deutschland, ein Mindestlohnmärchen

Prolog: Es war einmal ein böses Monster namens Mindestlohn, das lebte in den Albträumen der FAZ-Wirtschaftsredakteure und fraß Arbeitsplätze…

Erstes Kapitel: Vor einem Jahr war in Deutschland Fußball-WM, und dieser Tage liest man immer wieder, wie lockerundweltoffen die Deutschen durch diese wunderbare Erfahrung geworden sind. Das schreibt sich schön und liest sich gern und wäre wirklich zum Jauchzen, wenn es nicht vollkommener Unsinn wäre.

Direkt nach dem Fußballspektakel hob in unserem Land zum Beispiel eine ganz und gar ungelockerte Debatte darüber an, warum man in Kneipen immer noch rauchen darf, und jetzt darf man es bald nicht mehr. Eine neue Weltoffenheit kann man allenfalls darin sehen, dass maulende Raucher gerne mit dem Argument zurechtgewiesen werden, in Amerika zum Beispiel sei das schon lange so und “da geht es schließlich auch”.

Zweites Kapitel: Nun wird dasselbe Argument auch in der Diskussion über gesetzliche Mindestlöhne angeführt. Die gibt es bekanntlich auch schon seit langem in den USA und Großbritannien, und “da geht es doch schließlich auch”. “Bullshit!”, würde dagegen allerdings die FAZ sagen, wenn sie solche Worte benutzen würde. Erst heute schrieb sie über die neuen Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg: “Die hohe Sockelarbeitslosigkeit unter gering Qualifizierten wird Deutschland freilich noch lange erhalten bleiben – desto länger, je stärker die Politik jetzt dazu beiträgt, diesen Bereich weiter zu vernageln, sei es durch die Einführung von Mindestlöhnen oder teure kommunale Arbeitsbeschaffung.”

Als unbefangener Leser kann man sich fragen: Was hat eigentlich die Sockelarbeitslosigkeit, die wir haben, mit dem Mindestlohn zu tun, den wir nicht haben? Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein die FAZ: Keine andere Wirtschaftszeitung beschwört den Mindestlohn derart häufig als ökonomischen Gottseibeiuns, und man fragt sich manchmal, ob die Wirtschaftsredakteure der Frankfurter vielleicht traumatische Kindheitserfahrungen mit Mindestlöhnen gemacht haben.

Drittes Kapitel: Wenn man allerdings mal eine Zigarette lang über den Zusammenhang zwischen dem Mindestlohn und den Arbeitsmarktperspektiven von gering Qualifizierten nachdenkt, kann man schon vor dem Ausdrücken zu dem Ergebnis kommen, dass die Frage mit “ja oder nein” falsch gestellt ist.

Die Zeit erklärt zum Beispiel, dass der Mindestlohn als solcher auf dem Arbeitsmarkt gar nix vernagelt. Ökonomische Untersuchungen belegten zwar, dass ein hoher Mindestlohn von 7,50 Euro, wie die Gewerkschaften ihn fordern, tatsächlich Jobs vernichten könnte. Aber: “Ein niedriger Mindestlohn von fünf oder sechs Euro hingegen würde nicht nur den Beschäftigten helfen, sondern hätte vermutlich sogar positive Folgen für den Arbeitsmarkt. Durch die Lohngarantie wird es attraktiver, von Erwerbsarbeit zu leben statt von staatlicher Hilfe.”

Viertes Kapitel: Abgesehen davon könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass es um Jobs mit 3 Euro Stundenlohn eigentlich nicht schade ist. Knallhart kapitalistisch formuliert: Wenn ein Arbeitgeber keine Löhne zahlen kann, von denen seine Beschäftigten auch leben können, dann kann er sich eben kein Personal leisten. Und wie wir diese Woche im Handelsblatt nachlesen konnten, erwartet die Bundesagentur für Arbeit bis Ende 2008 einen fetten Überschuss von 24 Mrd Euro. Sie könnte mit anderen Worten den Verlust einiger Hungerlohn-Jobs durchaus wegstecken.

Schluss: Oder steht hinter der kategorischen Ablehnung von Mindestlöhnen ein ganz anderes Motiv? Zum Beispiel die Vorstellung, dass der gering Qualifizierte als solcher zu jeder Art von Arbeit gezwungen werden muss, weil er andernfalls den ganzen Tag Bier trinkt und zuviel raucht? In diesem Fall mag es die Kollegen ein wenig besänftigen, dass er das künftig wenigstens nur noch zu Hause darf.

David Wengenroth

0 Kommentare zu “Freitagskolumne: Deutschland, ein Mindestlohnmärchen”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten