Freitagskolumne: Kein schöner Zug

Wenn ich feststelle, dass die FDP der gleichen Meinung ist wie ich, mache ich mich normalerweise sofort auf die Suche nach meinem Denkfehler. Als ich aber heute in der Welt las (hier), dass die FDP Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kritisiert, war mir sofort klar, dass ich diesmal keinen finden würde.

Und als ich dann noch las, dass die Freidemokraten sich über die Anzeige geärgert haben, die Mehdorn am Donnerstag in der überregionalen Presse geschaltet hat, erschienen mir der liberale Rainer aus Rheinland-Pfalz fast wie ein Brüderle im Geiste. Einen Fehler habe ich dann allerdings doch noch gefunden. “Bei Herrn Mehdorn liegen offensichtlich die Nerven blank”, soll der FPD-Vize gesagt haben. Nein, mein freidemokratischer Freund. Der ist immer so.

Wer das Wirken von Haudrauf-Hartmut etwas aufmerksamer verfolgt, wundert sich durchaus nicht, dass er am selben Tag öffentlich erklärt, im Konflikt mit den Lokführern “kein Öl ins Feuer gießen” zu wollen (nachzulesen hier, ebenfalls in der Welt) und gleichzeitig eine provozierende Anzeige in die überregionale Presse bringt. In der es unter der Überschrift “Die Bahn informiert zum Thema Tarifverhandlungen” heißt: “Eine Forderung von 31 Prozent mehr Gehalt ist absurd (…) Schon heute verdienen Lokführer bei der DB bis zu 25 Prozent mehr als bei unseren Wettbewerbern, nämlich im Schnitt 33.000 Euro brutto im Jahr…”

Nun wurde die (mit Sicherheit teure) Anzeige sicher von den meisten Lesern sowieso nicht ernst genommen. Erstens kann die Bahn ja nicht einmal vernünftig über ihre eigenen Fahrpreise informieren. Zweitens erinnert der putzige Vergleich mit den “Wettbewerbern” an den alten Witz von der Mäusefrau, die stolz der Elefantenfrau erzählt: “Ich habe 2 Gramm abgenommen”, worauf die antwortet: “Ich auch”.

Vor allem aber fragt man sich: Wen soll die Zahl “33.000 Euro brutto” beeindrucken? In de Wirtschaftspresse konnte man in den vergangenen Wochen allerlei Giftiges über die Lokführergewerkschaft und ihren Streik lesen. Aber zu der Behauptung, ihre Mitglieder würden doch eigentlich ganz ordentlich bezahlt, ließen sich selbst die wütendsten Kritiker nicht hinreißen. Wohl wurde die monströs erscheinende Hausnummer “Plus 31%” aufs Korn genommen. Aber dass die 1500 bis 1700 Euro, die ein Triebwagenfahrer im Monat netto nach Hause trägt, für seinen verantwortungsvollen und aufreibenden Job ein reichlich knappes Salär sind, wird kaum jemand ernsthaft bestreiten können.

Stattdessen werden den Streikwilligen in der Wirtschaftspresse – vor allem nach der Einigung der Bahn mit den anderen Bahnergewerkschaften andere Argumente entgegengehalten, die alle ein stark nach “Pech gehabt” klingen: Die Bahn dürfe sich auf einen separaten Lokführer-Tarif nicht einlassen, weil dann auch andere Berufsgruppen eigene Tarife fordern könnten; Mehdorn könne die Gewerkschaft Transnet nicht brüskieren, die mit der Lokführergewerkschaft um Macht und Mitglieder konkurriert und doch schließlich seinen Börsengang unterstütze. Und so ähnlich und so fort.

Mit anderen Worten: Die Forderungen der Lokführer sind gar nicht so “absurd” wie Mehdorn großflächig anzeigen lässt. Sie passen in erster Linie dem über Jahrzehnte hinweg gewachsenen Kartell aus Bahn-Vorstand und Großgewerkschaften aus taktischen Gründen nicht in den Kram. Die Ergebnisse der heute gescheiterten Gespräche (hier aus der Welt) zeigen: das Kartell will keine sachgerechte Lösung, es will die aufmüpfige Lokführergewerkschaft durch öffentlichen Druck in die Knie zwingen.

Das ist kein schöner Zug. Aber die Wahrheit ist manchmal Hartmut.

David Wengenroth

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