Eins muss man Gerhard Schröder lassen: Er hat es offenbar geschafft, fast eine komplette Journalistengeneration mit Blindheit zu schlagen. Immer wieder findet man seine Behauptung nachgeplappert bzw. abgepinnt, mit den so genannten Hartz-Reformen lasse sich die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen – wie vergangene Woche wieder in Capital. Mit Verlaub: Wer das glaubt, der hält auch Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten.
Der Reihe nach: Da stößt man also in Capital auf einen Artikel über die Auswirkungen des Aufschwungs auf den Arbeitsmarkt. Interessant.
Darin liest man, dass es spürbar mehr Arbeitsangebote für Langzeitarbeitslose gibt und ihre Zahl nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in diesem Jahr um 300.000 sinken könnte. Wie erfreulich.
Der Autor verheimlicht nicht, dass es für eine Entwarnung zu früh ist, weil die Zahl der Langzeitarbeitslosen im nächsten Konjunkturtief auf einen neuen Rekordstand klettern könnte. Leider ja.
Dann schreibt er: “Der Doppelpack Aufschwung und Hartz-Reform kann diese Gesetzmäßigkeit brechen.” Wie bitte?
Von diesem Punkt an darf man staunen. “Arbeitslose müssten allerdings über die Strategie des ‘Forderns und Förderns’ – also Qualifikation bei gleichzeitigem Nachweis intensiver Stellensuche – an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden, sagt IZA-Experte Eichhorst. ‘Diese Möglichkeiten werden längst nicht ausgeschöpft.’ Die Arbeitsagenturen hätten zu viele Manschetten, den Erwerbslosen auf die Füße zu treten.”
Wie jetzt. Hat der Autor seine eigene Feststellung, dass die Zahl der Arbeitsangebote für Langzeitarbeitslose gerade erst wieder allmählich zunimmt, schon vor Fertigstellung des Artikels selbst wieder vergessen? Haben wir nicht gerade erst aus seiner eigenen Feder erfahren, dass die Zahl der Dauer-Erwerbslosen trotz kräftigen Aufschwungs in diesem Jahr bestenfalls von rund 1,5 Mio auf 1,2 Mio sinken wird? Wieso lässt er angesichts dieser Fakten einem “Experten” eine solche Aussage durchgehen, ohne zumindest die ins Gesicht springende Frage zu stellen: Welches Ergebnis soll, bitte schön, der “Nachweis intensiver Stellensuche” bei diesem niederschmetternden Verhältnis von Angebot und Nachfrage zeitigen?
Die traurige Antwort ist wohl, dass sich in 7 Schröder-Jahren Gerhards gehässiges Erbe unauslöschlich in die Schreiberhirne eingegraben hat: Der Arbeitslose als solcher sei in erster Linie ein Faulenzer, dem man ordentlich “auf die Füße treten” müsse, damit er sich endlich eine Arbeit sucht.
Wahrscheinlich wird in der Capital-Redaktion nicht der Dortmunder Lokalteil der Westfälischen Rundschau frequentiert. Wenn das der Fall wäre, könnten die Kollegen zum Beispiel heute die Geschichte eines Mannes lesen, der drei Jahre lang für 1300 Euro brutto bei 45-Stunden-Woche für den Discounter Tedi geknechtet hat. Nur so als Beispiel. Mit anderen Worten: Das Problem ist weit größer, als sogar die immer noch unerfreuliche Arbeitslosenstatistik erkennen lässt. Nicht alle, die aus ihr verschwinden, können von ihrem Job auch leben.
Gelegentlicher Kontakt zur Realität hilft manches zu verstehen. Zum Beispiel, warum die Arbeitsagenturen “Manschetten” haben, “den Erwerbslosen auf die Füße zu treten”.
David Wengenroth



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