Freitagskolumne: Pawlowsche Presse

Der Verkauf der Siemens-Handysparte an BenQ gilt als schwerer Managementfehler, denn er kostete letztlich 2500 Jobs. Der Verkauf von Siemens VDO an Continental wird in der Wirtschaftspresse gefeiert. Er könnte 7000 Jobs kosten. Der spontane Hurra-Reflex funktioniert trotzdem.“Der neue Siemens-Chef Peter Löscher legt einen guten Start hin”, lobte die FTD. “Da mag die Börse grummeln, wie sie will: Der Doppelschlag von Siemens, den Automobilzulieferer VDO an Continental zu verkaufen und gleichzeitig den US-Medizintechnikhersteller Dade Behring zu übernehmen, ist für die beteiligten Konzerne strategisch sinnvoll und für den Standort Deutschland uneingeschränkt positiv” jauchzte das Handelsblatt.

Dabei stehen hinter dem Deal auch abgesehen vom drohenden Jobabbau mindestens so viele Fragezeichen wie Nullen im Kaufpreis – und es ist nicht so, als wenn die Kommentatoren die nicht sehen würden. Die FTD selbst weist daraufhin, dass die 11,4 Mrd für Conti ein Riesenbatzen sind und das Unternehmen seine liebe Mühe haben wird, sie an anderer Stelle wieder hereinzusparen.

Eine besondere Würdigung verdient der Kommentar der Neuen Zürcher (leider nicht online): “Die IG Metall schimpfte gleichwohl und erklärte, sie habe im Aufsichtsrat dagegen gestimmt. Das könnte man je nach Sichtweise aber auch als Komplement für Continental auffassen.” Dass Conti-Chef Manfred Wennemer “nicht wie TRW bereit war, Arbeitsplatzgarantien abzugeben, ist richtig, denn was würde die teure Akquisition nützen, wenn keine Synergien gehoben würden? Diese sind mit ab dem Jahr 2010 prognostizierten 170 Mio. € ohnehin gering…”

Mit anderen Worten: Die Übernahme ist sauteuer, bringt keine Synergien und kostet Arbeitsplätze: Applaus!!! Schwyzer Zynismus reinsten Alpenwassers.

Bei Siemens andererseits sieht Löscher sich dem Vorwurf ausgesetzt, sein Prachtstück VDO zu billig abgegeben zu haben. Außerdem hat er sich gerade mal drei Wochen nach seinem Amtsantritt gründlich mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat verdorben. In der Tat ein Super-Start.

Die Frage drängt sich auf, was den neuen Siemens-Chef überhaupt gezwungen hat, gerade mal 3 Wochen nach seinem Amtsantritt und denkbar knapper Einarbeitungszeit eine derart weitreichende Entscheidung durchzupeitschen. Was treibt einen offenbar intelligenten und kultivierten Menschen, eine idiotische Parole wie “Speed! Speed! Speed!” nicht nur öffentlich zu verkünden, sondern tatsächlich nach ihr zu handeln? Hoher Blutdruck? Existenzielle Angst im Angesicht der philosophischen Erkenntnis von der Flüchtigkeit des Daseins? Man weiß es nicht.

Aber bei vielen Wirtschaftsjournalisten funktioniert der Reflex: Sie müssen nur etwas von Mega-Fusion, Millarden Jahresumsatz und industrieller Logik läuten hören, schon läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen und sie wedeln freudig erregt mit dem Stift. Was macht es schon, wenn im Futternapf am Ende vor allem ein Gemisch aus Arbeitsplatzabbau und wirtschaftlichen Risiken landet. Sie müssen – und hier endet die Vergleichbarkeit mit den Pawlowschen Versuchstieren – ihn ja eh nicht selber leer fressen.

David Wengenroth

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