Freitagskolumne: Der Zynismus des Zaren

Marie Antoinette von Frankreich ist als die gekrönte Königin der zynischen Argumentation in die Geschichte eingegangen. Holger Steltzner ist zwar kein richtiger König, sondern als FAZ-Herausgeber nur so eine Art kleiner Pressezar. Doch in der vergangenen Woche hat er eindrucksvoll seinen Anspruch angemeldet, der einzig legitime Erbe Marie Antoinettes zu sein.

Wir erinnern uns: Als am Vorabend der französischen Revolution das Volk vor dem Schloss randalierte, fragte die Königin einen Diener, was die Leute denn eigentlich wollten. Der Lakai antwortete: “Majestät, die Menschen haben kein Brot”, woraufhin Marie Antoinette entgegnete: “Dann sollen sie doch Kuchen essen.”

Ein derart hoher Zy-Faktor ist für einen Wirtschaftsjournalisten in Zeiten der Wohlstandsgesellschaft natürlich kaum zu erreichen. Als aber in den vergangenen Tagen die öffentliche Forderung laut wurde, angesichts steigender Lebensmittelpreise den Hartz IV-Regelsatz anzuheben, muss Steltzner seine Chance gewittert haben, dem zumindest nahe zu kommen.

Also begann er einen Kommentar für sein Blatt: “Das politische Sommerloch lässt sich mit Forderungen nach einer Anhebung der Sozialhilfe ebenso gut füllen, wie mit dem Ärger über die Milch.” Darauf muss man erst einmal kommen: Wenn im Sommer über die Sozialhilfe diskutiert wird, ist sie wohl ein Sommerlochthema. Schwuppdiwupp hat man mit einem kleinen rhetorischen Trick die ernste Frage, was arme Menschen zum Leben brauchen, auf dem selben Niveau wie “5 Euro für den Liter Benzin” oder “Mallorca als 17. Bundesland” angesiedelt.

“Weil im Supermarkt die Milchpreise steigen”, schreibt Steltzner weiter, “sollen die Regelsätze für Hartz IV erhöht werden. (Warum eigentlich nicht auch Löhne und Renten?)” Oder Managergehälter? Nur Spielverderber wenden ein, dass das eine mit dem anderen überhaupt nicht zu vergleichen ist, weil Löhne und Rente in der Regel (gottlob) in beruhigendem Abstand über dem Existenzminimum schweben.

Steltzner aber läuft, einmal in Fahrt, schließlich zu Hochform auf: “Die Milch ist kein Grund für eine außerplanmäßige Erhöhung. Günstigere Telefontarife führen auch nicht zum Absenken der Sozialhilfe.”

Wie schade für ihn, dass die bösen Revolutionäre Marie Antoinette schließlich den Kopf abgeschlagen haben. Nach diesem Finale hätte sie fröhlich in die Hände geklatscht und ihren gelehrigen Schüler auf beide Bäckchen geküsst. “Mon Dieu, ‘olgär, das ist brillant!”, hätte sie gerufen. Milch und Telefontarife – das ist wahrlich der Brot-Kuchen-Vergleich des 21. Jahrhunderts.

Denn wer sieht bei diesem bildhaften Vergleich nicht direkt den frechen Sozialschmarotzer vor sich, der sich die Wartezeit bei der Arbeitsagentur mit Telefonaten auf einem seiner 3 Handys vertreibt und sich zwischen zwei Sätzen lachend ein Stück Kuchen in den Mund schiebt?

Und wie viel beruhigender ist dieses Bild für das Gewissen des gut situierten FAZ-Lesers, als das, was zum Beispiel der Hartz IV-Kommentar des Tagesspiegels in der vergangenen Woche vor unseren Augen entstehen ließ: “Immer mehr Kinder wachsen in armen Verhältnissen auf, erben Armut von ihren Eltern und vererben sie weiter.”

David Wengenroth

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