Freitagskolumne: Arm in Uhlenbusch

Wer in seiner Kindheit die TV-Serie “Neues aus Uhlenbusch” verfolgt hat, erinnert sich an den Briefträger Heini, der die gute Seele des kleinen Dorfes war. Wenn es nach den Kommentatoren in der Wirtschaftspresse ginge, wäre Heini in einer Fortsetzung der Serie eher eine Art Dorfdepp: Der arme Trottel, der bei Wind und Wetter die Post bringt, obwohl er von seinem Hungerlohn nicht einmal leben kann.

Zu der Nachricht, dass die Große Koalition sich für einen Mindestlohn im Postsektor einsetzen will, ätzte etwa der anonyme Leitartikler der Financial Times Deutschland: “Tatsächlich ist die Koalitionseinigung auf einen Mindestlohn im Postsektor auch das Ergebnis sehr erfolgreicher Lobbyarbeit der Deutschen Post. Das Unternehmen, das noch immer zu einem knappen Drittel in Staatseigentum ist, soll möglichst lange vor unliebsamer Konkurrenz geschützt werden.”

Ins gleiche Posthorn stieß die Süddeutsche: Das Briefmonopol auslaufen zu lassen, gehe in Ordnung, weil neue Anbieter den “beamtenähnlichen Briefmarkt” beleben dürften. Doch ein “überhöhter Mindestlohn” von 9 bis 10 Euro für die Stunde sei “fatal”, würde Konkurrenten abschrecken, neue Arbeitsplätze nicht schaffen und bestehende in Gefahr bringen. Keiner könne sich “überteuerte Arbeitskräfte” leisten.

Es bedarf schon einiger Willenskraft, angesichts dieser Kommentare die gallige Frage hinunterzuwürgen, wie viel ihre Verfasser wohl verdienen. Eine andere Frage sollte man ihnen allerdings nicht ersparen: Was ist eigentlich so toll daran, den “beamtenähnlichen Briefmarkt” zu beleben?

Von Privatisierung und Wettbewerb sagt man, dass sie die Versorgung mit Gütern oder Dienstleistungen effizienter und billiger machen. Aber selbst die schärfsten Kritiker der Deutsche Post bestreiten nicht, dass sie ihre Arbeit in Sachen Briefbeförderung im Großen und Ganzen zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt. Was ich heute in den Briefkasten stecke, ist in aller Regel in ein oder zwei Tagen beim Adressaten. Man wüsste nicht recht, was private Anbieter da viel besser machen sollten.

Bleibt das Argument, dass private Anbieter diesen Job vielleicht billiger erledigen könnten. Aber selbst von Unternehmen hat man noch selten die Klage gehört, dass ihnen die Portokosten für einfache Briefsendungen die Luft abschnüren – von Privatkunden ganz zu schweigen. Warum also, liebe Kollegen von der FTD und der Süddeutschen, sollen wir uns unbedingt wünschen, dass private Konkurrenten durch niedrigere Bezahlung ihrer Zusteller einen Preiskampf mit der Post anzetteln können?

Nebenbei: Reich sind die Heinis der Republik durch ihren Beruf noch nie geworden. Die von der SZ intendierte Aussage, ein Mindestlohn von 9 oder 10 Euro werde sie zu “überteuerten Arbeitskräften” machen, ist – mit Verlaub – schon von schwer erträglicher Gehässigkeit.

Vielleicht haben Kollegen, die gegen Mindestlöhne in der Postbranche stänkern, aber auch einfach falsche Vorstellungen von den Geldmengen, die Briefträger bisher nach Hause geschleppt haben. Dann sollten sie sich vielleicht ein paar alte Folgen von “Neues aus Uhlenbusch” ansehen: Heini fuhr immer schon Fahrrad, nicht Mercedes.

David Wengenroth 

PS: In Kommentaren zu meiner Kolumne vom vergangenen Freitag haben sich einige Leser bitter beklagt, dass ich der armen Marie Antoinette Unrecht getan habe. Ich gebe zu: Das habe ich. Denjenigen Lesern, denen tote Königinnen nicht so egal sind wie mir, empfehle ich hiermit ausdrücklich die Lektüre der richtigstellenden Kommentare

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