Freitagskolumne: Dank der Bank

Das Wirtschaftsmagazin Capital berichtet in seiner neuen Ausgabe, dass wohlhabende Privatkunden von ihrer Bank häufig abgezockt werden. Na, das ist doch mal eine gute Nachricht. Aber keine Angst: Die nachfolgende Kolumne ist zu 100% sozialneidfrei.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass beschriebene Phänomen sei etwa so interessant wie die sprichwörtliche Bratwurst, die am Bahnhof von Wanne-Eickel platzt. Banken legten zum Beispiel bei Abrechnungen der Gewinne aus Aktiengeschäften zu niedrige Kurse zugrunde oder schraubten unbemerkt die Gebühren nach oben, berichtet Capital. Im Schatzkästlein des Volksmundes finden wir eine Weisheit, die unsere innere Harmonie angesichts solcher skandalösen Vorkomnisse in Sekundenschnelle wieder herstellt: “Es trifft ja keine Armen.”

Mit Sozialneid hat das – nebenbei bemerkt – nichts zu tun. Wenn es das Wort gäbe, könnte man diese Haltung eher als Sozialegalheit bezeichnen. Sozialneid ist ohnehin ziemlich Panne, weil die so genannten Besserverdienenden meist nicht zu beneiden sind: Sie stehen häufig unter enormem Druck, ihren “Standard zu halten”, wählen FDP und hassen sich dafür. Sie leben in Angst vor Diebesgesindel und teuren Scheidungen – oder eben davor, von ihrer Bank abgezockt zu werden. Aber das nur am Rande.

Wirklich interessant ist die Capital-Story wegen der Gründe, die das Wirtschaftsmagazin für die Banken-Abzocke ausmacht: “Die Berater und Vorgesetzten stehen unter einem enormen Druck. Sie müsen die horrenden Vorgaben ihrer Vorgesetzten erfüllen, die mit immer ehrgeizigeren Renditezielen Aktionäre und Kapitalmärkte beeindrucken wollen”, erklärt Capital. “Gleichzeitig erlaubt der beinharte Wettbewerb keine hohen Gebühren. Also greifen die Banker mit immer subtileren Methoden in die Portemonnaies ihrer Kundschaft.”

Mit anderen Worten: Die vermögenden Privatkunden bekommen einen Trend zu spüren, der in Wirtschaft und Gesellschaft mittlerweile so verbreitet ist, dass die meisten Menschen ihn schon für eine Art Naturgesetz halten: das Druckerhöhen, Leistungsteigern und Immermehrherausholen.

In der vergangenen Woche war in den Zeitungen auch von anderen Folgen dieser allgemeinen Immer-mehr-Hysterie zu lesen. Der DGB stellte eine Studie vor, der zufolge mittlerweile jeder Dritte Arbeitnehmer “unter miserablen Bedingungen mit hohen Belastungen und wenig Sicherheit” arbeitet (hier zur Pressemitteilung). Die FAZ beschrieb, wie eine vom Leistungswahnsinn befallene Bildungsbürokratie sogar schon “aus Kindern Manager macht”. Aber die Hoffnung, dass das politisch-mediale Meinungskartell aus Merkel, Schröder, Spiegel, Bild & Co sich für die Lebensqualität von Arbeitnehmern oder gar Schülern interessieren könnte, hat man ja schon lange aufgegeben.

Deswegen ist es eine gute Nachricht, dass die Auswirkungen der allgemeinen Immer-mehr-Hysterie auch eine gesellschaftliche Gruppe treffen, über die Angie und Augstein nicht bestenfalls die Nase rümpfen. Und dass die Besserverdienenden den Trend an einer Stelle zu spüren bekommen, an der sie sozial-adäquat Schmerz empfinden dürfen: am Geldbeutel.

Zugegeben: Groß ist die Hoffnung nicht. Aber vielleicht kommt darüber doch der eine oder andere Optimierungs-Einpeitscher ins Grübeln. Und sei es nur, weil er sich das letzte ihm verbliebene Stück Lebensfreude nicht vermiesen lassen will: die Lektüre seiner Kontoauszüge.

David Wengenroth

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