Wir sind mittlerweile vollkommen daran gewöhnt, dass öffentliche Diskussionen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik von Phrasenschreihälsen à la Hans-Olaf Henkel oder Oskar Lafontaine bestritten werden. Dabei gerät manchmal fast in Vergessenheit, dass man über solche Themen auch intelligent reden kann – so wie der leider in der vergangenen Woche aus dem Leben geschiedene André Gorz.Die Frankfurter Rundschau meint, kommende Generationen würden Gorz vor allem als Dichter wahrnehmen, der seiner Frau eine ergreifend schöne Liebeserklärung geschrieben hat. Wenn es so kommt, wär’s OK, denn schließlich ist Liebe wichtiger als Wirtschaft. Aber schade wäre es doch, wenn seine Gedanken zur Sozial- und Wirtschaftspolitik völlig hinter der Love-Story verschwinden würden.
Daran, dass diese Gefahr besteht, ist Gorz zugegebenermaßen nicht ganz unschuldig. Der Gute liebte nämlich nicht nur seine Frau, sondern auch den fremdwörterstrotzenden Schachtelsatz und die schnörkelige Argumentation. Dass er außerdem eine Vorliebe dafür hatte, seine Texte in Mini-Zeitschriften zu veröffentlichen, war zwar sympathisch, aber seiner Breitenwirkung auch nicht unbedingt zuträglich.
Trotzdem gibt es gute Gründe, sich mit seinen Ideen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik zu beschäftigen. Dass er aus der linken Ecke kam, muss im nachideologischen Zeitalter nicht mehr sehr stören. Sogar die nicht gerade linksradikale FAZ würdigt ihn in ihrem Nachruf als “einen der bedeutendsten und originellsten Sozialtheoretiker”. Gorz benutzte immer vor allem den eigenen Kopf zum Denken. Und viele seiner Ideen aus den 70-er und 80-er Jahren sind heute Gemeingut, zum Beispiel sein Plädoyer für Umweltschutz oder die europäische Gemeinschaftswährung.
Denjenigen Lesern, die gerade nicht wissen, was Sie mit einem bevorstehenden Sabbatical anfangen sollen, sei also wärmstens sein Gesamtwerk ans Herz gelegt. Allen anderen, die so wenig Zeit haben wie ich normalerweise, empfehle ich, sich auf die Schnelle ein paar Denkanstöße zu einem Thema abzuholen, dass gerade wieder in der Diskussion ist: zum Grundeinkommen.
In einem Interview mit der taz sprach er sich 1994 dagegen aus, weil er meinte, es werde die gesellschaftliche Kluft zwischen einer Elite von “Hochleistern” und allen anderen vergrößern. Stattdessen plädierte er für eine langfristig angelegte Politik, die “das schrumpfende Arbeitsvolumen kontinuierlich auf die Gesamtheit der arbeitenden Bevölkerung” verteilt (hier zur Zusammenfassung; eilige Leser sollten nur die letzten 3 Absätze des Artikels lesen).
In seinem letzten erschienenen Aufsatz in der Zeitschrift Streifzüge erklärte er differenzierter, dass er nicht in erster Linie etwas gegen das Grundeinkommen hatte, es aber nicht für das Ei des Kolumbus hielt: Solange eine Gesellschaft den Wert des Menschen an seiner produktiven Arbeitsleistung misst, könne das Grundeinkommen höchstens eine Übergangslösung sein. O-Ton: “Das Grundeinkommen darf folglich nicht als Zweck an sich gefordert werden. Seine Forderung ist nur sinnhaft, wenn sie die Einsicht verbreitet, dass das Existenzrecht der Einzelnen nicht von der Leistung warenförmiger Arbeit abhängen darf.” (hier; eilige Leser sollten gleich die Absätze 9 bis 12 lesen).
Viel Spaß beim Nachdenken.
David Wengenroth
PS: Einen eindrucksvollen Beleg dafür, Gorz mit seiner Analyse recht hatte, dass in unserer Gesellschaft “das Existenzrecht der Einzelnen von der Leistung warenförmiger Arbeit” abhängig gemacht wird, liefert prompt der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (hier der Bericht im Tagesspiegel). Noch so ein Phrasenschreihals.



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