Ein erstaunliches Phänomen in der aktuellen Medienlandschaft ist die Affenliebe der Zeit zu den Hartz-Gesetzen. In dieser Woche trauert sie mit einer Todesanzeige für Hartz IV auf der Titelseite wie um einen alten Freund – und vergisst in ihrem vorauseilenden Kummer ihre Qualitäten.
Wenn – was gelegentlich vorkommt – jemand zu erkennen gibt, dass er die Zeit nicht besonders schätzt, tut er das meist mit mildem Spott. Die bildungsbürgerliche Betulichkeit und der Hang zum Gutmenschentum, die der Hamburger Wochenzeitung nicht ganz zu Unrecht nachgesagt werden, gehen zwar manchen Zeitgenossen auf die Nerven, reizen aber kaum zu wilden Wutausbrüchen.So richtig viel Angriffsfläche für polemische Attacken bietet die Zeit schon deshalb nicht, weil sie in der Regel mehr dem Argument vertraut als dem Effekt. Und speziell in ihrer Wirtschaftsberichterstattung fällt sie auch dadurch angenehm auf, dass das Argument durchaus mal ein soziales sein darf, was in unserer auf ökonomisches Denken getrimmten Gesellschaft selten genug vorkommt.
Doch als Kurt Beck kürzlich mit seinem Vorschlag um die Ecke kam, den Alg1-Bezug für ältere Arbeitslose um ein paar Monate zu verlängern, wurden am Hamburger Speersort die Glacéhandschuhe ausgezogen. Die Chefredaktion scheint sich gesagt zu haben: “Betulich war gestern! Geh mir weg mit Soziales! Jetzt gibt’s auf die Zwölf!”
Schon vergangene Woche steuerte das Blatt zur öffentlichen Diskussion ein Rührstück über den Beck-Opponenten Franz Müntefering bei, das es in Stil und Niveau mit jedem “Julia”-Roman aufnehmen konnte (siehe Freitagskolumne von vergangener Woche). In dieser Woche legten die Hamburger mit der Titel-Todesanzeige nach. Mit Kreuz! Angst und Trauer müssen wahrlich groß sein am Hamburger Speersort.
Nun muss man sich nicht allzu sehr darüber wundern, dass die Zeit sich um das Erbe des zu Gasprom abberufenen Kanzlerdarstellers Gerhard Schröder sorgt. Schließlich firmiert dessen ehemaliger Staatsminister Michael Naumann im Impressum als Herausgeber (beurlaubt). Das verbindet.
Der Eifer, mit dem sie das tut, fällt allerdings aus dem gewohnten Zeit-Rahmen. Rührstück. Todesanzeige. Und in den Hartz IV-Artikeln lesen wir kernige Aussagen: “Verrückt: Ausgerechnet jetzt, wo alle renommierten Arbeitsmarktforscher betonen, dass die Hartz-Gesetze ein Grund für die steigende Beschäftigung sind, beginnt die alte Diskussion erneut.” Oder, noch energischer, “dass die Agenda den Aufschwung überhaupt erst mitverursacht hat” (hier und hier).
Beide Aussagen sind – um es gaaaanz vorsichtig zu formulieren – diskussionswürdig. Um das zu erfahren, musste der geneigte Zeit-Leser sich im Blätterwald aber ein gut Stück von seinem geliebten Bildungsbürgerblatt fort begeben. Zum Beispiel zur Financial Times Deutschland, wo der (linksradikaler Umtriebe hinlänglich unverdächtige) Wirtschaftsjournalist Wolfgang Münchau vergangene Woche Sätze schrieb wie: “Die Hartz-Reformen sind ein Paradebeispiel dafür, wie man nicht reformieren sollte.” Oder: “Dass Hartz IV mit dem Aufschwung irgendetwas zu tun hat, wird heute von keinem ernsthaften Ökonomen mehr behauptet.” Oder: “Wenn ich einer Million älterer Arbeitslose die Bezüge kürze, dann muss ich doch sicherstellen, dass der Arbeitsmarkt in der Lage ist, diese Stellen zu generieren.”
Wenn früher – was gelegentlich vorkam – jemand erklärte, dass er die Zeit besonders schätzte, dann erklärte er häufig sinngemäß: Er fühle sich wie ein mündiger Leser behandelt, weil in den Artikeln auch jene Argumente zumindest erwähnt würden, die gerade nicht die Meinung des Autors stützten.
Schade.
David Wengenroth



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