Eon-Chef Wulf Bernotat hat bereits vor Wochen in Bild erklärt, dass er den Strom zu billig findet. Die taz empfiehlt dagegen unter der Überschrift “Arsch hoch, Kunden!” den Anbieterwechsel als probates Mittel gegen Bernotats angekündigte Strompreiserhöhungen. Quatsch ist beides.
Bernotat diktierte seinerzeit Bild in den Block: “Eine vierköpfige Familie zahlt bei normalem Energieverbrauch pro Tag etwa 2,60 Euro für Strom. Dafür kriegt man gerade mal eine Currywurst, ein Stück Kuchen oder ein großes Bier, aber noch nicht einmal eine Schachtel Zigaretten.” Das stimmt natürlich einerseits. Und ist andererseits natürlich großer Unsinn.
Erstens ist es grundsätzlich idiotisch, einen Zusammenhang zwischen dem Marktwert einer Sache und ihrer Bedeutung für die Lebensqualität herzustellen. Wenn es ihn gäbe, müssten zum Beispiel Grundnahrungsmittel und Trinkwasser astronomisch teuer sein, denn ohne sie ist unbestritten jede Lebensqualität zackzack im Eimer.
Zweitens könnte ich aus dem Stegreif eine ganze Reihe von Leuten aufzählen, die ohne weiteres auf den täglichen Konsum von Currywurst, Kuchen und sogar von einem großen Bier verzichten, von der Schachtel Zigaretten ganz zu schweigen. Vergleichbare Beispiele von Strom-Abstinenz muss man mit der Lupe suchen, und das kommt nicht nur daher, dass Strom so geil ist. Es kommt auch daher, dass man in unserer durchtechnisierten Gesellschaft überhaupt nicht auf die Nutzung von Elektrizität verzichten kann, wenn man nicht gerade unter einer Zeltplane im Stadtpark wohnen und sich von kleinen Nagern ernähren will.
Deshalb ist der Strom, den uns Bernotat & Co verticken, auch nicht in erster Linie ein Produkt, sondern – wie es im Juristendeutsch ebenso langweilig wie zutreffend heißt – ein Gut der Daseinsvorsorge. Deswegen überzeugt mich auch die “Arsch hoch!”-Lösung nicht, die die taz in ihrem Kommentar zu den Preiserhöhungen vorschlägt.
Ich weiß, die taz meint es ja nur gut mit mir. Und genau so soll das ja in Zukunft funktionieren: Statt staatlicher Preisaufsicht soll es Wettbewerb geben; und wenn ein Anbieter zu teuer wird, soll ich als Kunde eben zu einem anderen wechseln – das sagt sogar der Bernotat. Ich soll also jetzt – genau wie von der taz vorgeschlagen – im Internet Seiten wie www.stromauskunft.de aufsuchen, meinen Zählerstand eingeben und vergleichen, vergleichen, vergleichen. Oder mir bei der Verbraucherzentrale ein kostenloses Infopaket abholen und vergleichen, vergleichen, vergleichen.
Aber mal ehrlich: Was soll dieser ganze Quatsch eigentlich? Anders als im Bereich der Telekommunikation wird der Wettbewerb auf dem Strommarkt nicht zu innovativen Produkten führen, weil Strom eben immer Strom ist. Meine Lampe scheint nicht gelber, weil die Elektrizität von Yello kommt und mein Radio redet nicht schwäbisch, wenn ich zu EnBW wechsele. Und dass der Wettbewerb Öko-Stromanbietern zu einem Siegeszug verhelfen wird, kann niemand ernsthaft glauben.
Deshalb wollen wir die Bernotat-Argumentation vom Kopf auf die Füße stellen: Ich soll mich also ernsthaft dafür interessieren, wie ich am Tag ein paar Cent sparen kann. Ich soll als Stromverbraucher wertvolle Lebenszeit damit verbringen, immer wieder meinen Zählerstand abzulesen und irgendwelche Vergleichsrechner auf irgendwelchen Internetseiten zu füttern.
Aber, lieber Bernotat, liebe taz, dazu habe ich keine Lust. Ich würde gerne einfach gegen einen fairen Obulus mit jenem Gut der Daseinsvorsorge versorgt werden, dass meine Wohnung hell und mein Badewasser warm macht. Ich könnte absolut damit leben, wenn dafür auch in Zukunft eine staatliche Preisaufsicht sorgen würde.
Denn mein Arsch gehört mir, und es gibt eine Menge Dinge, für den ich ihn lieber hebe als öde Strompreisevergleicherei. Für ein großes Bier zum Beispiel.
David Wengenroth



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