Der Mehdorn ist müde. Die FTD schrieb in der vergangenen Woche, nach dem faktischen Aus für den Bahn-Börsengang sei “ein neuer, bislang unbekannter Hartmut Mehdorn zu beobachten. Nichts Großspuriges, nichts Polterndes, nichts Aufbrausendes ist mehr an ihm, reichlich sediert wirkt der Bahn-Chef”. Fast möchte man Mitleid haben. Wenn man nur diesen Ätsch!-Reflex in den Griff bekäme.
Wenn man nur nicht immer denken müsste: Na endlich! Wie oft hat man sich in den vergangenen 8 Jahren gewünscht, Hartmutdampf in allen Gassen möge zumindest ein bisschen sediert wirken. Und – Ironie der Geschichte – wenn er diesen Wunsch öfter erfüllt hätte, wäre vielleicht auch sein Lieblingsprojekt Börsengang nicht so laut scheppernd an die Wand gefahren wie jetzt geschehen.
Es ist nur folgerichtig, dass die SPD auf dem Parteitag, auf dem sie begonnen hat, sich von Gerhard Schröders so genanntem “Reformkurs” zu verabschieden, auch mit der Demontage einer weiteren Hinterlassenschaft der Schröder-Ära begonnen hat: Der Fehlbesetzung an der Bahn-Spitze.
Niemand anderer als unser mittlerweile in Putins Dienste gewechselte Kanzlerdarsteller hievte Mehdorn 1999 auf den Bahn-Vorstandssessel, und es war eine für ihn ausgesprochen typische Personalie: Der bekennende Berliner- und Bundeswehr-Berufsschnauzer als Basta-Bahn-Chef für den Basta-Kanzler. Einer dieser Typen wie Schröder selbst oder wie Wolfgang Clement und Florian Gerster, wenn auch nicht ganz so auffällig inkompetent. Aber eben noch eine Haudrauf-Natur auf einem politisch sensiblen Posten. Eine Fehlbesetzung eben.
Wohlgemerkt: Niemand bestreitet, dass Mehdorn als Manager seine Qualitäten hat. Auch wenn die Erfahrung, in seinem Umfeld arbeiten zu dürfen, dem Vernehmen nach zu den verzichtbaren gehören soll: In seinem Bemühen, die Bahn zu einem internationalen Logistik-Konzern auszubauen, hat er durchaus Erfolge vorzuweisen. Zu dumm nur, dass er eben versäumt hat, die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit besagten Umbaus zu überzeugen. Was vielleicht noch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn er es nicht auch bei der SPD-Basis versäumt hätte.
Es passt ins Bild, dass nicht nur der Börsengang in weite Ferne gerückt ist, sondern Mehdorn auch der eigene Laden um die Ohren zu fliegen droht. Selbst Kommentatoren, die Mehdorn wohlgesonnen sind, schüttelten in den vergangenen Wochen den Kopf über die Eskalationsstrategie der Bahn-Spitze im Tarifkonflikt mit den Lokführern. Es ist bezeichnend, dass es Mehdorn trotz Millionen von schäumenden Berufspendlern nicht gelungen ist, die öffentliche Stimmung gegen die Streikenden zu drehen. Und es sagt viel über die Stimmung unter den Bahn-Beschäftigten aus, dass trotz der Eskalation in den vergangenen Monaten rund 2000 Lokführer neu in die streitbare GDL eingetreten sein sollen (siehe hier im Bericht von Spiegel Online).
Das Sächsische Landesarbeitsgericht hat heute entschieden, dass die Lokführer auch im Güterverkehr streiken dürfen (hier der Bericht aus Handelsblatt.com). Heißt konkret: Jetzt könnte Mehdorns Philosophie der Konfrontation den Konzern richtig teuer zu stehen kommen. Vielleicht setzt sich dann auch in der Politik endlich die Erkenntnis durch, dass Hartmut Dampfhammer-statt-Dipolmatie Mehdorn keine glückliche Besetzung auf Deutschlands politischstem Managerposten ist. Und dass man zum Basta-Bahn-Chef besser sagen sollte: Basta, Bahn-Chef!
David Wengenroth
P.S.: Bevor ich letzte Woche in den Urlaub aufbrach (weswegen es vergangenen Freitag auch keine Freitagskolumne gegeben hat), hatte ich noch einmal Gelegenheit, mich prächtig zu amüsieren: Kaum gibt man einem Text den anzüglichen Titel “Mein Arsch gehört mir”, explodieren die Zugriffszahlen. Jetzt denke ich darüber nach, die Freitagskolumne in “Ficken, Bumsen, Blasen” umzubenennen.



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