Freitagskolumne: Jesus kotzt!

Ab und zu besinnt sich der FAZ-Wirtschaftsteil der Wurzeln des christlichen Abendlandes. Dann macht er sich Gedanken über den Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaft. Das ist oft recht interessant, aber wenn unser Herr Jesus im Himmel gelesen hat, was ausgerechnet in der Weihnachtsausgabe zu diesem Thema stand, hat er mit Sicherheit die nächstgelegene Wolke vollgekotzt.

Wenn Wirtschaftsjournalisten sich an religiöse Fragestellungen heranwagen, ist das Ergebnis nicht selten von bizarrer Komik. Ein schönes Beispiel war vor ein paar Monaten der Kommentar “Vergesst Buddha!” in der FTD. Darin analysierte Ruth Fend nicht ganz zu Unrecht, dass buddhistische Lehre und westliches Karriere- und Gewinnstreben sich logisch überhaupt nicht vertrügen. Ohne freilich überhaupt auf die Idee zu kommen, dass dieser Umstand die Fragwürdigkeit des Karriere- und Gewinnstrebens nahelegen könnte.

Noch viel verschrobener und kenntnisfreier ist allerdings der Beitrag “Die Pflicht zur Wohlhabenheit”, den der freie Wirtschaftspublizist Erhard Glogowski aus Roßdorf bei Darmstadt jetzt den Lesern der FAZ unter den Weihnachtsbaum gelegt hat. Leider ist der Text nicht online, so dass ich mich darauf beschränken muss, einige seiner zahlreichen absurden Höhepunkte zu zitieren.

“Das Christentum und seine Gründungsakte, die Heilige Schrift, sind hin- und hergerissen zwischen dem Ideal, den Schätzen dieser Welt zu entsagen, und der Aufforderung, sich zu regen, fleißig zu sein und für Notzeiten Vorsorge zu treffen”, schreibt Glogowski.

Nun wollen wir den Leser nicht mit Feinheiten langweilen. Wie der zum Beispiel, dass das Christentum als Offenbarungsreligion weniger eine “Gründungsakte” denn in der Person des Jesus von Nazareth eine Gründungsfigur hat. Belassen wir es einfach bei dem Hinweis, dass besagter Jesus von Nazareth in der von Glogowski angesprochenen Frage durchaus eine klare Meinung hatte, die in dem berühmten Bibelwort zum Ausdruck kommt: “Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. (…) Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (…) Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.” (Nachzulesen bei Matthäus Kapitel 6, Vers 26 und folgende)

Aber richtig bizarr wird es erst, wenn Glogowski schreibt: “Nach christlicher Lehre hat sich jedermann um Arbeit zu bemühen und darf hinsichtlich der Beschwernisse des Arbeitsplatzes nicht allzu wählerisch sein. Luther warf den Arbeitern seiner Zeit mangelnden Arbeitseifer vor und wetterte gegen das Betteln und Almosenunwesen.”

Da möchte man angesichts der offenkundigen soliden Unkenntnis des Autors doch seinen Mut bewundern, eine Aussage darüber zu treffen, was “die christliche Lehre” sagt. Denn dass Martin Luther in dieser Hinsicht als Autorität nicht ganz unumstritten ist, dürfte sich selbst bei Kirchenfernen herumgesprochen haben. Und nebenbei: Dem durchaus bibelfesten Autor dieser Zeilen ist zwar erinnerlich, dass Jesus einmal zu einem reichen Mann gesagt haben soll: “Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.” (Lukas 18, 22) Dass der Stifter des Christentums aber einmal zu einem Bettler gesagt hätte: “Geh dir Arbeit suchen, du fauler Sack”, ist in der Bibel nicht überliefert.

Nun zeigen andere Stellen des FAZ-Beitrages, dass die Bibel nicht das einzige ist, von dem Glogowski keine Ahnung hat: “Kinderarmut und drohende Altersarmut können (…) von der Caritas und der Diakonie noch so vehement angeprangert werden”, schreibt er. “In diesen Anwürfen steckt viel heiße Luft und der Selbstbehauptungsdrang von Interessenvertretungen.”

Hört, hört! Man mag dem freien Wirtschaftspublizisten allenfalls zugute halten, dass im gutbürgerlichen Roßdorf bei Darmstadt von Kinder- und Altersarmut wohl nicht viel zu sehen ist. Und so ist man schlussendlich hin und hergerissen, ob man Glogowski empfehlen will, sich in Roßdorf bei Darmstadt dem Studium der Heiligen Schrift zu widmen, oder stattdessen ein paar Einrichtungen von Caritas und Diakonie zu besuchen, um daselbst den Kontakt zur Realität herzustellen. Nötig hätte er beides.

Und bis er wenigstens eines davon getan hat, sollte er den Rat des zeitgenössischen religiösen Denkers Dieter Nuhr beherzigen: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten.”

2 Kommentare zu “Freitagskolumne: Jesus kotzt!”


  1. 1 Andreas

    “Geh dir Arbeit suchen, du fauler Sack” wurde zwar nicht gesagt, aber etwas anderes: »Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen.« (2. Thessalonicher 3,10)

  2. 2 David Wengenroth

    Es ist eine beliebte Methode, irgendeinen Bibelvers aus dem Zusammenhang zu reißen und so zu tun, als sei er ein Argument. Das ist bequem, denn auf diese Weise kann man mit der Bibel scheinbar alles rechtfertigen.

    Das ist Vulgärchristentum. Dass “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” kein christlicher Standpunkt ist, bedarf nicht ernsthaft einer näheren Begründung. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, in denen es schon rein statistisch mehr Arbeitssuchende als offene Stellen gibt, ist es mit Verlaub außerdem ein besonders zynischer Standpunkt.

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