Zur vielstimmigen Empörung über die Schließung des Nokia-Werks in Bochum hat die Bild-Zeitung wie üblich die bemerkenswerteste Wortmeldung beigesteuert: Verbraucherschutzminister Horst Seehofer wolle vor Zorn sein Nokia-Handy zurückgeben, meldet das Blatt. SPD-Fraktionschef Peter Struck habe diesen Schritt bereits vollzogen. Die Reaktion der beiden Minister geht zwar in die richtige Richtung, aber nicht weit genug.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow, den ich auch nur kenne, weil er wie ich im Dortmunder Kreuzviertel wohnt, hat sogar zu einem Boykott von Nokia-Produkten aufgerufen. Schon besser. Aber auch ihm fehlt es an Konsequenz.
Ich fordere hiermit und an dieser Stelle, alle Handys von Herstellern abzugeben, die nicht (mehr) in Deutschland produzieren. Das würde nicht nur der finndigen “Subventionsheuschrecke” (Copyright: Jürgen Rüttgers) Nokia ein für allemal das Fördergelderschleichen austreiben.
Es würde mit einem Schlag auch ein weiteres Problem lösen: Das nervtötende Tröten, Fiepen, Klingeln und Schnarren in Kinos, Cafés und Klohäuschen würde verstummen. Das Geplapper würde enden. Kein “Ich bin hier jetzt in der Straßenbahn!” und nie wieder “Ey, Alder, komms du konkret heute abend zu Nadine?”
Denn, haha, der gut informierte Leser hat es längst bemerkt: Da niemand mehr in Deutschland Handys zusammenstecken lässt, müssten wir alle unsere Mobiltelefone in die Tonne kloppen. Außer ein paar alten Siemens-Teilen vielleicht, die wie durch ein Wunder noch nicht auseinander gefallen sind. Und in der Ruhe, die dann einkehren würde, kämen wir vielleicht zum Nachdenken.
Zum Beispiel darüber, warum unsere Politiker überhaupt einem milliardenschweren Weltkonzern 88 Mio Euro in den Hinterausgang geblasen haben. Oder darüber, was ihre Aufgabe wäre, wenn dieser globalisierte Konzern tut, was globalisierte Konzerne eben tun.
Wenn es Strucki, Horst, Rüttzi & Co wirklich um die Menschen ginge, die Nokia auf die Straße setzt, könnten sie die Folgen der Globalisierung abmildern, die sie durch ihr öffentliches Geschrei sowieso nicht verhindern können (schön bissig dargestellt im Handelsblatt). Sie könnten sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass die vorhandene Arbeit in jenen Industriezweigen besser verteilt wird, die nicht gerade “im Wachkoma liegen” (Copyright Frankfurter Rundschau, hier), etwa durch Werben für Arbeitszeitverkürzungen und die Förderung von Teilzeitmodellen.
Sie könnten darauf achten, dass Fördergelder nicht in den Bilanzen multinationaler Konzerne versickern, sondern stattdessen bei Mittelstand und Kleinbetrieben landen, die nicht so schnell in andere Länder weiterziehen. Und sie könnten dafür sorgen, dass das Schicksal Arbeitslosigkeit für die Menschen seinen infernalischen Schrecken verliert, indem sie zum Beispiel für eine Anhebung der Alg II-Sätze sorgen.
Das hätte auch für sie selbst einen Vorteil: Sie könnten ihre Handys behalten.
PS in eigener Sache: Wirtschaftswache ist der legitime Nachfolger der Freitagskolumne. Die Wirtschaftswache öffnet wochenends.



Sehr bissig und gut. Gibt also doch noch mehr, die sich trauen, die Wahrheit zu sagen. Wenn da mal nicht bald der Verfassungsschutz aufmerksam wird…
Ich habe mich sowieso schon oft gefragt, wieso so viele Menschen ein Handy besitzen, denn die meisten haben sich doch eh nichts mehr zu sagen.
Übrigens hat keines meiner minderjährigen Kinder ein Handy, wozu auch. Ich habe beruflich eins, kenne aber auch den Ausknopf, denn ich bin so wichtig, daß ich nicht überall erreichbar sein muß. Meine Frau besuitzt ebenfalls eins, hat es aber nur an, wenn sie außer Haus ist und für uns erreichbar sein will.