Blick auf den Bären: Ruhiges Rennen

Russland ist die wichtigste aufstrebende Wirtschaftsmacht Europas. ecolot.de wirft einmal pro Woche einen Blick auf interessante Russland-Berichte in der Wirtschaftspresse. Diesmal: Warum die Präsidentschaftswahl eher ein Plebiszit ist, die rasende Motorisierung Russlands und der unerklärliche Erfolg eines Internetportals.


Während in den USA das Rennen zwischen den Präsidentschaftsbewerbern Barack Obama und Hillary Clinton immer dramatischer wird, geht es in Russlands Präsidentschaftswahlkampf eher ruhig zu. Das liegt nicht nur an den Schikanen der Wahlkommission gegen alle Kandidaten außer dem Kreml-Favoriten Dimitri Medwedew. In der Internet-Zeitung russland.Ru erklärt Kai Ehlers die Unlust der Russen auf den bevorstehenden Wahlgang: “75% der russischen Bevölkerung würden es begrüßen, wenn gar nicht gewählt werden müsste und Wladimir Putin auch eine dritte Amtszeit über das Amt des Präsidenten ausübte.” Die Wahl sei faktisch ein “Plebiszit über einen abgesprochenen, ruhigen Machtwechsel”.

Dass die Strategen im Kreml trotzdem “nichts dem Zufall überlassen”, berichtet die englischsprachige Moscow Times: “Damit es auch jeder mitbekommt, wurden die Wahlbüros angewiesen, Poster auszuhängen, auf denen Medwedews Rivalen beschuldigt werden, ihre Einkommensverhältnisse nicht vollständig offengelegt zu haben.”

Ein Mosaiksteinchen zur Erklärung der für westliche Beobachter oft schwer verständlichen Putin-Begeisterung der Russen liefert die Nachricht von der Verurteilung des ehemaligen russischen Atomministers Jewgeni Adamow. Dem Vertreter einer gründlich diskreditierten Politiker-Generation wurde von einem Moskauer Gericht bescheinigt, über 30 Mio Dollar gestohlen zu haben (hier der Bericht der NZZ).

Im deutschen Fernsehen laufen anlässlich der Präsidentschaftswahl in den kommenden Tagen viele Sendungen über Russland. Einen Überblick über das opulente Angebot gibt die Internet-Zeitung russland.RU.

Wirtschaft
“Die Russen kaufen neue Autos wie wild”, meldet der Internet-Dienst Russland-Aktuell. “2007 waren es auf dem nunmehr drittgrößten Automarkt Europas 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Manche Hersteller wie Opel verdreifachten sogar ihren Absatz.” Im vergangenen Jahr wurden 2,76 Mio neue Fahrzeuge angemeldet.

Der Wiener Standard prognostoziert unter Berufung auf ein Wirtschaftsforschungsinstitut, dass Russland die Bundesrepublik bis 2010 als größten Automarkt Europas überholen dürfte: “Ein Zuwachs von etwa 60 Prozent in den nächsten drei Jahren wird die Pkw-Neuzulassungen in Russland bis 2010 auf über 3,7 Mio. Einheiten anschwellen lassen.”

Auf der Suche nach Gründen für den Auto-Boom wird man in der FAZ fündig: Die Gehälter in Russland steigen schnell, berichtet das Blatt. “Zu diesem Schluss kommt eine Auswertung der Unternehmensberatung Kienbaum zusammen mit dem Verein der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation. Das Gehaltsniveau lag demnach 2007 um durchschnittlich 11,6 Prozent höher als im Vorjahr.”

Gesellschaft
Der Standard staunt über den Erfolg des Internetportals odnoklassniki.ru, zu deutsch: “Die Schulkollegen” in Russland. Eigentlich seien solche Art sozialer Aktivitäten den Russen wesensfremd, meint die Zeitung. “Russland gilt gemeinhin nicht als Staat, dessen Bevölkerung sich durch die Pflege größerer sozialer Gefüge auszeichnet. Was außerhalb der eigenen Wohnungstür vor sich geht, ist einem einmal verdächtig, einmal zuwider, meist aber einfach egal. So ist den Russen traditionellerweise etwa auch die im Westen verbreitete Vereinskultur weitgehend fremd. Das soziale Netzwerk ist auf die Familie in den eigenen vier Wänden oder denen der nahen Verwandten beschränkt.”

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