Blick auf den Bären: Der Zarewitsch

Russland ist die wichtigste aufstrebende Wirtschaftsmacht Europas. ecolot.de wirft einmal pro Woche einen Blick auf interessante Russland-Berichte in der Wirtschaftspresse. Diesmal: Anlässlich der näherrückenden Präsidentschaftswahl am 3. März blicken die Zeitungen nach Russland und vor allem auf den ungefährdeten Favoriten Dimitrij Medwedew.

Die Presse aus Wien findet, vor seinen großen Herausforderungen stehe Medwedew erst nach der Wahl. Umfragen verhießen dem Kronprinzen von Wladimir Putin zwischen 67,8 und 72,9 Prozent. Doch nach seiner Wahl warteten große Probleme auf den Zarewitsch: “Das hohe Wirtschaftswachstum wird sich verlangsamen, die Inflation davon galoppieren. Bildungs- und Gesundheitswesen sind zu reformieren, erschwinglicher Wohnraum zu schaffen. Das erwarten die Leute in erster Linie. Welchen Spielraum ihm die mächtige Geheimdienstfraktion im Kreml, die ob seiner Ernennung erzürnt ist, und Strippenzieher Putin dafür lassen werden, zeigen wohl erst die turbulenten nächsten Monate”, meint die Presse.

Das Handelsblatt porträtiert Russlands angehenden Präsidenten als “einen, der schwer zu greifen ist”. Medwedew spreche “Er redet von Freiheit, der Meinungsfreiheit gar, dem Kampf gegen die Korruption, weniger Staat”, berichtet das Handelsblatt und formuliert die Frage: “Petersburger Jurist, Deep-Purple-Fan, jünger als Barak Obama. Ein glatter Apparatschik, Erfüllungsgehilfe seines Herrn Wladimir Putin, der als Ministerpräsident weiter die Strippen ziehen wird, um Macht und Reichtum der herrschenden Elite zu schützen? Oder doch die Hoffnung auf einen vorsichtigen Wandel des autoritären politischen Systems mit seiner wuchernden Staatswirtschaft?”

Die Financial Times Deutschland glaubt nicht, dass Medwedew als Präsident aus Putins Schatten heraustreten und eigene Akzente wird. “Putin war immer bemüht, die Interessen der Mächtigen im Land auszutarieren. Als Ministerpräsident wird er vorerst weiter die Rolle des Schiedsrichters spielen, um diese Balance zu sichern”, meint die FTD und zitiert einen Kreml-Insider: “Vielleicht wird das eine seiner wichtigsten Aufgaben: aufpassen, dass sein Junge nicht lebendig aufgefressen wird.”

Menschenrechte
Wie in Russland westliche Fassade und Repression trickreich kombiniert werden, zeigt ein Bericht der Süddeutschen: Ein russisches Gesetz verbietet die Diskriminierung von ethnischen oder sozialen Gruppen. Angewendet wird es aber auch gegen Kritiker des Inlandsgeheimdienstes, den die Behörden „offenbar kurzerhand zur sozialen Gruppe erklärt“ haben.

Wirtschaft
Die Presse beobachtet den Siegeszug des russischen Pipeline-Projekts “South Stream“, das gemeinhin als Konkurrenz zum EU-Projekt “Nabucco” gesehen wird. Mittlerweile haben sich sogar vier EU-Länder dafür gewinnen lassen, an der Gazprom-Pipeline mitzubauen: Nach Bulgarien, Griechenland und Italien hat sich jetzt auch Ungarn dazu bereit erklärt. Trotzdem ist das Land weiter an dem EU-Projekt „Nabucco“ interessiert, um die Gasversorgung Europas möglichst breit aufzustellen.

Zugabe
Der Internet-Dienst russland.RU zeigt, womit sich die anderen Kandidaten für die russische Präsidentenwahl so die Zeit vertreiben: Nachdem der Nationalist Wladimir Shirinowski den Politiker Nikolaj Goza von der Demokratischen Partei in einer TV-Debatte angegriffen und bedroht hat, fordert Präsidentschaftskandidat Andrej Bogdanow fünf Jahre Haft für den Polit-Rowdy.

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