Einen der merkwürdigsten Kommentare zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen hat diese Woche Springer-Chef Mathias Döpfner in einem unglaublich langen Interview in der Zeit abgeliefert. Dass der Herr der Bild-Zeitung ein merkwürdiges Welt/Bild haben müsse, ahnte man ja immer schon. Was es aber dann im Zeit-Interview zu lesen gab, war in seiner Verschrobenheit dann doch bemerkenswert.
Da fiel Döpfner zum Beispiel zur Steuer-Affäre um Zumwinkel und Co. folgendes ein: „Die Figuren und Unternehmen, die hier moralisch gescheitert sind, repräsentieren das alte deutsche Modell des sozialen Konsenses, das in Wahrheit asozial ist.“
Aha. Die Steuerhinterziehung eines einzelnen Managers ist also Anlass genug, das ganze System des sogenannten rheinischen Kapitalismus’ zu verurteilen. So schnell kann’s gehen. Und der soziale Konsens ist asozial. Und schwarz ist weiß und weiß ist schwarz.
Weiter geht’s: „Die Deutsche Post, Siemens, VW, das sind die großen Vertreter des Kapitalismus mit sozialem Antlitz. (…) Sie schaden am Ende den Arbeitnehmern und Geringverdienern im Land.“
Dann wird es den Springer-Chef vielleicht freuen zu hören, dass wenigstens Siemens sich ja derzeit alle Mühe gibt, durch Massenentlassungen sein anderes Antlitz zu zeigen – alles im Interesse von Arbeitnehmern und Geringverdienern, versteht sich.
Schließlich wird der Oberspringer grundsätzlich: „Das angloamerikanische Modell hat sich nachweislich als überlegen erwiesen. Anstatt das zu akzeptieren, erproben wir Planwirtschaft light und produzieren Fälle von Unmoral und Kriminalität.“
Ja, das ist ja mal eine steile These. Aus den Zeitungen springen uns derzeit täglich die Indizien an, dass der Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren in riskanter Weise auf Pump finanziert worden ist. Von der britischen Wirtschaft stellte etwa Capital das bereits vor Monaten fest. Und wies bei dieser Gelegenheit auch darauf hin, dass die britische Arbeitslosenstatistik nur deshalb so gut aussieht, weil „zwar nur 1,7 Millionen Menschen als arbeitslos registriert“ sind, aber „mindestens ebenso viele Personen in diversen Sozialtransferprogrammen geparkt sind, die somit nicht mehr in den amtlichen Statistiken auftauchen“.
Das angloamerikanische System überlegen? Nachweislich? Wohl doch eher: Na, weiß nich.
Wie kommt man auf so was? Vielleicht liegt die Erklärung in dem Normalitäts- und Realitätsverlust von Top-Managern, den Capital-Chefredakteur Klaus Schweinsberg diese Woche in seinem bemerkenswerten Editorial beklagt.
Erinnerung, zum Ersten
Einer der Vorteile des fortschreitenden Alters ist, dass man zu vielen aktuellen Ereignissen eine beruhigende Erinnerung an Ähnliches parat hat, an dem die Welt auch nicht zugrunde gegangen ist.
Die hitzige Debatte über eine Zusammenarbeit der SPD mit der Linkspartei in Hessen erinnert zum Beispiel in Stil und Inhalt verblüffend an das Gezeter, das der ersten rot-grünen Koalition in Hessen voranging. Oder der ersten rot-roten Zusammenarbeit in Sachsen-Anhalt. Mittlerweile buhlt bekanntlich sogar schon die CDU um die Grünen und in Berlin regiert ein rot-roter Senat, der sogar von Wirtschaftsverbänden gelobt wird.
Insofern möchte man den Kommentatoren, die zur Zeit wegen einer möglichen Kooperation von SPD und Linkspartei im Sechseck springen, für das verbliebene Wochenende empfehlen: Verabredet euch einfach mal wieder mit alten Freunden. Trinkt ein paar Bier zusammen und schwelgt in Erinnerungen. Das könnte durchaus blutdrucksenkend wirken, wenn ihr nächste Woche wieder dem Handwerk des Kommentareschmiedens nachgeht.
Erinnerung, zum Zweiten
Apropos Erinnerungen: Neulich abends vor der Glotze hängengeblieben. Auf Bayern 3 kam dieser Film über die Kindertage des britischen Glam-Rock, in dem Ewan McGregor und Christian Bale mitspielen. Schon nach wenigen Minuten fragt man sich unwillkürlich: Wie kommt es eigentlich, dass die Leute damals so scheiße aussahen, aber scheinbar viel mehr Spaß hatten als heute?
Die Antwort darauf finden wir wohl in einer Aussage der Galionsfigur der Neuen Deutschen Spießigkeit, des erfolgreichsten deutschen Fahrstuhlmusik-Produzenten Dieter Bohlen. Der knurrte in der RTL-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ einen jungen Sänger an: „Hier geht es um Leistung.“ Er hätte auch gleich sagen können: „…nur um Kohle.“



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