Die Feuilletons der großen deutschen Zeitungen lieben es, gelegentlich einen tiefen Blick in die Seele der Deutschen zu werfen. Der Wirtschaftspresse geht das deutsche Wesen dagegen in aller Regel an der U4 vorbei. Dabei hätte gerade sie derzeit allen Grund, sich zu wundern: über die neue Rauf- und Rauchlust der früher so disziplinierten Deutschen.
Die Angestellten des öffentlichen Dienstes legen probehalber Flughäfen, Nahverkehr und Müllabfuhr lahm. Gleichzeitig eskaliert der Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn wegen eines tarifpolitischen Details, das zu verstehen selbst den aufmerksamen Leser der Wirtschaftspresse erhebliche Mühe kostet.
Wenn die Gerichte den Lokführern nicht wieder einen Strich durch die Rechnung machen, könnte ab Montag der Bahnverkehr still stehen – und das nicht zum ersten Mal. Wenn die öffentlichen Arbeitgeber nicht nachgeben (und danach sieht es nicht aus ), könnte sich zusätzlich in ein paar Wochen der Müll auf der Straße türmen. Die Bedeutung dieses Umstandes ist nicht zu unterschätzen: Wir erleben die Geburt eines geradezu italienischen Lebensgefühls mitten in Deutschland.
Aber halt: Der Vergleich hinkt ja schon wieder. Denn während die Italiener – wenn man den Korrespondenten glauben darf – zum Rauchen ohne weiteres Aufhebens Ristorante und Trattoria verlassen, proben in Deutschland allerorten Kneipenwirte und –besucher den Aufstand. In Bayern gar so heftig, dass die CSU sich vollkommen entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit Gedanken macht.
Ein routinierter Feuilletonist würde aus alledem den Schluss ziehen, dass die von Jürgen Habermas seit langem geforderte Verwestlichung Deutschlands endlich abgeschlossen ist. Und das ist doch ein sonniger Gedanke. Wenn Sie, lieber Leser, also zu den Pendlern gehören, die am Montag mit kalten Füßen am Bahnhof stehen und auf einen Zug warten, der nicht kommt, können Sie sich daran wärmen.
Mein Tipp: Stellen Sie sich dann demonstrativ 10 Meter weit von der lächerlichen Prangerzone weg, die der Mehdorn auf die Bahnsteige hat malen lassen, und zünden Sie sich eine Kippe an. Und genießen Sie den Gedanken, dass wir Deutschen endlich die besseren Italiener sind.



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