Zu groß, zu teuer, zu umweltschädlich: Als im Februar 2007 der britische Economist den deutschen Autoherstellern prophezeite, mit ihrem Hang zu üppig ausgestatteten Modellen dem Untergang geweiht zu sein, ging ein Aufschrei durch Autoland Deutschland. Doch die Kritik an unserer so erfolgreichen Vorzeigeindustrie ist berechtigt: In seinem Buch “Ausgebremst” (Econ) liefert Helmut Becker eine Fülle an Beweisen, die jedem noch halbwegs an deutsche Wertarbeit glaubenden Autofahrer Schames-, besonders aber Zornesröte ins Gesicht treiben dürften.
In einer kenntnisreichen Untersuchung legt der einstige BMW-Chefvolkswirt und heutige Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation dar, woran die deutsche Automobilbranche krankt. Nach einem ersten Rekurs auf globale Konfliktpotentiale – wie der Sättigung der Märkte, dem Vormarsch asiatischer Hersteller oder dem Trend zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Nobel- und Massenproduzenten – benennt Becker im zweiten Teil des Buches hausgemachte Probleme. Schonungslos prangert er die Dummheit und Arroganz der Hersteller an, die mit Managementfehlern wie der unreflektierten Übernahme amerikanischer Personalpolitik (Opel, Ford), der aus Egozentrik vorangetriebenen Pseudo-Forschung (VW) oder den “Weltmarktvisionen provinzieller Kirchturmstrategen” (BMW, Daimler) ihre Branche mit Vollgas in die Krise manövriert hätten.
“Besonders krass ist die einseitige Ausrichtung der deutschen Modellpolitik im Luxussegment, wo Absatzplanungen ohne jeglichen makroökonomischen Sachverstand aufgestellt worden sind”, geißelt der Volkswirt jenen Charakterzug deutscher Automobilbauer, den auch der Economist beklagt hatte. Neben Maßnahmen wie Kostensenkung und Produktivitätssteigerung, liegt die Überlebenschance nach Beckers Meinung in der Ausrichtung auf kleine, umweltverträgliche Modelle: “Die Aufgabe für die deutschen Hersteller und ihre Ingenieure ist klar vorgegeben: 130 Gramm CO2 bis zum Jahr 2012.”
Gelinge der Branche diese Neuausrichtung aber nicht, werde sie zwangsläufig vor die Existenzfrage gestellt: “Deutschland braucht seine Autoindustrie, aber braucht die Welt sie auch?” In einer eindrucksvollen Rechnung macht Becker deutlich, welche Folgen der Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen bei deutschen Automobilherstellern auf den Wohlstand aller Bürger hätte: 300.000 weitere Arbeitsplätze gingen verloren, der private Konsum würde um 3 Mrd Euro zurückgehen, die Steuereinnahmen um 2 Mrd Euro – und die Gesamtkosten der Arbeitslosigkeit um 7,5 Mrd Euro steigen.
Fazit: Becker ist eine aufrüttelnde Analyse gelungen, die für alle Führungskräfte der deutschen Autoindustrie Pflichtlektüre sein sollte. Kritisch anzumerken sind das Fehlen von Register und Literaturverzeichnis – die Quellenangaben in den Fußnoten reichen hier nicht aus, um nachträgliches Nachschlagen zu ermöglichen. Auch stilistisch hätte man sich bei einigen Passagen ein gründlicheres Lektorat gewünscht.
Peggy Pfaff
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