Wenn derselbe Unsinn wieder und wieder in der Zeitung steht, wird er dadurch nicht richtiger. Aber populärer. Deshalb ist es leider nicht egal, dass zum fünften Geburtstag der sogenannten Agenda 2010 blattauf, blattab die Formel nachgebetet wird, der gegenwärtige Wirtschafts- und Arbeitsmarktaufschwung sei das Ergebnis von Gerhard Schröders Reformpolitik (wie hier in der Süddeutschen).
Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, wenn sie gute Geschäfte machen und deshalb neue Arbeitskräfte brauchen. Sollte man meinen. Doch aus den Hymnen der Schreibstuben-Schröderianer springt den interessierten Leser unversehens der Zweifel an. Entstehen neue Jobs vielleicht doch, wenn man Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegt?
Wo da der Zusammenhang ist? Mhm. Wie wär’s damit, dass der Manager als solcher ein viel weicheres Herz hat, als die sozialneidische Öffentlichkeit ihm gemeinhin zubilligt? Wecken etwa Nachrichten von wachsender Kinderarmut in ihm das unwiderstehliche Bedürfnis, diese Not durch die Schaffung neuer Jobs zu lindern? Man sieht: Es gibt für die abenteuerliche Behauptung, die Agenda 2010 habe einen positiven Einfluss auf den Arbeitsmarkt entfaltet, zwar keine plausiblen, aber zumindest erfrischend originelle Begründungen.
Vielleicht meinen die Kollegen Kommentatoren in Wirklichkeit ja etwas ganz anderes: Die Schröder-Reformen mögen die sozialen Ängste in der Bevölkerung vervielfacht und dadurch den privaten Konsum auf Jahre hin abgewürgt haben. Sie mögen die Sozialausgaben des Staates entgegen ihrer ursprünglichen Zielsetzung bereits im ersten Jahr um 6 Mrd Euro in die Höhe getrieben haben. Aber einen positiven Effekt hatten sie ohne Zweifel: Gerhard Schröder hat danach die Bundestagswahlen verloren.
Menschenfresser
Einen lebendigen Eindruck davon, welcher Irrsinn in den Gehirnwindungen mancher Teilnehmer am Wirtschaftsleben schlummert, vermittelt die Lektüre des Wirtschaftsteils der Zeit: Karen Naundorf porträtiert Carlitos Páez, der vor 35 Jahren mit einem Flugzeug in den Anden abstürzte, danach von einer Lawine verschüttet wurde und die 72 Tage bis zur Rettung nur überlebte, weil er das Fleisch toter Leidensgefährten aß.
Heute hält er in Unternehmen Vorträge über den Absturz, die er “Motivationskonferenzen” nennt. Bei diesen Veranstaltungen sagt er Sätze wie: “Der Absturz, die Lawine, das fehlende Essen, die Kälte – wir haben gegen Widrigkeiten gekämpft wie ein Verkäufer, dem die Kunden immer wieder Nein ins Gesicht sagen.”
Bei allem Respekt vor Leiden und Leistung des Absturzüberlebenden: Wen das Nein eines Kunden unter ähnlichen seelischen Druck setzt wie die Aussicht auf Hunger- und Kältetod, der braucht professionelle Hilfe – und zwar nicht von einem Motivationstrainer.



0 Kommentare zu “Wirtschaftswache: Zeitunglesen macht doof”