Wirtschaftswache: Arm, aber glücklich

Als normalsterblicher Neoliberaler hat man es heutzutage nicht immer leicht. Man muss zwar kaum noch damit rechnen, aus Politik und Medien mit anderen als marktliberalen Ideen belästigt zu werden, was natürlich sehr angenehm ist. Aber von Zeit zu Zeit kommen einem gefühlsduselige Berichte über die wachsende Armut in Deutschland in die Quere. ecolot.de verrät, wie man am besten argumentiert, wenn man in ein Gespräch über dieses Thema verwickelt wird.

Für diejenigen, die sich in den Kreisen der gesellschaftlichen Elite bewegen, ist das sicherlich kein Problem. Unter Leistungsträgern und Besserverdienern muss man kaum damit rechnen, sich unvorbereitet in Partygesprächen über Armut wiederzufinden. Und wenn, ist ein knappes Schulterzucken oder eine kleine Anekdote über ein arbeitsunwilligen Angehörigen des Prekariats eine vollkommen angemessene Reaktion.

Wenn man in Mittelschichtkreisen verkehrt, muss man sich da schon besser vorbereiten. Schließlich führt dort in Zeiten von Hartz IV eine gewisse Abstiegsangst zu einer diffusen Solidarität. Mit einigen wenigen Argumenten kann man aber auch hier schnell fehlgeleitetes Mitgefühl ausräumen und stattdessen klarmachen, dass die sogenannten Armen es kaum schlechter, wenn nicht sogar besser haben.

Beispiel 1: Häufig wird darauf hingewiesen, dass arme Menschen sich kein Auto leisten können, in ihrer Mobilität also empfindlich eingeschränkt sind. Dagegen lässt sich trefflich und politisch korrekt mit dem Hinweis auf den Klimaschutz argumentieren, zu dem der Arme auf diese Weise einen wichtigen Beitrag leistet. Und zwar im Gegensatz zum Autobesitzer, ohne dafür qualvoll den “inneren Schweinehund” niederringen zu müssen.

Beispiel 2: Die Kinder armer Menschen, so hört man, fühlten sich häufig sozial deklassiert, da sie an vielen Freizeit-Aktivitäten (Disco-Besuch, Shoppen, Jugendfreizeiten) nicht teilnehmen können. Glücklicherweise bemerken Experten mittlerweile, dass Schülern generell wegen des wachsenden Leistungsdrucks ohnehin keine Zeit mehr für solche Aktivitäten bleibt. Und – so lässt es sich auf eine griffige Formel bringen: Beim Büffeln sind wir alle gleich.

Beispiel 3: Besonders tückisch ist der Hinweis darauf, dass arme Menschen sich keinen Zahnersatz leisten können. Wenn dieses Argument ins Feld geführt wird, fährt der Normalbürger unwillkürlich mit der Zunge über die eigenen Kronen und stellt sich schaudernd vor, sie griffe ins Leere. Aber auch in dieser kritischen Gesprächssituation muss der Neoliberale nicht kapitulieren. Er kann zum Beispiel darauf hinweisen, dass fehlende Zähne es wesentlich erleichtern, beim Lebensmittelkonsum Maß zu halten, was wesentliche gesundheitliche Vorteile hat. Ein unverhofftes Argument liefern zudem Berichte aus der vergangenen Woche, dass die Milch wieder billiger wird. Denn für dieses gesunde und nahrhafte Lebensmittel bräuchte man im Grunde genommen gar keine Zähne.

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