ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert Ursachen und Lösungsansätze für die Inflation der Lebensmittelpreise. Das NRC Handelsblad aus den Niederlanden glaubt, dass Chinas Börsen vor dem Zusammenbruch stehen. Das Barron’s Magazine hat Alan Greenspans Doktorarbeit ausgegraben. Fundstück: Venedigs Tauben müssen demnächst hungern.
Die Huffington Post zeigt sich erstaunt, dass plötzlich alle Welt über die Inflation der Lebensmittelpreise redet. „Die US-Politiker sind nun eifrig dabei, Spekulanten die Schuld an der Krise zuzuweisen. Dass es aber sie selbst waren, die die Ethanol-Subventionen beschlossen haben, oder dass sie Farmer entlohnen, die ihr Land nicht bestellen, erwähnen sie nicht.“ So sei bemerkenswert, dass sich alle drei Präsidentschaftskandidaten zu der Tatsache ausschweigen, dass vor allem die Ethanol-Subventionen der USA zur Explosion der Getreidepreise geführt haben. Das Perfide daran sei, dass die Preise für Lebensmittel in den westlichen Ländern nur einen geringen Teil des Preisindexes ausmachen, eine wirkliche Lebensmittelkrise müssten sie nicht befürchten. Doch in den Entwicklungsländern machten Nahrungsmittel rund die Hälfte des Preisindexes aus: „Sie leiden besonders stark unter der importierten Inflation.“
Im Gespräch mit der kanadischen Tageszeitung Le Soleil nimmt Jean Ziegler, scheidender UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, kein Blatt vor den Mund: „Die Nahrungsmittelkrise erschüttert die Welt nicht erst seit heute. Seit Jahren verhungern Menschen Tag für Tag, das ist eine Tragödie, die für viele schon zur Normalität gehört.“ Dass die Preise explodiert seien, führt Ziegler auf drei Faktoren zurück: Der Hunger der Industrieländer nach Biokraftstoffen, Spekulanten und das Vorgehen des Internationalen Währungsfonds in Ländern wie Niger, Honduras oder der Mongolei, das man fast schon mit „struktureller Perversion“ charakterisieren könne. „Die aktuelle Nahrungsmittelkrise ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, schimpft der Schweizer Soziologe. Er fordert ein sofortiges Verbot für den Anbau zur Gewinnung von Biokraftstoffen und unverzügliche humanitäre Hilfen.
Der Scotsman aus Großbritannien hält es dagegen für überzogen, von einer „dramatischen Inflation der Lebensmittelpreise“ zu sprechen. Zwar sei es richtig, dass die Getreide- und Futtermittelpreise gestiegen seien und Klimaänderungen die Landwirtschaft bedrohten. Doch sei zu bedenken, dass Supermärkte und Lieferanten als Regulativ wirkten. „Ihr Wettbewerb läuft hauptsächlich über den Preis – weil es immer Kunden geben wird, die auf preiswerte Lebensmittel achten. Sie fangen einen Teil der Preisteuerungen ab – und mildern so die Folgen der globalen Inflation auf den einzelnen Konsumenten“, meint das Blatt.
Pleinchamp, das französische Internetportal für Agrarwirtschaft, bemerkt, dass die Nahrungsmittelkrise einen Rollenwechsel innerhalb der Welthandelsorganisation zur Folge hat: „Die großen Agrarexporteure, die sonst liberal am Weltmarkt auftreten, erlassen nun Restriktionen, während die ewigen Protektionisten plötzlich liberale Positionen vertreten.“ So hätten Argentinien, Brasilien, Vietnam, Indien und Ägypten Exportgrenzen festgelegt, um die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung sicher zu stellen. Doch diese Maßnahmen suggerierten nur Sicherheit – und könnten zu Verschlechterung der Versorgung von Unterprivilegierten führen.
Das Jornal de Negócios aus Portugal glaubt, dass die Erforschung neuer Technologien zur Energieproduktion noch viel stärker vorangetrieben werden muss, wenn die Entwicklungsländer weiter wachsen und die reichen Nationen den Kollaps vermeiden wollten. Denn hohe Energiepreise würden sich in jedem Bereich der Weltwirtschaft negativ niederschlagen. Es sei erschreckend, wie wenig Regierungen dafür investierten, obwohl sie langfristig damit Milliarden sparen könnten. Die USA habe für die Entwicklung neuer Energietechnologien in 2006 so viel aufgewendet wie sie für die Verteidigung in anderthalb Tagen ausgibt.
Chinas Bauern brauchen mehr Motivation
China Daily fordert die chinesische Regierung auf, die Landwirtschaft profitabler zu machen. „Der nachlassende Enthusiasmus der Bauern verspricht nichts Gutes für die langfristige Versorgung des Landes.“ Noch seien reichlich Getreidereserven vorhanden. Dennoch sollten die Behörden die Bauern mit finanziellen Anreizen motivieren, ihre Produktion zu erhöhen. Ein stabiler Nahrungsmittelbestand sei notwendig, um die Getreidepreise moderat zu halten. Gehe man davon aus, dass die Inflation in China in etwa zehn Jahren ihren Höchststand erreicht, sei jede Maßnahme zur Stabilisierung der Nahrungsmittelpreise wichtig, denn diese hätten einen großen Einfluss auf die Inflation. Außerdem suchten sich immer mehr Bauern lukrativere Jobs in den Städten. Die Regierung habe mehr politische Unterstützung versprochen, doch die derzeitigen Anreize seien „noch weit davon entfernt“, die Bauern von der Abwanderung abzuhalten.
Chinas Börsen vor dem Kollaps?
„Die Chinesen lernen, mit Börsenverlusten zu leben“, titelt das NRC Handelsblad aus den Niederlanden. Vor dem Wochenende seien die Kurse in Shanghai leicht gestiegen, aber alles in allem bleibe der Trend negativ, so das Blatt. „Eine ganze Armee von Anlegern musste zusehen, wie insgesamt 1.700 Milliarden Euro an den Börsen von Shanghai und Shenzhen verpufften.“ Zwar drehten die chinesische Zentralbank und das Finanzministerium an den fiskalischen Knöpfen, um einen Zusammenbruch der Börsen zu verhindern. Doch dem NRC-Korrespondenten ist klar: „Was seit Jahren gefürchtet wird, könnte sich nun bewahrheiten: Die Seifenblase droht zu platzen.“
Mehr Wettbewerb im französischen Einzelhandel
Der Nouvel Observateur zeigt Vor- und Nachteile des neuen französischen Gesetzespakets zur Modernisierung der Wirtschaft auf. „Das bisherige Loi Galland, das das Sterben der kleinen Einzelhändler mindern sollte, hat letztlich dazu geführt, dass die großen Distributeure sich ausbreiten und ihre Gewinnmargen ausbauen konnten.“ Dies erkläre auch, warum z.B. die Verbraucherpreise in Frankreich deutlich höher ausfielen als in Deutschland: „Bei uns konnten sich Discounter nicht wirklich etablieren.“ Insofern sei das Gesetzespaket, das u.a. den Wettbewerb im Einzelhandel fördert und den Neubau von Supermärkten erleichtert, zu begrüßen: „Die großen Händler werden nun gezwungen, mit den Produzenten reelle Preise auszuhandeln – ohne Rückvergütungen vorab aufzuschlagen. Das wird dem Verbraucher zugute kommen.“ Zu befürchten aber sei, dass die neuen Spielräume für Discounter zu Lasten der kleinen Supermärkte gehen.
Ein süßes Imperium mit zuviel Verhandlungsmacht
Die Financial Times Deutschland kommentiert die Übernahme der Kaugummilegende Wrigleys durch den Schokoriegelkonzern Mars und den Finanzinvestor Warren Buffett. Hier entstehe ein Imperium des Süßen, das nicht zu unterschätzen sei. „Sowohl Wrigley als auch Mars sind außerordentlich erfolgreiche Familienunternehmen, die aber an die Grenzen ihres Geschäftsmodells stoßen: Mars gerät mit seinen Produkten zunehmend in die Schusslinie von Gesundheits- und Verbraucherpolitikern; Wrigley ist auf einigen Märkten bereits so dominant, dass weiteres Wachstum schwerfällt.“ Zusammen könnten sie nun eine Verhandlungsmacht über Preise und Produktplatzierungen erlangen, die die Kartellwächter interessieren müsse.
Alan Greenspan hätte den Nobelpreis verdient
Das Barron’s Magazine berichtet voller Stolz, in den Besitz eines der beiden letzten Exemplare von Alan Greenspans Doktorarbeit aus dem Jahre 1977 gelangt zu sein: „Wir kamen uns vor wie Indiana Jones in dem dramatischen Moment, in dem er die Bundeslade entdeckt!“ Das dritte und inzwischen vermisste Exemplar, so die Wall-Street-Journal-Schwester, habe Greenspan zu Beginn der Reagan-Ära aus den Regalen der New Yorker Universitätsbibliothek entfernen lassen – zu Unrecht: So habe der ehemalige Notenbankchef darin z.B. dargelegt, wie steigende Hauspreise sich auf den Konsum auswirkten – auch wenn Greenspan nicht die Folgen voraussah, die heute zu beklagen seien. Auch sei ein Kapitel über Investmentrisiken und Aktienpreise enthalten, das die Q-Ratio von James Tobin aus dem Jahr 1969 vorwegnehme – Tobin bekam dafür den Nobelpreis.
Fundstück: Venedigs Tauben müssen demnächst hungern
Wer noch einmal eine der 20.000 Tauben auf dem Markusplatz von Venedig füttern möchte, muss sich beeilen: Ab 1. Mai, berichtet die Zeitung Corriere della Sera, ist es den rund 20 ansässigen Verkaufsbuden verboten, Taubenfutter an Touristen zu veräußern. Obwohl diese pro Jahr 3,5 Millionen Euro umsetzen und 350 Tonnen Futter unter die Leute bringen, wollen die Stadtväter das Taubenvieh nicht mehr auf dem Platz haben. Sie haben den betroffnen Verkäufern diverse Entschädigungen angeboten, doch elf stellen sich quer: Sie vermuten, dass nicht die Tauben der Stadtverwaltung ein Dorn im Auge sind, sondern die Büdchen selbst. Deshalb wollen sie am 1. Mai trotzdem ihre (geschlossenen) Handkarren auf dem Marktplatz postieren – zu einer Protestbarrikade.
Fotos: aboutpixel.de



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