Wirtschaftswache: Trend zur Zweitstimme

Man denkt ja dieser Tage oft, dass unsere Spitzenpolitiker schon schlimm sind. Aber die dumpfesten Brummen nisten immer noch in den Untiefen unserer Parteien, in stickigen Erdlöchern wie Jugendorganisationen, Kreisverbänden und den Hinterbänken der Parlamente. Und dort brüten sie manchmal den Irrglauben aus, zu Höherem berufen zu sein.

Dann krabbeln sie hervor und machen Vorschläge: Senioren von der medizinischen Versorgung auszuschließen, Kopftücher zu besteuern, die Dauer von Fußballspielen auf 75 Minuten zu begrenzen oder das Rauchen in Kneipen zu verbieten.

Nun hat sich also der Vorsitzende des RCDS zu Wort gemeldet, jener Organisation, deren Ziele durch ein “M” vor ihrem Namen umfassend beschrieben wären. Wer arbeitet, findet Gottfried Ludewig, sollten bei Bundes- und Landtagswahlen doppeltes Stimmrecht haben (hier der bewundernde Bericht von bild.de).

Nun bedeutet der Umstand, dass eine Idee vollkommen bescheuert ist, leider nicht, dass sie chancenlos wäre. Im Gegenteil: Angesichts des Niveaus, auf dem heutzutage und hierzulande politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden, könnte der Vorstoß des christdemokratischen Studentenkorps eine große Zukunft haben.

Bald schon wird er Freunde finden, die auf den Vorwurf, demokratische Grundsätze zu verraten, keck antworten werden: “Wieso? Es gibt doch schon lange Erst- und Zweitstimme.” Und dann werden sie darauf hinweisen, dass der Vorschlag auch die Lösung für ganz andere Probleme enthalten könnte. Den Arbeitnehmern, die von ihrem Einkommen nicht leben können, könnte man doch gleich erlauben, eine der beiden Stimmen zu verkaufen. Wer braucht dann noch einen Mindestlohn?

Außerdem, werden sie sagen, dürften sich die Proteste gegen die Ungleichheit bei der demokratischen Teilhabe bald erledigen: Wenn – wie absehbar – bald Vollbeschäftigung erreicht und die Rente mit 87 eingeführt wird. Dann hätte eben jeder normale Bürger bei Bundes- und Landtagswahlen zwei Stimmen.

Das würde auch die Bundestagsabgeordneten freuen. Denn wenn sie doppelt soviele Stimmen kriegen, könnten sie auch ganz einfach erklären, warum sie sich doppelt so hohe Diäten genehmigen.

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