Gewehr bei Fuß gegen die Inflationsangst

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse zeigt sich uneins in der Frage, ob die Europäische Zentralbank den Leitzinssatz angesichts neuer Inflationsrekorde erhöhen soll oder nicht. Businessweek berichtet von den Kopfschmerzen, die das Apple-iPhone seinen Konkurrenten bereitet. Die Gazeta.ru zerpflückt den angeblichen Investitionsboom in Russland. Fundstück: Rosinenbomber für den Gaza-Streifen.

Die Finanzkrise scheine so gut wie überwunden, da mausere sich die Inflation zum Nachfolge-Gespenst, das der Wirtschaft das Fürchten lehre, moniert der Standard aus Österreich angesichts des neuerlichen Inflationsrekordhochs in Europa. “Bei einer Teuerung von 3,7 Prozent im Euro-Schnitt bleibt den Konsumenten weniger zum Ausgeben, womit der chronisch schwache Konsum in Europa bestenfalls noch stagnieren dürfte.” Doch das Schlimmste stehe noch bevor: “Der Europäischen Zentralbank (EZB) wird – nimmt sie ihren Auftrag zur Herstellung der Geldwertstabilität ernst (woran niemand zweifelt) – nichts anderes übrig bleiben, als an der Zinsschraube zu drehen. Das erhöht die Kreditkosten und dämpft somit die Investitionstätigkeit ebenso wie den ohnehin schwachen Konsum.” Alternativen gebe es gleichwohl keine. “Ohne gegenzusteuern, würden die Unternehmen im Glauben gelassen, dass sie ihre Preise munter weiter erhöhen können.” Deshalb müsse die EZB in dieser Phase Gewehr bei Fuß stehen – und zumindest die Angst vor Gespenstern nehmen.

Kritik kommt dagegen vom Internetportal New Europe: “Die Anhebung des Leitzinssatzes war bislang ein Thema, dass die EZB nicht diskutieren wollte. Und nun kommt Jean-Claude Trichet mit seiner Ankündigung, dem Leitzinssatz anzuheben, und schon schnellt der Euribor, der Zinssatz für Termingelder in Euro im Interbankengeschäft, auf 4,89 Prozent – eine Sphäre, in die die Euro-Zone noch nie in ihrer zehnjährigen Geschichte vorgedrungen ist. Die Folge war, dass Darlehen teurer wurden”, beklagt das Portal. Die EZB operiere nun mal nicht im Vakuum, sie müsse stets auch die politischen und wirtschaftlichen Implikationen ihrer Handlungen für die Völker, die sie vertrete, im Auge behalten.

Das kanadische Wirtschaftsportal CEP News hat während eines Asien-Europa-Treffens in Südkorea missbilligende Worte vom dort anwesenden belgischen Finanzminister Didier Reynders notiert: “Jean-Claude Trichet war mit seiner Ankündigung, den Leitzinssatz anzuheben, vielleicht etwas voreilig.” Nicht nur handele es sich dabei um eine kurzfristige Maßnahme, zu der der Ausblick auf die weitere, langfristige Entwicklung fehle. Man könne auch davon ausgehen, dass die Inflation in Europa in der zweiten Jahreshälfte zurückgehe. “Deshalb sollte die EZB den Leitzinssatz belassen, wie er ist. Schließlich müssen wir alles tun, damit die Wirtschaft weiter wächst”, zitiert CEP News den Minister.

Die EZB muss die Zinsen erhöhen, fordert indessen das portugiesische Jornal de Negócios. Die Löhne der Euro-Zone seien um 3,3 Prozent gestiegen – ein Fünf-Jahres-Rekord. Trotz der schlechten Wirtschaftslage hätten sich die Unternehmen den Gewerkschaften nicht widersetzen können. Das sei aber verständlich, da sich die Wirtschaft auf ein höheres Inflationsniveau einstellen würde. Ein Alptraum für die Europäische Zentralbank, findet das Blatt. Die Inflationserwartungen umzukehren mithilfe der Zinspolitik sei nun der einzig richtige Weg. “Gott sei Dank haben wir eine unabhängige Zentralbank”, schreibt das Blatt.

Die Washington Post registriert die mögliche Leitzinsanhebung der EZB mit Besorgnis, weil die amerikanische Notenbank (Fed) gerade das Gegenteil beschlossen habe. “Die Aussicht, dass die beiden einflussreichsten Zentralbanken der Welt konträre Wege einschlagen, reflektiert eine ungewöhnliche Uneinigkeit über die Weltwirtschaft bei Ben Bernanke und Jean-Claude Trichet.” Dabei liege auf der Hand, dass die EZB den Ölpreis nicht mit höheren Zinsraten senken könne: Die Bevorratung mit Öl z.B. in China stelle das eigentliche Problem dar. Dagegen seien Zentralbanken einfach machtlos. “Auf internationaler Ebene koordinierte Aktionen könnten helfen, doch das scheint derzeit nicht möglich, wo Europa und Amerika gerade vollkommen unterschiedliche Richtungen nehmen.”

Apple ist kaum etwas entgegenzusetzen

Die fatalen Auswirkungen des erfolgreichen iPhones auf Apple-Konkurrenten beleuchtet Businessweek. “Es hat Apple kaum Zeit gekostet, deutliche Spuren in der Mobiltelefon-Branche zu hinterlassen: Im Handumdrehen hat das Unternehmen Marktanteile eingestrichen.” So stünden bereits jetzt W-Lan-Provider mit ihren Konkurrenzprodukten unter Druck, sie hätten ihre Marketingbudgets erhöhen und die Preise für Serviceleistungen reduzieren müssen, um mithalten zu können – was natürlich ihre Gewinnmargen geschmälert habe. Verschärft worden sei die Situation noch durch neue Mitspieler wie Google. “Aber auch Hersteller von Mobiltelefonen bekommen zunehmend Kopfschmerzen. Motorola hat in den letzten Jahren kaum innovative Handys produziert, und auch Samsung, LG und Nokia werden Anteile verlieren.” Noch sei die Entwicklung offen, doch eins stehe schon jetzt fest: “Die Leute wollen nun mal ein iPhone, genauso wie sie einen iPod wollen, und nicht irgendeinen MP3-Player.”

Der Kunde ist König, wenn er es will

Der Toronto Star erteilt eine Lehrstunde zum Prinzip “Der Kunde ist König” am Beispiel des kanadischen Einzelhandels. Seit langem beklage sich das Land, dass die Einzelhändler überdurchschnittlich hohe Preise verlangen: Einer aktuellen Studie zufolge zahlen Kanadier für das gleiche Produkt 18 Prozent mehr als US-Bürger. “Viele denken, hier müsse ein Gesetz her, dabei haben sie selbst doch die Macht, die Preise zu drücken.” Einige würden bereits regelmäßig in den USA einkaufen, doch solange sich die Masse kanadische Preise gefallen lasse, ändere sich nichts. “Die Kunden müssen handeln und den Laden notfalls verlassen, wenn der Händler nicht bereit ist, weniger zu akzeptieren.” Würde z.B. eine ausreichende Anzahl an Kanadiern aus Protest ihren vollen Einkaufswagen an der Kasse stehen lassen, würden die Preise ganz schnell sinken. “Kunden sind nur dann König, wenn sie es wollen.”

Bitte mehr Gerechtigkeit!

Ein Plädoyer für eine gerechtere weltweite Verteilung von Gewinnen und Ressourcen hält der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz in dem französischen Wirtschaftsblatt Les Echos. “Als George W. Bush gewählt wurde, versprach er den Reichen des Landes Steuererleichterungen, weil diese die Wirtschaft ankurbeln und letztlich alle profitieren würden. Diese Politik ist in Mode gekommen, nicht zuletzt auch in Europa, aber sie ist eindeutig gescheitert.” Die Steuersenkungen hätten keinen Anreiz zum Sparen geschaffen, es seien nicht mehr Arbeitsplätze geschaffen worden, die Aktivposten seien nicht gestiegen: “Nur den wirklich Vermögenden sind all diese Maßnahmen zugute gekommen.” Daraus müsse die Welt endlich Lehren ziehen. Es gelte nun, den Reichtum und die Ressourcen gerechter zu verteilen und z.B. den Reichen auch mehr Steuern aufzuerlegen.

Trübe Aussichten für Spaniens Wirtschaft

Cinco Días hat eine aktuelle Studie der Deutschen Bank unter die Lupe genommen. Darin heiße es, dass die spanische Wirtschaft wegen der geplatzten Immobilienblase in den nächsten fünf Jahren ein Durchschnittswachstum von nur 1,5 Prozent erreichen werde. Gleichzeitig würden die Immobilienpreise um 30 bis 35 Prozent fallen. Spanien sehe durch seinen überbewerteten Immobiliensektor einer seiner schwierigsten Wirtschaftsperioden überhaupt entgegen. “Kurzfristig wird die Herausforderung sein, Mittel vom Bau- und Konstruktionssektor hin zu anderen Bereichen mit größerem Mehrwert zu leiten”, zitiert die Zeitung aus dem Bericht.

Potemkinsche Auslandsinvestitionen boomen

Gazeta.ru analysiert den vermeintlichen Investitionsboom in Russland, auf den die Machthaber mit Stolz verweisen – Reden, die zu einem wichtigen Teil der offiziellen Propaganda von Wirtschaftserfolgen geworden seien. Die Zeitung nimmt dafür die rekordverdächtigen 27,8 Milliarden Dollar Auslandsinvestitionen in Russland im vergangenen Jahr genauer unter die Lupe. 18,3 Milliarden seien Investitionen aus den Niederlanden und Zypern, dieses Geld sei ohnehin russischen Ursprungs, und wohl keine ernsthafte Investition aus dem Ausland. In Produktion und Infrastruktur – Gebiete, auf denen Russland dringend eine Modernisierung bräuchte – seien nur rund 5,5 Milliarden Dollar geflossen. Der größte Teil sei natürlich auf die Rohstoffbranche entfallen. “Zu uns kommt nur spekulatives Kapital, etwa Kredite, und Geld, das viele Russen in früheren Jahren ins Ausland geschafft haben. In der Realität mögen ausländische Investoren Russland nicht, etwa wegen des schlechten Investitionsklimas und des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft”, resümiert das Blatt.

Gewinnende Kultur statt kitschiger Wallfahrtsorte

China Daily ist überzeugt, dass das kulturelle Erbe des Landes keine Last, sondern ein Wirtschaftsfaktor ist. Das Blatt stützt sich dabei auf das erstmals vom Forschungs- und Entwicklungszentrum des Staatsrates herausgegebene Blaubuch. Darin aufgeführte Statistiken belegen, dass der Beitrag der Kulturstätten zum Wirtschaftswachstum achtmal höher sei als Investitionen für deren Erhaltung. Die daraus resultierende Botschaft solle also sein, das kulturelle Erbe zu schützen, “und sei es nur vom Standpunkt des wirtschaftlichen Gewinns aus betrachtet.” Dies sei u.a. an die Adresse kommunaler Behörden gerichtet, die stillschweigend die Beschädigung oder Zerstörung von Kulturstätten dulden, wenn diese einem Wirtschaftsprojekt “im Wege stehen”, oder sie in kitschige Wallfahrtsorte verwandeln. Allein 50 Prozent der Gelder bringe der Tourismus, der somit als stabile Einnahmequelle für die lokale Wirtschaft betrachtet werden könne. Kulturdenkmäler kämen Vielen zu Gute und seien es Wert, entsprechend gepflegt und erhalten zu werden, mahnt das Blatt.

Fundstück: Rosinenbomber für den Gaza-Streifen

Die Los Angeles Times denkt laut über die Möglichkeit nach, Flugzeuge der U.S. Air Force Nahrungsmittelpakete über Gebiete abwerfen zu lassen, in denen Menschen hungern – wie einst 1948 über Berlin. Das Land investiere Millionen über Millionen in Projekte gegen Hunger, und doch sei der Ruf Amerikas gerade in Ländern, die am meisten profitierten, wie Pakistan oder Ägypten, äußerst schlecht. “Diese Gelder werden oftmals verschwendet. Warum also nicht Rosinenbomber losschicken, die Nahrungsmittelpakete über dem Gaza-Streifen, ländlichen Regionen Pakistans oder den Schiiten-Slums von Südbeirut abwerfen?” Natürlich müssten die Kampagnen gut vorbereitet werden: “Sie dürfen die Empfänger nicht verletzen oder schädigen. Schokoladenriegel beispielsweise über einem Gebiet mit hungrigen Kindern abzuwerfen, würde nicht nur Ernährungswissenschaftler schocken, sondern auch die Kinder selbst.”


Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

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