Zeit für einen „ideologischen Hausputz“

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert die wirtschaftspolitischen Konzepte von Barack Obama und John McCain. Le Monde wirft Deutschland „wirtschaftspolitischen Patriotismus“ vor. Die Neue Zürcher Zeitung begrüßt das Engagement von Daimler in Ungarn. Die Gazeta.ru aus Russland heizt die Gerüchteküche um die britisch-russische Ölfirma TNK-BP an. Fundstück: Warum ist die Banane teuer?

Im Wall Street Journal attackiert Karl Rove, früherer Berater von US-Präsident George W. Bush, den wirtschaftspolitischen Kurs von Barack Obama und John McCain. So habe der Demokrat beispielsweise angekündigt, als Präsident zusätzliche Steuern bei Ölkonzernen zu erheben. Wie einst Jimmy Carter, was seinerzeit dazu geführt habe, dass US-Ölfirmen gegenüber internationalen Wettbewerbern benachteiligt worden seien und die heimische Ölförderung gekappt wurde. Außerdem gebe es andere Industrien, deren Gewinnmargen weitaus größer seien, etwa in der Computerbranche. McCain werfe den Öl-Magnaten vor, nicht in alternative Energien investiert zu haben. Auch das sei falsch: Von den 46 Milliarden Dollar, die von 2000 bis 2005 in Nordamerika in die Erforschung alternativer Energien geflossen seien, hätten Öl- und Gasfirmen zwölf Milliarden Dollar beigesteuert. Fazit von Rove: „Barack Obama und John McCain stellen einmal mehr unter Beweis, dass Präsidentschaftskandidaten bei engen Wahlen und in ökonomisch schwierigen Zeiten wirtschaftlich ungebildet und unverantwortlich populistisch sein können.“

In der US-Zeitschrift The Nation greift die Globalisierungskritikerin Naomi Klein den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama an. Nur drei Tage nach Hillary Clintons Rückzug habe Obama auf CNBC verkündet: „Hören Sie. Ich bin für Wachstum und den freien Markt. Ich liebe den Markt.“ Um dies zu untermauern, habe Obama den 37 Jahre alten Jason Furman zum Chef seines Wirtschaftspolitik-Teams ernannt. Furman sei einer der prominentesten Wal-Mart-Verteidiger und habe wiederholt die Kritiker des Einzelhandelskonzerns wegen ihrer Forderungen nach Lohnerhöhungen für die Angestellten angegriffen – dadurch drohten dem Unternehmen und der gesamten Wirtschaft „Kollateralschäden“. Während des Wahlkampfes gegen Clinton habe Obama seine Rivalin jedoch noch dafür angegriffen, dass sie im Verwaltungsrat von Wal-Mart sitze und dabei erklärt: „Ich werde da nicht einkaufen gehen!“ Innerhalb der Riege der wirtschaftspolitischen Berater Obamas drohten weitere Dissonanzen und Widersprüche, weshalb Klein dem Demokraten zu einem „ideologischen Hausputz“ rät.

Die Asahi Shimbun aus Japan wundert sich darüber, dass der wirtschaftliche und politische Aufstieg Asiens in der „post-amerikanischen Welt“ im Wahlkampf bislang kaum eine Rolle spielt. Der Fokus von Obama und McCain liege entweder auf binnenamerikanischen oder sicherheitspolitischen Themen. China rücke nur mit Blick auf den US-Handel, als Anbieter ultrabilliger Waren, gelegentlich ins feindliche Blickfeld der Wahlkämpfer. „Obwohl die Kandidaten manchmal zum Schlag gegen China ausholen, richtet sich der Hauptstoß meist gegen die US-amerikanischen Partner des North American Free Trade Agreement (Nafta), Mexiko und Kanada.“ McCain sei ein Verfechter des Freihandels und könne von seiner Position nicht abrücken, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, sucht das Blatt nach Gründen für das ausbleibende Asien-Bashing. „Daher muss Obama nur einen kleinen Schritt näher zur Anti-Handels-Fraktion rücken, um sich von McCain abzuheben und bei den US-Arbeitern Anklang zu finden“. Dabei werde Obama jedoch vermutlich vorsichtig agieren. „Bei so vielen Feinden und Kritikern als Folge des Irak-Kriegs kann Amerika nicht noch mehr Gegner gebrauchen“, begründet die japanische Zeitung.

Deutschlands wirtschaftspolitischer Patriotismus

Nachdem der französische Elektronikkonzern Sagem Interesse an einer Übernahme der deutschen Bundesdruckerei bekundet hat, dämpft Le Monde die Hoffnungen der Landsleute. Dass ein strategisches Unternehmen in den Händen ausländischer Investoren liege, sorge nicht gerade für Enthusiasmus in Berlin, weshalb der deutsche Konkurrent Giesecke & Devrient wohl die besten Karten habe. „Der Fall der Bundesdruckerei ist symptomatisch für den gegenwärtigen wirtschaftlichen Patriotismus jenseits des Rheins“, meint die Zeitung – Berlin bereite ein Gesetz vor, das heimische Unternehmen vor ausländischen Investoren schützen solle, und zwar besonders dann, wenn sich diese in industrielle oder politische Interessen einzumischen drohten. Verhindern könne die Regierung ein Angebot von Sagem wegen des EU-Wettbewerbsrechts dennoch nicht.

Daimler in Ungarn – gute Wahl

Die Neue Zürcher Zeitung kommentiert das Engagement von Daimler in Ungarn, wo der Autokonzern ein neues Werk eröffnen will. Nicht nur die Wirtschaft des Landes, die nach einschneidender Sparpolitik mit tiefem Wachstum kämpfe, profitiere von der Entscheidung. Ungarn verfüge außerdem für Autobauer über „komparative Vorteile“: Es gebe eine hohe Zahl international orientierter Zulieferbetriebe, die Verkehrsinfrastruktur ermögliche auf der Straße und der Schiene eine bessere Anbindung an Westeuropa, als dies in Polen oder Rumänien der Fall wäre, außerdem schwinge Ungarn bei der Produktivität obenaus. Während die Löhne im ersten Quartal 2008 in Polen um 14 und in Rumänien sogar um 20 Prozent in die Höhe geschnellt seien, mute das in Ungarn gemessene Lohnwachstum um 10 Prozent schließlich fast schon bescheiden an.

Steuern runter, Peer Steinbrück

Der Focus fordert die Bundesregierung zu Steuersenkungen auf. „Niedrigere Belastungen für die Bürger wären allein schon deshalb angebracht, weil der Fiskus durch Inflation und kalte Progression ohnehin mehr kassiert“, meint der Kommentator. Doch der Bundesfinanzminister hat aber gerade keine Lust, fair zu sein: „Peer (,I love cash’) Steinbrück findet immer neue Ausreden: Mal droht angeblich ein neues Milliardenloch, mal will er unbedingt am Ziel eines ,ausgeglichenen Haushalts’ festhalten“, spöttelt das Nachrichtenmagazin. Statt den Bürgern die Entscheidung zu überlassen, wie sie ihre Steuerersparnisse anlegen, maße sich der deutsche Wohlfahrtsstaat an, seine Bürger mit einer Rundumversorgung vor allen erdenklichen wirtschaftlichen Risiken zu schützen. Dabei versuchten die Politiker, das eingesammelte Geld so zu verteilen, dass sie möglichst viele Wählerstimmen bekommen. „Vor allem von denen, die sich nicht selbst vor individuellen Risiken schützen können – oder wollen.“

Spanien: Unión Fenosa expandiert

El País berichtet über die Expansionspläne von Unión Fenosa, einem der wichtigsten spanischen und im Ibex 35 notierten Energieunternehmen. Der Stromriese wolle sowohl in den USA als auch in Indien Fuß fassen und so sein internationales Geschäft ausbauen. „In Spanien werden die geplanten Strompreiserhöhungen das vorhandene Defizit nicht decken“ zitiert das Blatt den Präsidenten von Unión Fenosa, Pedro López Jiménez, mit Blick auf die aktuelle Diskussion zur Strompreiserhöhung. Die Tarife seien irreal und spiegelten seiner Meinung nach ein schweres Ungleichgewicht wider, das es auszugleichen gelte.

Steigt Rosneft bei TNK-BP ein?

Die Gazeta.ru aus Russland heizt die Gerüchteküche um die britisch-russische Ölfirma TNK-BP an, bei der seit Anfang Mai ein Streit zwischen BP und den russischen Aktionären tobt. Bisher galt Gazprom als baldiger neuer Eigentümer des Konzerns. An der russischen Börse kursierten neuerdings jedoch Gerüchte, die staatliche Ölgesellschaft Rosneft sei an einem Deal mit BP interessiert und wolle 9,44 Prozent seiner eigenen Aktien für den britischen Anteil an TNK-BP tauschen. Für die Briten ein schlechtes Geschäft, denn ihre 50 Prozent an TNK-BP seien 17,7 Milliarden Dollar wert, während Rosneft Aktien für 12 Milliarden Dollar und einen Aufsichtsratsposten bietet. Es sei jedoch unübersehbar, wie der Staat TNK-BP unter Druck setze, beispielsweise durch die Durchsuchungen in den Büros oder die Vorladung von TNK-BP Chef Robert Dudley wegen Verstößen gegen das Arbeitsrecht sowie die Ausweisung von 50 britischen Mitarbeitern. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass der russische Staat die Briten so lange unter Druck setzt, bis Sie ihren Anteil verkaufen“, schließt der Autor.

Bill Gates: Monopolist und Plagiator

In seinem Firmenblog verabschiedet George F. Colony, CEO des Marktforschungsunternehmens Forrester Research, Microsoft-Gründer Bill Gates, der zum 1. Juli 2008 endgültig aus dem Technologieunternehmen ausscheide. Dessen wichtigstes Erbe sei der Erfolg, die Produkte von Microsoft durch monopolistische Strukturen zum Standard für Firmen und einzelne Branchen gemacht zu haben – also ein „Ökosystem“ von Dokumenten, Tabellen, Druckertreibern, Programmen und Browsern geschaffen zu haben, das den Nutzern ermögliche, in „einer Sprache“ zu kommunizieren. „Anders als beim Öl, der Pharma- oder Stahlbranche sind Monopole im Technologie-Geschäft ein nötiger Bestandteil. Nur wenn de-facto-Standards wie Windows oder de-jure-Standards wie HTLM dominant werden, steigt die Nutzerfreundlichkeit“, schreibt der Forrester-Chef. Interessanterweise sei Gates nie ein Innovator gewesen, sondern eher ein „Weiterentwickler“ oder, in weniger freundlichen Worten, ein „Plagiator“.

Fundstück: Warum ist die Banane teuer?

Die International Herald Tribune untersucht die Bananen-Wirtschaft, in der es derzeit Turbulenzen gebe, weil eine Flut in Ecuador, dem größten Exporteur der gelben Frucht, das weltweite Angebot dezimiert habe – in den USA koste ein Pfund bereits ein Dollar. Der Autor wundert sich, warum Bananen bislang sogar günstiger waren als Äpfel, obwohl sie in klimatisierten Containern transportiert und spätestens zwei Wochen nach der Ernte verkauft werden müssten, während Äpfel monatelang überlebten. Weitere erstaunliche Details des Artikels: Es gebe weltweit über 1000 Bananen-Sorten, nur eine jedoch, die Cavendish, werde in westlichen Ländern vertrieben. Dies ermögliche der Bananenindustrie, dass bei einem Schiffstransport alle Bananen mit der selben Geschwindigkeit reifen; außerdem seien die Qualitätsschwankungen dieser Bananensorte vergleichsweise gering.
Mitarbeit: Florian Käfer, Maxim Kireev.

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