Die Zähmung des Inflationsbiestes

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse entlarvt die Warnungen von Regierungen und Ökonomen vor der drohenden Inflation und zeigt auf, was konkret gegen diese getan werden kann. Shanghai Daily erteilt den Apologeten des freien Marktes eine Lehrstunde. Der New Zealand Herald sieht Politiker weltweit in der Pflicht, um die Zukunft der Fluglinien zu sichern. Fundstück: Wirtschaftlicher Erfolg klappt auch ohne Karaoke.

Höhere Inflationsraten seien Gift für die Wirtschaft, gerade auch für Sparer und Arbeitnehmer, weil selbst scheinbar üppige Lohnerhöhungen sofort wieder zunichte gemacht würden, schreibt die Welt Online. Und doch habe die spürbare Aufregung über diese schleichende Enteignung auch ihr Gutes: “Sie könnte den Kampf gegen die Inflation erleichtern. So wird eher akzeptiert werden, wenn die Europäische Zentralbank bald die Zinsen erhöht – auch wenn die Schelte von Politikern programmiert ist. Denn Zinserhöhungen gelten nun einmal als schädlich für die Konjunktur”, argumentiert die Zeitung. Dabei sei es doch die Regierung, die von der Inflation profitiere: Staatsschulden würden zügiger entwertet, gleichzeitig würden ihre Einnahmen steigen: “Denn wenn die Inflation zu höheren Gehältern führt, rutschen die Bürger schneller in höhere Steuerklassen.” Wenn sich also Politiker derzeit öffentlich um den Ölpreis sorgen und die Europäische Zentralbank vor Zinserhöhungen warnten, lenkten sie von ihrer eigenen Verantwortung ab: “Die Regierung hat es in der Hand, Firmen und Verbraucher zu unterstützen. Es ist Zeit für eine grundlegende Entlastung bei der Einkommensteuer.”

Der Business Spectator aus Australien warnt die Regierungen davor, sich zu sehr auf die Frage zu versteifen, ob man die Inflation bekämpfen oder aber Konjunktur und Wachstum schützen solle. Zu komplex wirke die Inflation in Wirtschaft und Gesellschaft hinein, um sie mit “einfachen” Methoden bekämpfen zu können. Außerdem habe das Beispiel Asien gezeigt, dass Zinserhöhungen nicht unbedingt die Inflation dämpften. “Die Regierungen sollten sich nicht am Entweder-Oder festklammern, sondern stattdessen versuchen, beides zu tun.” So könnten sie z.B. höhere Leitzinssätze durch Rabatte und Steuerrückzahlungen flankieren, um die Bürger zu entlasten. Auch Zurückhaltung bei Lohnforderungen seien eine Möglichkeit. “Vor allem aber sollten sie offen über tatsächliche Inflationsrisiken sprechen, Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung gut begründen und kreative Ideen umsetzen.”

In Großbritannien glaubt die Londoner Times, dass die Angst der Mitglieder der Bank of England vor der drohenden Inflation übertrieben ist: Die Kerninflation – ein von Ökonomen gern verschmähter Wert, weil er die Preisteuerungen bestimmter Güter nicht berücksichtige – gebe Auskunft darüber, in welchem Maß sich die Inflation in allgemeinen Preisteuerungen manifestiere. So liege die Kerninflation im Königreich aktuell bei 1,5 Prozent, vor sechs Monaten habe der Wert 1,4 Prozent betragen, Panik sei also nicht angebracht. Die von der Bank of England in Erwägung gezogene Anhebung des Leitzinssatzes wäre zudem falsch. Nicht nur würde das die Konjunkturaussichten trüben und den Pfund in eine größere Misere stürzen. Man könne auch darauf vertrauen, dass das derzeit “schleichende Wachstum das Biest der Inflation schon zähmen” werde. Die Zinsen zu erhöhen, wäre letztlich nur ein gefälliger Akt gegenüber Wirtschaft und Politik.

Äußerst skeptisch bewertet die New York Times eine Rede von US-Notenbank-Chef Ben Bernanke an der Harvard University, die impliziere, die Fed habe es in der Hand, mit ihrer Geldpolitik die Inflation zu stoppen. Zwei Präzedenzfälle seien hier von Relevanz: In der Ölkrise der 70er Jahre habe die Fed auf Druck der Politik das Land mit Geld geflutet und die Leitzinsen hoch gehalten, um eine Rezession zu verhindern. Ergebnis sei eine schwere Inflationswelle gewesen. Danach habe es eine 20 Jahre währende, stabile Zeit ohne hohe Inflationsraten gegeben, dank der Unterstützung durch Jimmy Carter bzw. Ronald Reagan. “In anderen Worten: Die Fed hat einmal falsch gehandelt und einmal richtig. Der Unterschied war: der politische Druck.” Einem solchen Druck könne sich Bernanke mit einem neuen, populistischen Präsidenten – egal ob er McCain heiße oder Obama – bald ausgesetzt sehen. Bei beiden sei damit zu rechnen, dass die vorherrschende politische Meinung sie danach streben lasse, eine Rezession mit allen Mitteln zu verhindern. Es sei fraglich, ob Bernanke sich gegen sie durchsetzen könne.

Die Apologeten des Freien Marktes liegen falsch

Dass die Beschränkung natürlicher Ressourcen in der aktuellen Krise das weltweite Wirtschaftswachstum hemme, glauben die Apologeten des Freien Marktes nicht – mit Verweis auf die letzten 200 Jahre, in denen immer wieder zu Unrecht befürchtet worden sei, dass Rohstoffe ausgehen. Diese Einschätzung ist nach Meinung von Shanghai Daily falsch. Vier Gründe nennt das Blatt: Zum einen habe die Ölkrise 1973 bereits gezeigt, dass die Beschränkung natürlicher Ressourcen Wachstum hemme. Zum zweiten habe die Weltwirtschaft heute ein größeres Volumen als in der Vergangenheit. “Drittens sind viele Niedrigpreis-Optionen wie billiges Öl bereits heute ausgeschöpft. Und viertens konnten die technologischen Triumphe der Vergangenheit nicht wirklich dazu beitragen, natürliche Ressourcen zu konservieren. Sie wurden letztlich nur ausgebeutet.” Die Weltwirtschaft müsse deshalb sehr wohl alternative Methoden zur Nutzung von Wasser, Energie und Land entwickeln, um wirtschaftliches Wachstum zu sichern, fordert das Blatt.

Fluglinien stürzen ohne politische Unterstützung ab

Nur globale Lösungen können den aufgrund des Ölpreises massiv unter Druck geratenen Fluglinien noch helfen, meint der New Zealand Herald. Als 2002 der Ölpreis ungeahnte Höhen erklommen habe, hätten die Fluggesellschaften klug reagiert: Die Treibstoffeffektivität sei um 19 Prozent gestiegen, die Marketingkosten seien um 25 Prozent reduziert und ein weltweites e-Ticketing-System eingeführt worden. “Nun, nachdem 24 Fluglinien in den letzten sechs Monaten dicht gemacht haben, steht die Branche vor neuen Herausforderungen, und dabei muss sie von den Regierungen unterstützt werden.” So müsse die Monopolstellung zahlreicher Flughäfen, die immer wieder ihre Gebühren anheben, gebrochen werden. Zudem müssten die Staaten ihren Teil zur Verbesserung des Luftverkehrsmanagements beitragen, sich für globale Standards einsetzen und endlich honorieren, dass es vor allem die Fluggesellschaften seien, die Innovationen bei der Nutzung von Energierohstoffen entwickelten – und diese nicht noch für ihr Engagement bestrafen. “Die Politiker reden von Umweltschutz, aber letztlich wollen sie bis heute nur Geld kassieren”, kritisiert das Blatt.

Argentinien enttäuscht Hoffnung ausländischer Unternehmer

Argentinien sei nach der Krise 2001 für viele chilenische Unternehmen die neue Wachstumshoffnung gewesen, doch diese habe sich bislang nicht erfüllt, beklagt der chilenische El Mercurio. In einer Reportage beschreibt das Blatt Hoffnung und Enttäuschung einiger chilenischer Unternehmer. So habe das chilenische Immobilienunternehmen Socovesa beispielsweise 30 Millionen US-Dollar in Argentinien investiert, bisher aber nur Immobilien im Wert von 1,5 Millionen US-Dollar verkauft. Die gescheiterten chilenischen Unternehmen machten hauptsächlich das “Bürokratiegestrüpp” im Nachbarland und die geringe Rate von Kreditvergaben verantwortlich.

Mexikaner wollen spanische Bank wiederbeleben

Die mexikanische Investorengruppe Blueprime Limited möchte eine Beteiligung an der Banco Popular von mindestens 20 Prozent erreichen, berichtet Cinco Días aus Spanien. 3,5 Prozent seien für eine Summe von 604 Millionen Euro bereits von der Grupo Hispania übernommen worden. Gespräche mit weiteren Aktionären der spanischen Bank, unter ihnen auch die Allianz und die Dresdner Holding, seien fortgeschritten. Doch wie dem auch sei – Gerüchte allein reichten nicht, um die Bank wieder zu beleben, kommentiert das Blatt.

Die Karten der Macht werden neu gemischt

Eine neue geografische Verteilung der Wirtschaftsmacht glaubt La Tribune aus Frankreich zu erkennen: “Das auf mehreren Polen ruhende Gleichgewicht zwischen den USA, Europa und dem Rest der Welt wird künftig ausgewogener sein, aber in den Regionen selbst werden die Hierarchien zunehmend auf den Kopf gestellt.” Ursachen dafür seien die wachsende Bedeutung der Finanzwirtschaft, die Globalisierung großer Unternehmen und die Konkurrenz unter den Börsen. “So stehen auf der Liste der 40 französischen Top-Aktienunternehmen (CAC 40) längst nicht mehr nur rein französische Gesellschaften.” Auch die Monolithen unter den Finanzplätzen gerieten zunehmend ins Wanken. New York sei zwar immer noch wichtig, aber die kalifornische Bucht habe sich mit ihren innovativen Technologieunternehmen ernst zu nehmende Machtbereiche erobert. Und Peking laufe Tokio den Rang als wichtigster asiatischer Finanzplatz mehr und mehr ab.

Fundstück: Wirtschaftlicher Erfolg klappt auch ohne Karaoke

“Asiens Frauen haben ökonomisches Geschick im Blut”, stellt Le Monde voller Neid fest. Besonders Indonesien imponiert der französischen Tageszeitung: Dort hätten gleich drei Frauen – genannt “die drei Divas” – wichtige Posten ergattert: Sri Mulyani Indrawati (45) ist Finanzministerin, Mari Pangestu (52) Handelsministerin und Miranda Goeltom (59) die Nummer Zwei der Zentralbank. Doch auch in anderen Ländern des Kontinents sei der Einfluss weiblicher Macht erstaunlich hoch: Auf den Phillippinen stellten Frauen 50 Prozent der Führungskräfte, in Thailand 39 Prozent und in China immerhin noch 32 Prozent. Frankreich komme dagegen nur auf 21 Prozent. Die Asiatinnen selbst erklären den Erfolg mit dem Einsatz weiblicher Methoden. Eine bemerkt gegenüber der Zeitung recht spöttisch: “Ich habe gelernt, dass man Deals außerhalb von Karaoke-Sälen abschließt – und nein, ich spiele kein Golf.”

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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