Obama: Flitterwochen vor der Hochzeit

obama1.jpgecolot.de hat eine Sonderpresseschau für handelsblatt.com zum Obama-Besuch erstellt: Die internationale Wirtschaftspresse erwartet mit gemischten Gefühlen den Auftritt von Barack Obama in Berlin. Zwar habe der US-Präsidentschaftskandidat die einmalige Chance, dort einen ersten Schritt zu unternehmen, um die transatlantischen Spannungen zwischen den USA und Europa zu lösen. Andere Kommentatoren rechnen aber schon bald mit neuen Unstimmigkeiten – und raten Obama, die Reise nach Berlin abzusagen, um stattdessen nach Mekka zu fliegen.

Die Washington Post rechnet mit einem „überwältigenden, wenn nicht hysterischen“ Empfang von Obama in Europa. „Besonders die Deutschen haben eine neue Tradition für frenetische Empfänge entwickelt; Papst Benedikt und der Dalai Lama waren zuletzt gefeierte Gäste, und Barack Obama wird sich ihnen anschließen.“ Gleichwohl könnte Obamas euphorischer Empfang, seine „Hochzeitsreise vor der Hochzeit“, von kurzer Dauer sein. Denn bei den transatlantischen Beziehungen herrsche zunehmend „politischer Pragmatismus“. „Der Präsident Obama hat außenpolitische Ziele, besonders im Iran, Irak und Afghanistan, die dringend und politisch ambitioniert sind. Unstimmigkeiten mit Europa in Bezug auf diese oder andere Gefahrenherde könnten schon schnell entstehen. Dann wären die Flitterwochen dieser Woche der Vorbote einer schwierigen Hochzeit.“

Der Tagesspiegel ist stolz auf den Besuch von Obama. „Das Gerangel um den Ort seines Auftritts sollte nicht verdecken, was die Rede bedeutet, die Barack Obama heute hält: Sie ist eine Auszeichnung, für Deutschland ebenso wie für Berlin.“ Zwar betreibe der demokratische Präsidentschaftsbewerber hier auch Wahlkampf, dagegen stehe jedoch das „politische Phänomen“, zu dem diese Kandidatur geworden sei. „Es macht die Rede zu einem Ereignis. Das seit langem faszinierendste Unterfangen, der Politik ein neues Profil zu geben, sucht sich die Hauptstadt des vereinten Deutschlands als Resonanzboden für seine Botschaft an Europa und das eigene Land.“ Dass Obama seine außenpolitische Botschaft von Deutschland und von Berlin aus in den US-Wahlkampf schicke, sollten die Deutschen als Hinweis darauf lesen, welche Bedeutung ihnen von ihm, aber auch von Amerika insgesamt zugemessen werde.

Auch der US-Nachrichtensender Bloomberg glaubt, dass Obama in Europa ähnlich stürmisch empfangen wird wie sonst nur Päpste. Dies sei für Obama eine einmalige Chance, die „transatlantische Fehde“ zu beenden, die beiden Kontinenten nicht gut getan habe. „Er muss ein Programm ausarbeiten, das Europa und die USA dazu bringt, wieder zusammenzuarbeiten.“ Anders als sein Vorgänger, dem Europa am Ende nicht mehr zugehört habe, könne der Präsident Obama von der „Flut des Wohlwollens“, die ihn in Europa erwarte, profitieren. Die Europäer indes müssten die Chance nutzen und Obama ein paar harte Fragen stellen. „Die Rhetorik der ,Hoffnung’, selbst wenn diese mit der Eloquenz eines Engels vorgetragen wird, reicht nicht weit. Obama hat viel protektionistischen Lärm beim Handel gemacht. Dieser sollte gemäßigt werden“, rät Bloomberg.

Obamas Reise gerate, ob gewollt oder ungewollt, zu einem Wahlkampfspektakel nach Drehbuch, bei dem Berlin eine der wichtigsten Bühnen sei, schreibt die russische Zeitung Vzglyad. „Schließlich will Obama ausgerechnet in Berlin seine Programmrede zur Zukunft der Transatlantischen Beziehungen halten“, so das Blatt. Die Tageszeitung Izvestia verfolgt ebenfalls die Diskussion um die Wahl des Ortes, an dem der amerikanische Präsidentschaftskandidat „zum Volk reden möchte“. Mit seinem Wunsch, vor dem Brandenburger Tor zu reden, habe er wohl versucht John F. Kennedy nachzueifern, schreibt die Zeitung. „Doch die Berliner wollten ihre wichtigstes Monument nicht für den Disneyland-Wahlkampf eines fremden Landes hergeben“. Schließlich habe man für den möglichen künftigen Präsidenten eine Kompromisslösung gefunden. „Von der Siegessäule kann man das Brandenburger Tor schon erkennen“.

Die Berliner taz fragt, warum die Union mit dem US-Präsidentschaftskandidaten fremdele. Nicht nur seien die Republikaner der Union traditionell näher. Hinzu komme, dass sich die Union, seit sich Bush und Schröder 2003 über dem Irakkrieg entzweiten, unermüdlich als einzig wahrer deutscher US-Freund zu inszenieren versucht habe. „Wenn Obama gewinnt, muss Merkel ihren außenpolitischen Inszenierungsstil kräftig überarbeiten. Die Rolle als Getreue, die Schröders Verrat beim Irakkkrieg nicht mitmachte, ist dann ausgespielt. Obama war selbst gegen den Irakkrieg“, erinnert die Zeitung. Sollte Merkels bislang strahlender Ruf als Außenpolitikerin bis zum kommenden Wahljahr leiden und mit Obama ein neuer Star die Bühne betreten, könne es eng werden. „Bei Mc Cain hingegen, der in vielem Bushs Politik fortsetzen wird, kann Merkel ihre erprobte Rolle weiterspielen.“

Examiner.com rät dem US-Präsidentschaftskandidaten, in letzter Minute seine Reise nach Berlin abzusagen und stattdessen nach Mekka zu fliegen. Obamas Vorhut habe den „monumentalen Fehler“ begangen, zu versuchen, ihren Kandidaten in eine Situation zu bringen, die die Amerikaner an zwei der größten US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts erinnert, John F. Kennedy und Ronald Reagan – mit dem Unterschied, dass diese ihre Reden mitten im Kalten Krieg halten konnten. An wen Obama seine Berliner Rede richten werde, sei unklar. Seine Botschaft werde so genau geprüft, dass allein daran der Erfolg oder Misserfolg seiner Weltreise festgemacht werde. „Nichts anderes wird mehr eine Rolle spielen, also sollte er sich die Rede schenken.“ Stattdessen müsse Obama seine Popularität nutzen, um die Konflikte zwischen der christlichen und muslimischen Welt einzudämmen, beispielsweise mit einer Reise nach Mekka.

Die Berliner Morgenpost hinterfragt den Erfolg von Obama in den USA. Amerikaner suchten ein Generationserlebnis, besonders nachdem Osama Bin Laden ihnen die Bilder und Opfer des 11. September aufgezwungen habe, und Barack Obama sei zu einem solchen Generationserlebnis geworden, ähnlich wie einst John F. Kennedy oder Martin Luther King. Die Intensität, mit der Obamas Anhänger und auch seine Gegner sich mit ihm beschäftigten, spiegele die Intensität des Kandidaten – Obamas so amerikanische und gleichzeitig auch so deutsch wirkende unbedingte Hingabe an die Sache. Wenn jemand wie Obama zum Träger der Hoffnung werde, könne er sogar das schon lange ernüchterte Europa zu neuer Begeisterung hinreißen. „Es gibt also doch so etwas wie den Geist der Weltgeschichte. Es gibt vielleicht doch so etwas wie die Gestaltungsfähigkeit eines einzelnen Menschen zum Guten, nachdem Europa im vorigen Jahrhundert eher die Zerstörungskraft einzelner Menschen erlebt hat und darüber in untergründigen Zynismus verfallen ist.“

„Das, was das Obama-Wahlkampfteam da zusammengestellt hat, ist die gewaltigste Generalprobe für einen Präsidenten in spe“, schreibt die Berliner Zeitung. „Auch wenn Obamas Leute behaupten, dass man nicht Präsident spielen wolle, so tun sie es doch.“ Der Kandidat werde empfangen wie ein Staatschef. Die Entscheidung des Obama-Teams für Berlin hänge vor allem mit der Bedeutung zusammen, die Obamas Berater der Rolle Deutschlands und Berlins in Europa und als Drehscheibe zwischen Ost und West beimessen.„ Die Bundesrepublik wird schließlich nicht nur als größte Wirtschaftsmacht der EU und als verlässlicher Bündnispartner in den USA geschätzt, sondern auch gebraucht.“ Mit Angela Merkel werde es dieses Mal zwar nur zu einem symbolischen Händedruck kommen, aber hinter Obamas Geste für die Kameras stecke auch der Wunsch nach einem engeren Verhältnis mit der Bundesrepublik. „Auch wenn die Deutschen, Berlin und der Bundesaußenminister Obama nicht wählen können, so dürfen sie dennoch glücklich sein. Obama hat Deutschland gewählt. Fragt sich nur noch, ob Obama nun auch in Amerika gewählt wird.“

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