Die neue industrielle Revolution

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse beleuchtet den wachsenden Einfluss der Schwellenländer auf die Weltwirtschaft. Die London Free Press findet, dass Ebay nicht zum Marken-Wachhund degradiert werden dürfe. Der Business Spectator sorgt sich um Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter. Fundstück: Bitte keine Hedge Fonds Manager beim Moorhuhnschießen!

Einen wachsenden Einfluss der Schwellenländer auf das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft sagt der Daily Telegraph aus Großbritannien voraus: „Zur Zeit haben wir es mit einer Geschichte über zwei verschiedene Welten zu tun. Die entwickelte, westliche Welt, die in einer handfesten Finanzkrise steckt, und die Welt der Schwellenländer in Asien, Afrika, dem Mittleren Osten, Lateinamerika plus Russland, die von der Kreditkrise weitestgehend verschont wurden und weiter boomen.“ Diese Entwicklung kulminiere in den größten radikalen Wandel, den die Weltwirtschaft seit der Industriellen Revolution vor 200 Jahren durchmache: Eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses auf Wirtschaften wie die chinesische, indische und brasilianische. Sie könnten besser mit dem Abschwung umgehen – und schneller zu neuer Stärke finden: „In Asien wächst eine neue, schuldenfreie Mittelklasse heran, in Afrika generiert die Privatwirtschaft unzählige Jobs, und in China, Indien und im Mittleren Osten boomt die Infrastruktur.“ Die Schwellenländer würden Werte schaffen – und künftig eine entscheidende Rolle für den globalen Wohlstand spielen. „England bleibt da nur, über Qualität mitzuhalten, weiter zu investieren und das Steuersystem anzupassen – und so seine Wirtschaft im globalen Ranking zu positionieren.“

In einem Hintergrundbericht über den abflauenden Inflationsdruck in den Schwellenländern verweist auch die Financial Times Deutschland auf deren Bedeutung für die Weltwirtschaft. „Proteste wegen hoher Benzinpreise, Wachstumsschwäche wegen teurer Importe: Schwellenländer wie China oder Indien leiden besonders unter hohen Rohstoffpreisen.“ Doch inzwischen habe eine Gegenbewegung eingesetzt, die Hoffnung auf eine globale Besserung mache. „Für die Weltwirtschaft sind die Schwellenländer kritisch: 30 Prozent des globalen Wachstums gingen zuletzt allein auf China zurück. Lässt nun der Teuerungsdruck in den aufstrebenden Volkswirtschaften nach, könnte das einen positiven Impuls auslösen – und beispielsweise die US-Wirtschaft stützen.“ Die ermutigende Entwicklung in China oder auch Brasilien dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in anderen Schwellenländern nach wie vor Inflationsgefahren lauerten, warnt das Blatt. „Das gilt für Indien, Malaysia, Mexiko, die Philippinen, Singapur, Südkorea und Vietnam.“

Auch der Standard aus Wien warnt vor der Unsicherheit, mit der das Auftreten der Schwellenländer auf den internationalen Märkten nach wie vor verbunden sei. Beispiel sei die Klimapolitik „made in China“: Um die Luft für Olympia sauber zu halten, sei ein Viertel der Industriekapazität auf staatlichen Druck stillgelegt worden, mit der Begründung, dass das Wirtschaftswunder nach den Spielen weitergehen könne. „Den Börsen gefallen solche radikaldirigistischen Maßnahmen naturgemäß nicht.“ So seien die Aktienkurse in den Wirtschaftsmetropolen Shanghai und Hongkong seit dem Beginn der Sommerspiele spektakulär abgestürzt, der wichtigste Index sei so niedrig wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. „Aktienanalysten nehmen die Entwicklung als Beweis dafür, dass die Märkte in Schwellenländern wie China eben noch sehr anfällig für kurzfristige Unsicherheiten sind.“ Zudem weise die Säuberung von Pekings Luft auf ein tief gehendes Problem: „Sie zeigt nämlich, wie weit die chinesische Industrie noch von westlichen Umweltstandards entfernt ist.“ Der Westen habe allerdings mit dem Erwerb immer billiger werdender Konsumgüter diese Zustände forciert.

Ebay muss nicht den Aufpasser spielen

Die London Free Press aus Kanada begrüßt das Urteil eines New Yorker Amtsgerichtes bezüglich des Markenschutzes. Tiffany & Co. habe versucht, EBay für die Verletzung seiner Markenrechte auf dessen Webseite haftbar zu machen – und sei vollkommen zu recht gescheitert. „Der Amtsrichter vertrat die Ansicht, dass nach geltendem Gesetz der Eigentümer einer Marke für ihren Schutz und die Kontrolle darüber verantwortlich ist.“ In Europa vertrete man eine andere Logik, kritisiert das Blatt. Dort sei Ebay verurteilt worden, dem Luxuskonzern LVMH für den Verkauf von gefälschten Dior- und Luis-Vuitton-Produkten auf dessen Frankreichseite Schadensersatz in Höhe 61 Millionen US-Dollar zu zahlen, und in den Deutschland sei das Internetauktionshaus für den Verkauf von falschen Rolex-Uhren haftbar gemacht worden. Die Haltung des New Yorker Gerichtes sei aber der richtige Schritt in Richtung einer Markenschutzpolitik, die sich bestehenden Gesetzen zum Copyright angleiche. Zudem, lobt das Blatt, sei Ebay stets nach Hinweisen von Luxusgüterkonzernen gegen Verkäufer von gefälschten Produkten auf seinen Seiten vorgegangen.

Frankreich steht vor der Rezession

Eine Inflationsrate von 3,6 Prozent, erneut steigende Arbeitslosenzahlen und ein möglicher Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,3 Prozent – weil Frankreich kurz vor einer Rezession stehen könnte, habe Premier François Fillon sechs Regierungsmitglieder zu einer Krisensitzung gerufen. Grund für das französische Wirtschaftsmagazin Challenges, bei einem an der Sorbonne lehrenden Wirtschaftsexperten nachzufragen. „Frankreich geht es zwar genauso schlecht wie anderen europäischen Wirtschaftsnationen, doch die Situation ist eine besondere – aufgrund von drei Faktoren“, meint dieser gegenüber dem Blatt. Mangelnde Investitionen hätten der Binnennachfrage geschadet, die Wettbewerbsfähigkeit der Franzosen untergraben und den Konsum einbrechen lassen. „In der Folge haben 80 Prozent der Franzosen einen Kaufkraftverlust erlitten.“ Dennoch sei es zu früh, von einer Rezession zu sprechen, man müsse das dritte Trimester abwarten und nun vor allem makroökonomisch wirkende Maßnahmen ergreifen, wie zum Beispiel die Senkung des Leitzinssatzes durch die Europäische Zentralbank auf europäischer und die Reduzierung öffentlicher Ausgaben auf Staatsebene.

Spanier mieten weniger Autos

Spanische Unternehmen überlegen zweimal bevor sie ihre Firmenflotte erneuern, schreibt Cinco Días. Insbesondere große Betriebe verlangsamten wegen der Wirtschaftskrise ihre Leasing-Vorhaben, um Kosten einzusparen. Einen Markteinbruch von 20 Prozent erwarte der spanische Autohersteller-Verband bei Personenwagen. Dabei seien Privatpersonen nicht die Einzigen, die den Gürtel enger schnallen müssten. „Das erwartete Wachstum im Mietwagengeschäft werden wir dieses Jahr nicht erreichen“, zitiert Cinco Días Agustín García, Präsident des spanischen Mietwagenverbandes. Obwohl die Anzahl an Leihwagen dank relativ hoher Nachfrage durch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) insgesamt gestiegen sei, sei der Zuwachs durch das abflauende Geschäft bei den bestehenden Großkunden nicht spürbar. KMUs repräsentierten schon jetzt über 30 Prozent der Nachfrage nach Mietwagen. Während viele Firmen nun auf einen neuen Wirtschaftsaufschwung warteten, müssten sich die Angestellten daran gewöhnen, zu Fuß zu gehen, empfiehlt das Blatt.

Portugiesen haben ein Geheimrezept gegen die Krise

Das portugiesische Jornal de Negócios verrät das Geheimnis, wie ein Land eine Wirtschaftskrise verhindern kann: die Preise müssten sich schnell an Angebot und Nachfrage von Konsumenten und Unternehmen anpassen. Ob die Probleme in Portugal sich verschärften, liege also mehr in den Händen von Bäckereien oder Energieunternehmen wie Galp als in den Händen der Politiker. Trotz der enormen Preissteigerungen am Weltmarkt sei Portugal bisher von einer Krise verschont geblieben. Das zeigten die Zahlen aus dem zweiten Quartal. Das Wachstum sei zwar schwach ausgefallen, aber die Beschäftigung gestiegen. Dagegen habe sich die Produktivität der Arbeitnehmer nicht verbessert. Wie sich die Lage in Portugal weiter entwickelte, hinge jetzt davon ab, wie schnell die Firmen die nun sinkenden Weltmarktpreise an die Verbraucher weitergeben würden.

Chinas Steuereinnahmen explodieren

China Daily staunt über das schneller als erwartet wachsende nationale Steueraufkommen: Es habe in der ersten Jahreshälfte 2008 eine Steigerung um 33,3 Prozent gegeben. Laut Finanzministerium liegen die Steuereinnahmen Chinas in diesem Zeitraum bei 3,48 Billionen Yuan. „Es ist ungewöhnlich, das die Steuereinnahmen des Landes derart steigen, während sich die nationale Wirtschaft gerade sukzessive verlangsamt.“ Das Ministerium schreibe dies einer erheblichen Erweiterung der Besteuerungsbasis und verbesserten Maßnahmen zur Steuererhebung zu. Es sei darauf hingewiesen worden, dass es keine höhere Steuerlast für die Steuerzahler gegeben habe. Und obwohl sich die Wirtschaft verlangsame und die Inflation steige, bewege sich das Wirtschaftswachstum im zweistelligen Bereich und sei als stabil zu bezeichnen. Ein Ergebnis dessen sei daher auch das Ansteigen der Einnahmen aus Körperschaftssteuern. Diese beliefen sich auf 791,3 Milliarden Yuan.

Bedroht eine australisch-russisches Allianz Hochtief?

„Könnte Hochtief bald übernommen werden?“, spekuliert der Business Spectator aus Australien – und zeigt fast schon Mitleid mit seinem Chef Herbert Lütkestratkötter. Dieser habe zwei schwergewichtige Männer gegen sich: Wallace Macarthur King, Chef der australischen Leighton Holding, und den russischen Milliardär Oleg Deripaska. „Obwohl Hochtief 55 Prozent an Leighton besitzt, sieht King in Lütkestratkötter nicht seinen Boss.“ „Sie haben praktisch keinen Einfluss auf unser Unternehmen, aber es ist schon eine Dauergefecht, sie dort zu halten, wo sie sind“, habe King gegenüber dem Blatt gesagt. Hochtief habe 1983 erste Anteile an Leighton erworben, inzwischen sei das australische Unternehmen aber zehnmal so groß wie Hochtief – dank Kings cleverer Geschäftspolitik im Minenboom Australiens. Eine Übernahme von Hochtief komme für King aber nicht in Frage, das gehe schon allein deshalb nicht, weil Hochtief eben 55 Prozent an Leighton halte. Nun aber habe sich King mit Deripaska verbündet, die beiden seien kürzlich zusammen in Sibirien gesehen worden. „Deripaska hält derzeit 12 Prozent an Hochtief, und vergangenes Jahr wollte er weitere 25 Prozent erwerben, scheiterte aber kurzfristig.“ Nun müsse Lütkestratkötter die beiden in Schach halten. Doch letztlich solle sich King fragen, von wem er lieber kontrolliert werden wolle: „Vom netten Dr. Lütkestratkötter, oder von Oleg Deripaska, einem engen Freund Wladimir Putins?“

Fundstück: Moorhuhnschießen ist Understatement

Der Daily Telegraph hält Tipps für alle jene bereit, die beim traditionellen Moorhuhnschießen, das vergangene Woche in Großbritannien in seine diesjährige Saison startete, dabei sein und so ihre Zugehörigkeit zur upper class demonstrieren wollen. Auch wenn dies ein wichtiges ökonomisches Ereignis sei – trage das Schießen doch 1,6 Milliarden Pfund zur Wirtschaftsleistung der Briten bei – würden auch hier die Regeln des Understatement gelten. „Wer zum Schießen in brandneuen Knickerbockern erscheint, kann auch gleich eines dieser Konferenznamensschilder anstecken, auf denen Hedge Fond Manager steht.“ Ein Gentleman werde stets Tweed tragen, der genauso verwittert sei wie die Rüstung, die sein Ahne in der Schlacht von Agincourt getragen habe. Wenn also ein Moorhuhnjäger schon gezwungen sei, sich neu einzukleiden, solle er doch mehrmals mit dem Traktor über das neue Stück fahren – und auch den Geruch nicht vergessen, schließlich mache sich suspekt, wer nicht schlimmer stinke als seine Jagdhunde. Auch zu viele getötete Mohrhühner an einem Tag würden den Emporkömmling aus der Stadt outen: Das sei, im Gegensatz zu früher, heute verpönt.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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