ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse ist unentschieden, ob der gestern offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gekürte Barack Obama von der Rückendeckung durch Joseph Biden, Hillary und Bill Clinton profitieren kann: Obama bleibe ein mysteriöser Kandidat, während seine frühere Rivalin möglicherweise bereits einen Plan B verfolge.
Nachdem die US-Demokraten offiziell Barack Obama zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt haben, zeigt sich das Wall Street Journal skeptisch: „Jetzt kommt der mysteriöseste demokratische Präsidentschaftskandidat, den die Wähler je erlebt haben – Barack Obama. Nach dessen 19-monatigem Lauf zur Präsidentschaft kennen wir ihn immer noch nicht.“ Anders als fast alle bisherigen Anwärter auf das Amt, bei denen die Wähler von der bisherigen politischen Bilanz auf die mögliche Präsidentschaft hätten schließen können, überzeuge Obama weiterhin nur durch seine Person. „Es ist keine Überraschung, dass dies nur in einem Zeitalter des Star-Kultes funktioniert.“ Vor diesem Hintergrund werde es für Obama besonders schwierig, die weiße Arbeiterklasse ohne College-Erfahrung zu gewinnen – seine Biografie lege nah, dass diese Schicht für ihn nicht viel mehr als eine „politische Abstraktion“ sei.
Die Londoner Times glaubt, dass die US-Demokraten unter dem Phänomen des „buyer’s remorse“ leiden: unter der „Reue des Käufers“, der sich von der schönen Oberfläche eines Produkts hat blenden lassen, nachher jedoch einsieht, dass er auf schlechte Qualität oder ein überteuertes Produkt hereingefallen ist. Dieser Eindruck sei durch die eindrucksvollen Reden von Hillary und Bill Clinton noch verstärkt worden, die alle Ereignisse in Denver bislang dominiert hätten. Zwar sei es weiterhin denkbar, dass Obama mit einer mitreißenden Rede nicht nur die 70.000 Fans im Stadion von Denver betört – ebenso wahrscheinlich sei jedoch, dass jeder Anschein von Massenhysterie eine große Anzahl von Wählern abschrecken und den Spott der Republikaner über die „Obamamania“ noch verstärken könnte. Fazit: Die Demokraten hätten noch nicht verstanden, dass es bei diesen Wahlen primär um Zurechnungsfähigkeit gehe, nicht um Persönlichkeit, Rhetorik, Rasse, Alter oder Geschlecht.
„Heute sind die Demokraten einen Schritt in Richtung Klarheit weitergekommen“, kommentiert The New Republic den bisherigen Verlauf des Parteitags. Bill Clinton habe eine der besten Reden des bisherigen Wahlkampfes gehalten und mit seiner zentralen Aussage, dass Obama bereit für die Präsidentschaft sei, für seine Wiedergutmachung unter den Erzdemokraten gesorgt. Joseph Biden demgegenüber habe einen soliden, jedoch keinen spektakulären Auftritt hingelegt. Grundsätzlich sei Biden in der Lage, „magische Höhen“ zu erreichen, wenn er über die Nöte der US-Arbeiterklasse referiere – gestern jedoch habe er nicht „gesungen“, sondern lediglich Refrains wie „Das ist der Wandel, den wir brauchen“ aufgesagt. Alles entscheidend sei jedoch die heutige Rede von Obama, die darüber entscheide, ob man sich an diesen Parteitag als Triumph oder „Wirrwarr“ erinnern werde.
Le Figaro aus Frankreich wundert sich über die die Art und Weise, wie Obama gestern zum Kandidaten gekürt wurde: Keine andere als Hillary Clinton habe die Abstimmung nach Einzelstaaten abgebrochen und vorgeschlagen, Obama per Akklamation zu wählen. Spätestens mit diesem Schritt sei Clinton zum eigentlichen Star des Parteitags avanciert. „Was Obama auch immer am heutigen Donnerstag sagen wird, die Anmut und Eleganz, die Clinton am Mittwoch mit ihrer Pro-Obama-Rede und ihrem ,Aufstand’ bewiesen hat, werden als die markantesten Momente des Parteitags in Erinnerung bleiben. (…) Eines Tages wird es vielleicht sogar ihr Name sein, der am Ende einer Wahl per Akklamation zu hören sein wird.“
Aus Sicht des Wiener Standard hat sich Hillary Clinton routiniert, aber ohne sichtbare Leidenschaft hinter Obama gestellt – und damit bewiesen, dass sie für die zweite Reihe nicht tauge. Auf der Ehrentribüne habe ihr Mann Bill Clinton – „der talentierteste Wahlkämpfer zwischen Denver und Timbuktu“ – zur Rede seiner Frau das „sauerste Lächeln“ aufgesetzt, das er in seinem reichen Repertoire habe finden können. Wie viele der enttäuschten Hillary-Anhänger ihrem Wahlaufruf nachkommen werden, lasse sich schwer quantifizieren. Sicher sei jedoch: „Geht die Sache für Barack Obama im November schief, hat Hillary Clinton an diesem heißen Augusttag in Denver ihre erste Wahlkampfrede für die Kampagne im Jahr 2012 gehalten.“
Auch die Welt analysiert die Rede von Hillary Cinton, die zwar von Einigkeit mit Obama gesprochen, vor allem aber ihre eigene Show gezeigt habe. Aus Sicht vieler Delegierter habe Clinton viel zu viel sich selbst angepriesen, statt Obama zu rühmen – lange Passagen ihrer Rede seien direkt aus ihrer Standardrede des Vorwahlkampfs übernommen worden. Konservativen Kommentatoren, die sich Sekunden nach dem Ende über Hillarys Rede „mit der kalten Passion des Pathologen“ gebeugt hätten, sei nicht entgangen, was sie alles nicht gesagt habe – sie habe Obama beispielsweise die Befähigung zum Oberkommandierenden nicht bescheinigt. Dennoch sei in Denver die „Reise der Schwesternschaft der Hosenanzüge“ an ein Ende gekommen, während der wirkliche Wahlkampf gegen John McCain beginne. „Barack Obama wird Hillary und Bill Clinton angemessene Starrollen anbieten. Sie werden für ihn reisen, reden, kämpfen. Was sie in ihrem tiefsten Herzen dabei empfinden, werden sie tunlichst dort verborgen halten.“
Die Washington Post fokussiert besonders auf die Rede von Bill Clinton: „Obama hätte von Clinton nicht mehr erwarten können. Er hat Obama nicht nur unterstützt, sondern ein kohärentes, verständliches und unterhaltsames Plädoyer für Obama gehalten – und gegen John McCain.“ Mit seiner Pro-Obama-Rhetorik sei Bill Clinton wider Erwarten sogar stärker als Hillary gewesen.
„Diese Zeiten schreien nach einem intelligenten Führer, der den Wechsel bringen kann“, zitiert El Mundo aus Spanien aus der Rede von Joseph Biden und lobt dessen Auftritt in höchsten Tönen. Mit einer „fürchterlich wirksamen“ und gut strukturierten Rede habe der alte Senator seinem Ruf alle Ehre gemacht – ein „grandioser Schlusspunkt“ für ein Publikum, das von John Kerry eingeheizt und mit dem Auftritt des charismatischen Ex-Präsidenten Bill Clinton zur Extase gebracht worden sei. Biden habe mit seinem weißen Hemd, der blauen Krawatte und aus den Hosentaschen ragenden Taschentuchspitzen einen „Hauch patrizischer Luft“ verbreitet, einen guten Draht zum Publikum aufgebaut, außerdem an den wechselscheuen Mittelstand appelliert und eindrucksvoll gegen die Konservativen und McCain gedonnert. Weinend und tanzend hätten sich die Demokraten am Ende in den Armen gelegen und die Nominierung des ersten Afroamerikaners zum Präsidentschaftkandidaten gefeiert.
Die Economic Times aus Indien erinnert daran, dass Obamas rechte Hand Joseph Biden dem Präsidentschaftskandidaten genau vor einem Jahr vorgeworfen habe, dass dieser nicht bereit sei für das höchste Amt im Staat. Jetzt lobe Biden den „stahlharten Charakter“ und die Urteilskraft von Obama. Nachdem McCain in den Meinungsumfragen aufschließen konnte, hofften die Obama-Wahlkämpfer offenbar darauf, dass die Erfahrung von Biden im US-Senat den Demokraten die Stimmen der weißen Arbeiterklasse in Bundesstaaten wie Pennsylvania oder Ohio bescheren könnte, die im Vorwahlkampf für Hillary Clinton gestimmt hatten. „Politik ist nicht die Kunst des Möglichen. Sie ist die Wahl zwischen Katastophalem und Ungenießbarem“, zitiert die indische Zeitung abschließend den US-Ökonom John Kenneth Galbraith.
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Mitarbeit: Florian Käfer.



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