Historische Bankrotterklärung

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse beerdigt nach der Umwandlung von Morgan Stanley und Goldman Sachs in normale Banken das Geschäftsmodell der Investmentbank. Le Monde deklariert Hedge-Fonds zu „schwarzen Löchern der Finanzwelt“. Der Daily Telegraph bezichtigt Gordon Brown marxistisch-trotzkistischer Züge. Fundstück: „Ich bin ein Computer!“

“Die Investmentbank, die in den letzten zwei Jahrzehnten unglaubliche Reichtümer anhäufte und half, die USA zur Hauptstadt der globalen Finanzwelt zu machen, erlag am Sonntag in New York ihren Verletzungen aus der Kreditkrise. Sie wurde 75 Jahre alt”, lautet die Grabrede des US-Magazins Portfolio. Erfreulich daran sei, dass die Zeiten, in denen die Wall Street wie ein einziges, großes Casino anmutete, in dem freche Cowboys überhöhte Wetteinsätze in der Hoffnung auf gewaltige Boni platzieren konnten, nun vorbei sei: “Das Bankgeschäft wird wieder konservativer werden.” Morgan Stanley und Goldman Sachs werden nun ihre Fremdkapitalaufnahmen drastisch reduzieren müssen, so das Magazin, um sich den neuen Vorschriften fügen zu können. “Sie werden bürokratischer werden – und risikoscheuer. Das wird nicht einfach sein.”

“An der Wall Street geht eine Ära zu Ende”, urteilt auch die Presse aus Wien. Doch mit der Umwandlung in normale Geschäftsbanken sei das nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre eingeführte Geschäftsmodell der Investmentbank zwar tot, über den Berg seien Morgan Stanley und Goldman Sachs aber noch lange nicht. Morgan Stanley etwa suche verzweifelt Kapitalgeber, die japanische Mitsubishi UFJ Financial Group, aber auch ein chinesischer Staatsfonds seien als potenzielle Geldgeber im Spiel. Und die Auswirkungen auf die derzeitige Situation an den Finanzmärkten sei ohnehin noch unklar: “Für Beobachter in New York gilt die Flucht der beiden Investmentbanken unter die Fittiche der Fed als Beweis dafür, dass die Finanzkrise erst auf ihren Höhepunkt zutreibt.”

Der Business Spectator aus Australien sieht mit der Flucht der beiden letzten Investmentbanken unter das schützende Dach der US-Notenbank den Anfang vom Ende des “Schattenbankings”. “Es bringt die zentralen Institutionen dieses Bereiches aus dem Schatten heraus ans Licht und ermöglicht, ihre Aktivitäten zu kontrollieren und zu regulieren.” Nicht von ungefähr falle dies mit den Verboten von Leerverkäufen zusammen, die den Hedge Fonds-Sektor unter Druck setzten. “Jetzt, wo Hedge-Fonds bezeugen können, wie schnell die Behörden bereit sind, den Markt für Leerverkäufe zu schließen, werden sie nicht mehr ruhig schlafen und dabei darauf setzen können, dass ihnen auch künftig dieselben Möglichkeiten zur Finanzmittelbeschaffung zur Verfügung stehen wie einst den Investmentbanken.”

Hedge-Fonds sind die schwarzen Löcher der Finanzwelt

In der Tageszeitung Le Monde geht der Chef von Transparency International France, Daniel Lebègue, hart mit Hedge-Fonds ins Gericht. Abgesehen davon, dass die Krise vor allem aufgrund mangelnder Kontrollen ausgelöst worden sei, könne man Hedge-Fonds als die “schwarzen Löcher des globalen Finanzsystems” bezeichnen. “Sie sitzen in den Offshore-Zentren, fernab von Banken und Investoren. Geraten sie in Schwierigkeiten, kann ihnen niemand zu Hilfe kommen, ihr Konkurs wäre vorprogrammiert.” Zu leiden hätten dann ihre Anleger, groß oder klein, weltweit. “Ihre Ersparnisse und Renten wären verloren.” Dabei helfe es auch nicht, die Steuerparadiese allein anzugehen: “Das ist nicht allein eine Frage der Moral oder Ethik, wir brauchen ein Risikomanagement für die globale Finanzwelt.”

Fortune porträtiert mit Kaliforniens Hedge-Fonds-König Thomas Steyer dagegen eine Herrscher über solche “Schwarzen Löcher”. Der Kopf des 33 Milliarden US-Dollar schweren Farallon Capital Management sei unprätentiös, fahre noch immer einen Honda und trage alte Krawatten. “Steyer ist nicht der Gucci-Schuhe tragende, Range Rover fahrende und Bordeaux inhalierende Händler. Er ist ein liberaler Selfmade-Mann, ein Finanzgenie mit Hang zu sozialer Gerechtigkeit, ein Mann, der seine Gäste zum Weihnachtsessen bittet, ein Gedicht zum Vorlesen mitzubringen.” Das Geheimnis seines gigantischen Erfolgs sei die Verinnerlichung der Philosophie des “absolute turns”, des unbedingten Willens und Strebens, bei einem Geschäft absolut kein Geld zu verlieren. “Für Steyer bedeutet das, nicht nur die möglichen Gewinne aus einer Investition zu kalkulieren, sondern auch die möglichen mit Risiken behafteten Gewinne.” Das könne erklären, warum Farallon bei seinen Mittelrückflüssen eine Steigerung von 16 Prozent seit 1986 geschafft habe – im Vergleich zu zehn Prozent des Standard & Poor?s 500er Indexes.

Gordon Brown geriert sich als Marxist

Der konservative Daily Telegraph rekapituliert entgeistert die Aussagen des britischen Premierministers in der letzten Andrew-Marr-Show: “Brown will die Welt an sich reißen, eine andere Schlussfolgerung ist nicht möglich!” Brown habe mit Blick auf die Finanzkrise vorgeschlagen, dass alle Länder der Welt übereinkommen müssten, ein identisches Paket an Regulierungen zu verabschieden: “Und damit scheint es ihm ernst zu sein.” Solche Worte erinnerten doch stark an Marxisten trotzkistischer Überzeugung aus den 60er Jahren, höhnt das Blatt. Diese hatten gemeint, dass der Sozialismus nur erfolgreich sein könne, wenn er in allen Ländern gleichzeitig herrsche und seine Ideale nicht im Wettbewerb mit dem Kapitalismus unterminiert würden. “Wir werden nie wissen, ob diese Vermutung stimmt – der Kommunismus hat sich bereits vorher verabschiedet.” Wenn jetzt Regulierungen nötig seien, dann nur temporär, hält das Blatt dagegen. Für Brown gäbe es nur einen Rat: “In freien Gesellschaften müssen Politiker auf die Realität der menschlichen Kondition reagieren, und die ändert sich nicht: Gier, Selbstsucht und Arroganz werden überleben, genauso wie Scharfsinn, Mut und der Wunsch zur Selbstbestimmung. Und der Impuls zum Gemeinsinn.”

Neuordnung auf dem spanischen Energiemarkt

Für die spanische Wirtschaftszeitung Expansión steht fest: Sobald Gas Natural bei Unión Fenosa die Zügel in der Hand hält, wird der spanische Energieriese erst einmal sämtliche Geschäfte von Fenosa weltweit auf deren Wirtschaftlichkeit überprüfen. Sehr wahrscheinlich sei der Verkauf einiger Filialen im Ausland, deren Größe, geografische Lage oder mangelnde Synergieeffekte nicht mit der Strategie von Gas Natural übereinstimmten. Neben Spanien sei Unión Fenosa derzeit in dreizehn weiteren Ländern präsent und habe in den letzten zehn Jahren einen hohen Internationalisierungsgrad erreicht. Schon bei der Ankündigung der Übernahme von Fenosa durch Gas Natural habe dessen Vorstand unter der Leitung von Salvador Gabarró durchklingen lassen, dass gewisse Investitionen in finanzielle Beteiligungen zurückgefahren würden. Auf dem Markt gelte es bereits als gemachte Tatsache, dass sich Fenosa unter anderem von seinen Anteilen am Telefonanbieter R (35,4 Prozent), dem Dienstleister Cespa (5 Prozent) und dem Rüstungsunternehmen Indra (16,5 Prozent) trennen werde.

Russlands Realwirtschaft leidet

Die Wirtschaftszeitung Vedomosti sieht nach der Finanzkrise in Russland auch negative Folgen für die Realwirtschaft. Oft sei gesagt worden, der Crash der russischen Börse sei wie ein Mückenstich für Russlands Wirtschaft und nur ein “Häuflein Spekulanten” hätte darunter zu leiden. “Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache, die reale Wirtschaft spürt bereits die Auswirkungen”, schreibt das Blatt und verweist auf die Stromwirtschaft als Beispiel. Die Stromerzeuger hätten wegen der gefallenen Aktienkurse kaum Geld für dringend nötige Investitionen. Zu diesen hätten sich jedoch die neuen Eigentümer der Stromerzeuger bei der Privatisierung gegenüber dem Staat verpflichtet. Es drohten empfindliche Strafen. Die ehemaligen Teile des Strommonopolisten RAO UES sind jetzt um die Hälfte billiger, als vor der Krise. RWE etwa hätte laut aktuellem Aktienkurs einen viel zu hohen Preis für den Stromerzeuger OGK-2 zahlen müssen.

Deutschland sollte Vorbild für Südkorea sein

Südkorea beklage nicht unbedingt die Verluste im Bereich der Kapitalanlagen, die im Zuge des weltweiten “finanziellen Aufruhrs” zu verzeichnen seien, bemerkt die Korea Times. Vielmehr bange man um den hochfliegenden Traum, Südkorea in ein “globales wirtschaftliches Kraftwerk” zu verwandeln. Daher sei sich die Regierung noch nicht ganz darüber im Klaren, ob man sich wie bisher an Investment-Strategien der USA oder an anderen Modellen orientieren solle. Korea, so das Blatt, müsse intensiv abwägen, welchem Vorbild es folgen wolle. Im Moment sollten die Politiker unbedingt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Südkorea und den USA vergleichen. Außerdem sei zu klären, ob das Land tatsächlich eine globale Wirtschaftsmacht werden solle in Anbetracht der wirtschaftlichen Entwicklung und der Größe des koreanischen Marktes. Wirtschaftsexperten forderten darüber hinaus eine solide Basis zu schaffen für erfolgreiches Wirtschaften. Südkorea müsse daher nicht nur nach Amerika schauen, sondern vielleicht auch nach Japan oder Deutschland, Länder, die sich auf die beständige verarbeitende Industrie konzentriert hätten und aus diesem Grund jetzt, mitten im großen Durcheinander, ruhig bleiben könnten.

Fundstück: “Ich bin ein Computer!”

Das Heise-Onlinemagazin Telepolis macht sich über die neue Kampagne von Microsoft lustig: Sie “ist wieder schön hilflos und hat die Selbstbeschuldigung ,I am a PC? als Titel. Nett redundant, hätte man aus Seattle jetzt sicher nicht erwartet.” Was aber auf jeden Fall feststehe: Die Kampagne sei auf einem Apple Computer geschnitten. Zumindest habe die Fotocommunity “flickr” herausgefunden, dass einige Bilder auf einem Mac bearbeitet wurden. “Wenn das jemand rauskriegt, dann ist das natürlich peinlich”, stellt Telepolis süffisant fest.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

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