Tsunami über Europa

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse glaubt, dass Europa die Finanzkrise verschlafen und die Crashs bei europäischen Banken mitverschuldet hat. Newsweek wertet das Nein des US-Repräsentantenhauses zum US-Hilfspaket als Sieg der Demokratie. Die französische Capital porträtiert die Marketing-Ikone Brigitte Liberman. Fundstück: Hundehaufen für Olympia.

Der Business Spectator aus Australien rät insbesondere Finanzminister Peer Steinbrück zu mehr Demut und Bescheidenheit: Er solle nicht darüber schwadronieren, dass die USA ihren Supermacht-Status verlieren werden, sondern sich glücklich schätzen, dass die Krise nicht in Berlin, Paris oder Rom passiert sei. “Das europäische Bankensystem ist längst nicht so gesund, wie es scheint”, das Drama um die belgische Bank Fortis zeige dies beispielhaft. Fakt sei, dass viele europäische Banken inzwischen viel zu groß seien, als dass eine Regierung im Falle einer Krise wie der in den USA noch aushelfen könne. “Fraglich wäre auch, von wo aus ein Hilfspaket schnell und unbürokratisch geschnürt werden könnte. In der Zeit, die es braucht, um alle europäischen Minister in Brüssel zusammen zu bekommen, wäre der Finanzmarkt doch schon längst kollabiert”, höhnt das Blatt. Auch wenn die Amerikaner einen noch besseren Rettungsplan gebrauchen könnten – was Europa noch viel mehr brauche sei ein System, mit dessen Hilfe ein solches Hilfspaket überhaupt möglich wäre.

Das amerikanische Wirtschaftsportal MarketWatch.com geht der Frage nach, ob die Zusammenbrüche von Fortis (Belgien) und Bradford and Bingley (Großbritannien) allein auf die US-Finanzkrise zurückgeführt werden können. “Die Fortis-Story ist einfach: Die Bank wollte ABN Amro übernehmen, und dieser Deal brachte sie nun, in der wahrlich ungünstigsten aller Zeiten, zu Fall.” Bradford and Bingley sei dagegen vor allem ein Opfer der Hypothekenkrise in Großbritannien. Das Bankhaus habe den Fehler gemacht, sich auf GMAC einzulassen, ein Finanzunternehmen von General Motors, das sich von Darlehen für Autos auf Darlehen für Häuser verlegte. Bradford and Bingley habe das Hypotheken-Portfolio von GMCA, trotz dessen mangelnder Erfahrung in diesem Geschäft, übernommen – und sich dann gewundert, als es nicht so gut funktionierte. “Die Probleme von Fortis und Bradford and Bingley mögen von der amerikanischen Finanzkrise herrühren.. Doch es war europäische Dummheit, die ihnen den Rest gab.”

Punktsieg für die Demokratie

Als eindrucksvolle Demonstration der Funktionsweise von Demokratie – im positiven wie im negativen Sinn – wertet Newsweek das überraschende Nein des amerikanischen Repräsentantenhauses zum Rettungsplan von US-Finanzminister Henry Paulson. “Ist Demokratie nicht großartig? Ärgerlich, ja. Unvorsehbar, ja. Aber großartig”, jubelt das Magazin. Mehrere Faktoren hätten bei dieser so wichtigen Abstimmung eine Rolle gespielt: Zum einen eine neue Generation von Republikanern, die eine solch starke Einmischung der Staatsmacht in die Märkte nicht akzeptierten. “Zum anderen verfügt George W. Bush offenbar in seiner eigenen Partei über keine Glaubwürdigkeit mehr. Er hat sie in seiner Argumentation für den Krieg gegen den Terror aufgebraucht.” Darüber hinaus habe eine Diskrepanz bestanden zwischen dem Ziel des Planes und der Summe sowie der Sprache, in der der Plan verfasst gewesen sei. Unter den Demokraten habe es Zweifel gegeben, die Präsidentschaftskandidaten hätten ihn nur mäßig unterstützt. Nun könnte Paulson den Plan ergänzen, um in einer neuen Abstimmung die renitenten Republikaner zu überzeugen. “Der Congress könnte es aber auch ganz der amerikanischen Öffentlichkeit überlassen, zu entscheiden. Das brächte eine fundierte Diskussion.”

Das unerkannte Schwellenland USA

“Für die Mexikaner sind die Aspekte der aktuellen Finanzkrise nicht neu”, stellt der Independent aus Großbritannien fest – und empfiehlt, aus der Wirtschaftsgeschichte des südamerikanischen Landes zu lernen. “Für Mexiko hat die Krise viel gemeinsam mit den typischen Problemen von Schwellenländern: Der US-Hypothekenmarkt hat einfach zu viele Darlehen an riskante Darlehensnehmer verteilt, so wie auch Investoren dazu neigen, zu viel Geld in Schwellenländer zu pumpen.” Zudem habe sich der amerikanische Immobilienmarkt zu sehr auf ausländische Investoren verlassen. Auch der Kollaps im Mexiko der 90er Jahre hätte als Warnung gedeutet werden können: “Damals führten niedrige Zinssätze dazu, dass amerikanisches Kapital in die prosperierende mexikanische Wirtschaft floss – mit dem Ergebnis, dass diese explodierte.” Und letztlich sei der Rettungsplan von Henry Paulson nur der Versuch, dass US-Bankensystem vor den Konsequenzen zu schützen, die sich aus dem starken Interesse ausländischer Investoren an US-Aktien ergeben. “Könnte es also sein, dass die USA das weltweite größte, aber nach wie vor getarnte Schwellenland sind?”

Erfolgreiches Marketing dank Intimität

Das französische Wirtschaftsmagazin Capital ergründet das Erfolgsgeheimnis von Brigitte Liberman, geschäftsführende Managerin beim Kosmetik-Giganten L?Oreal. In drei Jahren habe sie aus ihrem Bereich Active Cosmetics den rentabelsten der Gruppe gemacht – 22,7 Prozent der operativen Spanne -, seit anderthalb Jahren sitze sie nun im dreizehnköpfigen Vorstand – und neben ihr nur eine weitere Frau. Eine Berufung aus “Alibi-Gründen” – immerhin seien 90 Prozent der Kunden des Konzerns weiblich – sehe sie darin nicht: “Man hat mich sicher aufgrund meiner Fähigkeiten gewählt”, sei sie überzeugt. Das Blatt meint: zu Recht. In ihrer Laufbahn habe Liberman stets bewiesen, dass sie Ungewöhnliches vollbringe. Bei Henkel habe sie damals Philippe Starck gewonnen, eine simple Zahnbürste zu designen, mit durchschlagendem Erfolg. Der Marke Vichy habe sie dann eine Medizin-Note verpasst – wieder mit großem Erfolg. Hohe Sensibilität für die Möglichkeiten eines Produktes werde ihr nachgesagt, und sie selbst habe bekundet, dass man mit seinem Produkt schlafen müsse, um im Marketing richtig gut zu sein. Ein Kollege habe gemeint, dass Männer dazu neigen, alles zu verkomplizieren, Frauen aber die Gabe hätten, reale Welten zu erschaffen. “Brigitte Liberman ist der Beweis dafür.”

Süßsauere Stimmung auf dem amerikanischen Börsenparkett

“New York zeigt sich kurz vor der Zustimmung zum Bankrettungsplan besiegt”, titelt die spanische Wirtschaftszeitung Expansión. Die neue Börsenwoche beginne pessimistisch, denn die Investoren vertrauten der Situation nicht. Sie beobachteten, wie sich auf dem alten Kontinent die Krise weiter neue Opfer suche und wie Regierungen versuchten, die finanzielle Epidemie einzudämmen. Das Kartenhaus des westlichen Kapitalismus biege sich gefährlich in beide Richtungen und drohe in sich zusammenzufallen. Kaum jemanden habe die Entwicklung am vergangenen Wochenende wohl kalt gelassen, wurden die Vereinigten Staaten am Freitagmorgen doch mit dem größten Konkurs vieler Jahrzehnte geweckt: der Hypothekenbank Washington Mutual. Entsprechend “süßsauer” sei die Stimmung zum Wochenbeginn auf dem amerikanischen Börsenparkett. Viele erwarteten die Zustimmung der nordamerikanischen Regierung zum größten Bankrettungsgeschäft in der Geschichte der USA. Die Nachricht über neue Bankenpleiten breche indes nicht ab. Und auch außerhalb des Finanzsektors stünde die Sache nicht besser. Die Kreditkrise habe eine Kettenreaktion provoziert, die andere Bereiche mit sich reiße, befürchtet Expansión.

Kampf gegen Koreas Kredithaie

Mit dem Problem erfolgreich operierender Kredithaie beschäftigt sich die Korea Times. Bis zu 49 Prozent Zinsen verlangten solche unseriösen Finanzdienstleister zum Teil von ihren Kunden, die sie damit nicht selten in den Ruin oder Selbstmord trieben. Die Regierung müsse deshalb unbedingt Maßnahmen ergreifen; sie dürfe solche Zinssätze weder zulassen noch legalisieren, fordert das Blatt. Es müssten Alternativen angeboten werden, um sich Geld zu leihen – zu moderaten Zinsen. Auch die Werbung von Kredithaien, die TV-Promis als Zugpferde nutzten, sei kritisch zu bewerten, sie verlocke Menschen in finanzieller Not. Diese würden oft naiv Offerten annehmen, ohne sich über die Konsequenzen im Falle eines Zahlungsverzuges ihrerseits im Klaren zu sein. Besonders junge Leute müssten lernen, ihre Finanzen zu managen. Daher könnten auch Hotlines oder Seminare hilfreich sein, um Menschen zu helfen, die “das Gefühl haben, in einem endlosen dunklen Tunnel gefangen zu sein.”

Fundstück: Hundehaufen für Olympia

Der Windsor Star aus Kanada untersucht verschiedene Lösungen, die Großstädte im Kampf gegen Hundehaufen anwenden: In New York habe man bereits 1978 ein Gesetz eingeführt, dass die Besitzer zum Entfernen der Hinterlassenschaft ihrer Hunde zwingt. Doch die Strafe falle mit 50 US-Dollar relativ gering aus; zudem hätten die Freakonomics-Blogger der New York Times, Stephen Dubner and Steven Levitt, herausgefunden, dass die Chance, erwischt und bestraft zu werden, 1 zu 8000 stehe. Das Hightech-Land Israel sei da schon gewiefter: Dort hätte jeder Hund eine Speichelprobe abgeben müssen – damit man notfalls per DNA den Halter ausfindig machen könne, der sich um die Exkremente seines Vierbeiners nicht in der vorgeschriebenen Weise gekümmert habe. Vancouver nun wolle es mit einem deftigen Bußgeldkatalog versuchen: 250 bis 2000 CAN-Dollar soll es künftig kosten, wenn Hunde ungestraft auf die Straßen der Stadt machten. Die Hoffnung der Stadtoberen bei rund 50.000 registrierten Hunden: “Wir können u. a. mit diesen Einnahmen die Olympischen Winterspiele in 2010 finanzieren.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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