Nicht gestorben, aber unglaubwürdig

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert das Notpaket der Schweizer Regierung zur Stützung des Finanzmarktes. Cinco Días hinterfragt die Verjüngungskur von Telefónica. Standpoint beobachtet das Revirement an der Spitze der Weltwirtschaftsmächte. Fundstück: Marie-Antoinette in München.

Le Temps aus der französischsprachigen Schweiz schreibt, dass eigentlich keine Firma, die so große Fehler gemacht habe wie die UBS, das Recht habe zu überleben. Gleichwohl habe der Staat handeln müssen, um den Zusammenbruch der Institute zu verhindern, die zusammen rund die Hälfte des eidgenössischen Bankenmarktes kontrollierten. Mittelfristig komme es darauf an, dass die Regierung ihre Doppelrolle als Akteur und Kontrolleur auf dem Finanzmarkt beendet. Fazit: „Die Finanzwelt ist gestern nicht gestorben, hat aber ihre Glaubwürdigkeit verloren. (…) Ihre wirtschaftliche Verantwortung ist ihr genommen worden, ihre moralische Verantwortung muss sie sich wiedererobern.“

Die Oberösterreichischen Nachrichten kritisieren, dass die Bilanzsumme von Banken in Ländern wie Island, Irland, Großbritannien und der Schweiz ein Vielfaches größer sei als das Bruttoinlandsprodukt der Staaten – die Bilanzsumme von UBS und Credit Suisse betrage 3360 Milliarden Schweizer Franken, das BIP der Schweiz nur 486 Milliarden Franken. Das Darlehen, das die Schweizer Nationalbank der UBS gewähre, entspreche in etwa den Gesamteinnahmen des Schweizer Staates. Zwar sei die Schweiz „so leicht nicht umzubringen“, da die Staatsverschuldung nur zwölf Prozent des BIP betrage und der Franken eine Währung sei, die andere Staaten in ihren Reserven hielten. „Sollten sich die großen Wirtschaftsblöcke zu strengeren Aufsichtsregeln durchringen und die Margen für Banken etwas schrumpfen, wird sich auch die Schweiz dem nicht entziehen können“, ahnt das Blatt.

Telefónica auf Verjüngungskur

Cinco Días kommentiert die Ankündigung von Telefónica, knapp 700 Mitarbeiter schon mit 48 Jahren – statt mit dem in Spanien üblichen Alter von 52 Jahren – in den Vorruhestand zu schicken. Viele Unternehmen der „neuen Technologien“ setzten auf junge Mitarbeiter, um sich den rasanten Marktveränderungen schnell anpassen zu können, erklärt das Blatt. Jetzt sei die 80 Jahre alte Telefónica an der Reihe, dem Wettbewerbsdruck nachzugeben. Die Gewerkschaften sähen diesen Vorschlag skeptisch. „Ein 52 Jahre alter Arbeiter ist im besten Arbeitsalter und ein 48 Jahre alter Mitarbeiter umso mehr“, zitiert das Blatt Gewerkschaftsfunktionäre. Davon abgesehen seien die angebotenen Konditionen laut Betriebsräten nicht fair. Fraglich sei auch, ob sich die betroffenen Mitarbeiter wirklich freiwillig für das Angebot des Vorruhestandes entscheiden könnten oder etwa dazu gedrängt würden.

Rezession in Venezuela?

Bricht Venezuela als Handelspartner weg? Das sei momentan vielleicht die wichtigste Frage für die kolumbianische Wirtschaft, schreibt Dinero. Ein Drittel der Industrieexporte Kolumbiens gingen nach Venezuela. Aber die Wachstumsraten Venezuelas schrumpften, während die Inflation steige. Das Risiko einer Rezession in Venezuela habe außerdem angesichts des sinkenden Ölpreises zugenommen. Dennoch sei die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht das größte Risiko, sondern die regulierenden Eingriffe der Regierung Chavez. Noch sei die Nachfrage aus Venezuela stabil, berichteten kolumbianische Unternehmer. Aber die Unternehmer sollten die Entwicklung wachsam beobachten, mahnt die Zeitung.

Krise der indischen Fluglinien bedroht Wirtschaftswachstum

Die Times of India kommentiert den zinslosen Kredit, den der indische Verband der Fluglinien Federation of Indian Airlines (FIA) bei der Regierung beantragt hat, um die Kettenreaktionen der Finanzkrise abfedern zu können. In diesem Jahr werde die Flugbranche Verluste hinnehmen müssen, bis dato sei das Passagier-Volumen um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückgegangen. „In dieser Situation muss die Regierung den angeschlagenen Airlines helfen“, meint die Zeitung. Wegen der rasch steigenden Ölpreise sowie der Kreditklemme seien die Ticket-Preise erhöht worden, worauf viele Passagiere weggeblieben seien – mit weiteren Preissteigerungen als Folge. Auch die Konzentration auf dem Markt sei schädlich: Sollten Kingfisher und Jet Airways, wie angekündigt, eine Allianz bilden und 60 Prozent des Marktes kontrollieren, könnte das Duo die Preise in der gesamten Branche diktieren, befürchtet die Zeitung. „Der Langzeiteffekt ist kontraproduktiv. Billiges Fliegen und große Mobilität sind entscheidende Voraussetzungen für eine wachsende Wirtschaft. Nimmt man dies weg, wird ein Teil der Wachstumsdynamik verloren gehen.“

China überholt die USA

Das Standpoint-Magazin fragt nach der Perspektive der chinesischen Wirtschaft, die – bei einem durchschnittlichen Wachstum von sieben Prozent pro Jahr – nach Einschätzung von Ökonomen bis 2030 das zwei- oder dreifache Gewicht der US-Wirtschaft erreichen könne. Zwar sei die Prognose noch spekulativ, gleichwohl gingen Statistiker davon aus, dass die Wirtschaftsleistung Chinas schon heute die der USA entweder ein- oder überholt habe. Die Waren-Exporte hätten 2007 mit einem Volumen von 1,22 Milliarden Dollar erstmals die der USA (1,16 Milliarden Dollar) übertroffen. „,Made in China’ könnte die gebräuchlichste Drei-Worte-Phrase im Englischen sein“, vermutet das Magazin. Ob mit dem Revirement an der Spitze der Wirtschaftsmächte auch die Struktur der internationalen Nachkriegs-Ordnung (multilaterale Institutionen, Nicht-Diskriminierung von Nationen im Handel) in Gefahr sei, bleibe unklar. „Wie würde der Westen reagieren, wenn die künftige chinesische Führung mit der Torheit und Dreistigkeit eines Putin handelt?“, fragt das Blatt abschließend.

Fundstück: Marie-Antoinette in München

Das heise.de-Magazin Telepolis ist nicht begeistert von der gestern eröffneten Münchner Millionärsmesse, bei der neben einer mit 550 Diamanten besetzten Tagesdecke für 300.000 Euro, einem Wohnmobil mit integriertem Kleinwagen für 800.000 Euro auch eine Goldblatt-Zigarre für 200 Euro präsentiert werden. Blöderweise werde die Millionärsmesse just zu einem Zeitpunkt eröffnet, da das Casino-Geld gerade nicht sehr flüssig sei; außerdem falle der Eröffnungstag auf den Welthungertag – weshalb flugs ein Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum konstruiert werden könne und sich prompt diverse Protestveranstaltungen angekündigt hätten. „Doch was soll man symbolisch von jener Pressemeldung halten, der zufolge für die Millionärsmesse durch eine perlenbehangene Dame mit Rokoko-Perücke geworben wurde. Sehen sich doch die Messekritiker gleich an Marie-Antoinette erinnert. Jene Dame, die nach ihrem Rat an die damaligen Hartz-IV-Empfänger, wenn sie kein Brot hätten, sollten sie doch Kuchen essen, in der Französischen Revolution unter der Guillotine landete.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Florian Käfer.

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