Die Kultur der Gier

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse verurteilt die pauschale Brandmarkung gieriger Banker und Manager – und proklamiert eine „Kultur der Gier“. Der Nouvel Observateur zeigt sich vom 600-Millionen-Skandal bei der französischen Sparkasse geschockt. Gazeta.ru glaubt, dass Russlands Oligarchen bald dem Staat zu Kreuze kriechen. Fundstück: Playmates kommen in der Krise groß raus.

Den derzeit inflationär gebrauchten Vorwurf der “Gier” versucht die Vancouver Sun argumentativ zu entkräften. “Jeder führt diesen Begriff im Munde, um die Ursache für die aktuelle Krise zu erklären. Doch Unternehmen und Finanzwirtschaft basieren nun mal auf einem Prinzip – dem Prinzip des Selbstinteresses. Es ist das Rückgrat unserer Wirtschaft, unabdingbar für ökonomischen Erfolg und sozialen Wohlstand – und sollte deshalb nicht verteufelt werden.” Bereits Adam Smith, der Pate der modernen Wirtschaftswissenschaft, habe darauf verwiesen, dass kein Fleischer oder Brauer oder Bäcker aus Wohlwollen gute Qualität und guten Service biete, sondern aus purem Selbstinteresse. Gesellschaften, in denen Unternehmer frei handeln dürften, verfügten nicht von ungefähr über einen höheren Lebensstandard, denn ökonomische Freiheit resultiere in höheren Einkommen, höherer Lebenserwartung, besseren Bürgerrechten und Umweltschutz. Die Ursache für die Krise sei vielmehr bei den schwachen, zu lax handelnden Regierungen zu suchen: “Es war nicht Gier, die die Krise auslöste. Banker, Darlehensnehmer und Investoren haben lediglich rational und ihrem Selbstinteresse gehandelt – nach Regeln, die von armseligen Politikern geschaffen worden waren.”

Der Norwich Bulletin aus Connecticut ruft ins Bewusstsein, dass die “Kultur der Gier” längst nicht nur auf die Wall Street beschränkt sei: “Wir alle sind Teil einer materialistischen Gesellschaft, das steht außer Frage.” Die Menschen lebten heute über ihre Verhältnisse, Schulden machen sei für sie inzwischen ganz normal. So habe eine Studie ergeben, dass jeder Amerikaner über durchschnittlich neun Kreditkarten mit einem zusammengerechneten Kreditlimit von 19.000 US-Dollar verfüge. Im Gegensatz dazu hätten die Amerikaner in 2007 gerade mal ein Prozent ihres Einkommens gespart, 1970 seien es zehn Prozent gewesen. Wissenschaftler von der University of Connecticut würden dies auf einen Wandel im Umgang mit Werten zurückführen: “Die Leute sind heute mit ihren Werten verheiratet. Begonnen hat das in den 1980ern unter Ronald Reagan, in den so genannten Yuppie-Jahren: Damals war es plötzlich nicht mehr peinlich, ganz schnell zu ganz viel Geld zu kommen. Die gesellschaftlichen Normen begannen sich zu verschieben.”

Ölkonzerne kommen im Irak nicht vorwärts

Über die Probleme, mit denen internationale Energiekonzerne im Irak konfrontiert werden, berichtet der Observer. “Vor einer Woche hat der irakische Ölminister Hussain al-Shahristani die Großen der Branche im Londoner Hotel Sheraton Park Lane um sich gescharrt: Shell, BP, ExxonMobile, Chevron, Total und ein Duzend weitere. Acht Verträge standen zur Debatte, zu attraktiven Konditionen, doch die Unternehmen zögern, weil demnächst im Irak neue Ölgesetze eingeführt werden sollen, die vollkommen andere Voraussetzungen schaffen könnten”, schreibt das britische Sonntagsblatt. Zudem erschwerten Querelen zwischen Bagdad und der Kurdischen Regionalregierung die Arbeit vor Ort: Notwendige Lizenzen würden nicht verlängert, der Bau von Pipelines verzögert. Trotzdem verliere der Irak nicht an Attraktivität: “Die Ölreserven werden auf 112 Milliarden Barrel geschätzt, die zweitgrößten weltweit. Weite Teile des Landes sind noch unerschlossen, die Kosten vor Ort unschlagbar niedrig.” Doch nach wie vor sei vielen Unternehmen nicht klar, welche Motive der Irak verfolge: “Der Irak scheint westlichen Konzernen gegenüber noch immer misstrauisch zu sein.”

Neuer Skandal in Frankreichs Bankenszene

Als fatales Signal für die Bürger Frankreichs wertet der Nouvel Observateur den neuen Skandal in der Bankenszene: Die französische Caisse d?Epargne – genannt “L?Ecureuil”, das Eichhörnchen – habe bekannt gegeben, dass drei ihrer Händler bei Spekulationen 600 Millionen Euro verloren hätten. “Die Parallelen zum Fall von Jerôme Kerviel, der bei der Société Général knapp 50 Millionen Euro in den Sand setzte, sind offensichtlich: In beiden Fällen war die Derivaten-Abteilung betroffen.” Zwar habe die Regierung sofort reagiert und die Sicherheit der Einlagen bei der Caisse d?Epargne garantiert, doch mit Blick auf die aktuelle Vertrauenskrise sei der Vorfall wenig hilfreich. “Dieser Skandal trifft Präsident Nicolas Sarkozy im schlimmsten Moment – in dem Moment, in dem er den Rettungsplan für französische Banken gegenüber den Franzosen rechtfertigen muss und nicht müde wird zu behaupten, die französischen Banken seien die umsichtigsten auf der ganzen Welt.”

Das französische Wirtschaftsblatt L?Expansion hat sich mit der Anwältin Jérôme Kerviels unterhalten. Für sie sei der 600-Millionen-Euro-Verlust der Caisse d?Epargne ein Beweis dafür, dass der Fall ihres Mandanten nicht singulär, sondern systemimmanent ist. “Es ist offensichtlich, dass Kerviels Vorgesetzte auf dem Laufendem waren über seine Geschäfte, sie haben ihn einfach gewähren lassen. Kerviel als Baustein in einem System ohne Regeln zu bezeichnen, ist falsch.” Sie glaube, dass die Verantwortlichen bei der Société Général Angestellten wie Kerviel solange freie Hand ließen, solange sie Gewinne einfuhren, von denen die Bank profitierte: “Das System drängt sie förmlich dazu, höhere Risiken einzugehen.”

Dramatischer Anstieg der Insolvenzen in Spanien

Der Euribor – der Zinssatz für Termingelder in Euro im Interbankengeschäft -, die Arbeitslosigkeit und eine schlechte Buchhaltung hätten die Insolvenzen spanischer Bürger im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, berichtet die Zeitung El Mundo. Die steigende Zahl unbezahlter Hypotheken sei besorgniserregend: Die Schulden seien im Register des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaft mit sechs Milliarden Euro verzeichnet. “Die Leute verschulden sich aufs Äußerste, ohne Unvorhergesehenes einzuplanen”, zitiert die Zeitung eine Führungskraft eines Kreditvergabeunternehmens. Noch vor den Rückzahlungen der Hypotheken, würden die Leute Handys, Kreditkarten oder Autos nicht mehr bezahlen können. Dies habe unter anderem dazu geführt, dass Banken keine Quittungen von Kunden ohne Guthaben mehr annehmen würden und der Kunde genauer überprüft werde.

Nicht alle Oligarchen werden überleben

Die gigantische Finanztransfusion des Staates in die russische Wirtschaft gebe der Regierung eine Gelegenheit zur Neuordnung der Wirtschaftselite des Landes, schreibt die Internetzeitung Gazeta.ru: “Nicht alle Oligarchen werden die Krise überleben.” Die meisten der russischen “Nouveaux Riches” hätten sich nicht als Business-Profis erwiesen. Vielmehr hätten sie keine Gedanken an die Zukunft verschwendet und im Westen Geld geliehen, solange dies ging. “Nun ist Zahltag und frisches Geld ist rar. Allein 2008 und 2009 sind insgesamt 160 Milliarden US-Dollar Kreditschulden ans Ausland fällig.” Die meisten Wirtschaftsmagnaten seien deshalb jetzt auf das Wohlwollen des Staates angewiesen, denn dieser entscheide “wer Hilfe bekommt und wer untergeht.” Besonders schwer stehe es um Oleg Deripaska, der sich schon von einigen Beteiligungen habe trennen müssen. “Die Krise dürfte fast alle Oligarchen vor die Füße unseres höchsten Chefs werfen und um Hilfe betteln lassen”, prognostiziert die Zeitung.

Japan gehört ins Rampenlicht

Die Japan Times meint, dass die aktuelle Finanzkrise gefährliche, strategische Implikationen für den Inselstaat mit sich bringe. Wie viele andere Nationen habe Japan sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf den stabilisierenden Einfluss der USA in der ganzen Welt und auf deren Führungsrolle verlassen, Japan habe stets in der zweiten Reihe gestanden. Doch nun sei Amerika angeschlagen und habe ein Machtvakuum hinterlassen, das für die Panik an den Finanzmärkten mit verantwortlich gemacht werden könne. Japan müsse deshalb handeln. “Wir müssen auf der diplomatischen Ebene aktiver werden, um den Mangel an Führung durch die USA zu kompensieren.” Das könne zum Beispiel bedeuten, dass Japan mit China zusammenarbeite, um mit gemeinsamen Mitteln das globale Finanzsystem zu stabilisieren. Außerdem könne Japan Vorreiter sein in Fragen der Energieersparnis bzw. der Nutzung alternativer Energien. Bislang habe Tokio das Rampenlicht vermieden, doch das Land müsse nun die Initiative ergreifen, fordert das Blatt.

Fundstück: Playmates kommen in der Krise groß raus

Seit einiger Zeit stehe die Hypothese im Raum, dass Männer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eher ältere, größere und schwerere Frauen mit weniger Kurven bevorzugen, in wirtschaftlich guten Zeiten dagegen jüngere, kleinere und leichtere Frauen mit femininen Kurven. Nun habe, so ein Bericht der Londoner Times, die Studie einer amerikanischen Hochschule den Nachweis erbracht – anhand der zwischen 1960 und 2000 gewählten “Playmates of the Year”: “Es zeigte sich, dass die gewählten Damen in sozial und wirtschaftlich angespannten Zeiten tatsächlich älter, größer und schwerer waren. Daraus, so die Wissenschaftler, könne man schlussfolgern, dass das persönliche Empfinden über die eigene soziale Sicherheit die Wahrnehmung von Frauen und die Vorlieben der Männer beeinflusst.” Das Blatt vermag dieses Ergebnis kaum zu überraschen: “Es zeigt einmal mehr, dass sich menschliches Verhalten auf die Durchsetzung erfolgreicher Evolutionsstrategien zurückführen lässt.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev.

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