andreAnsicht: pop-stArt

Als brave Bürgerstochter bin ich ja dazu erzogen worden, nicht immer alles sofort kriegen zu müssen, ich kann es aushalten, abzuwarten, bis meine Wünsche erfüllt werden. Trotzdem ist „instant gratification” ziemlich geil, dachte ich, als ich die Ankündigung von „missy” las:

Noch vor wenigen Wochen habe ich mich an dieser Stelle darüber beklagt, dass in Frauenzeitschriften nicht das steht, was Frauen interessiert, sondern was Frauen verkauft werden soll. Und siehe da, drei junge Feen in Hamburg (Sonja Eismann, Stefanie Lohaus, Chris Köver) haben eine neue Frauenzeitschrift gebastelt, ganz nach ihren Wünschen, und seit gestern ist die erste Ausgabe tatsächlich auf dem Markt (in Bahnhofsbuchhandlungen und hier im Abo). „Missy Magazine” schreibt über Popkultur, Politik und ein bisschen Sex für Frauen, garantiert ganz ohne Diäten. Gleich vorweg: Viele nackte Männer gibt es leider nicht zu sehen, aber immerhin einen vergnüglichen Praxistest verschiedener Positionen aus dem Kamasutra (mit Rating der Verletzungsgefahr) und einen Vibrator-Einkaufsbericht.

Zugegeben, ich gehöre nicht mehr ganz zur Kernzielgruppe, altersmäßig, was ich schon an der spindelig-kleinen, oft auch noch hellgrauen Schrift auf dem leider auch ziemlich grauen und durchscheinend-dünnen Papier merke, aber das lässt sich ja für die nächsten Ausgaben leicht verbessern. Der guten Sache zuliebe strenge ich mich an und blinzele die erste Ausgabe durch. Deutlich mehr Popkultur als Politik; die Titelgeschichte über die junge Musikerin Anja Plaschg (Soap&Skin) überzeugt, die Fotostrecke mit Nerdinnen-Outfits ist schön ironisch und fotografisch toll umgesetzt (das Making-of übrigens hier als Video). Ernste Töne schlägt eine Reportage über weibliche Genitalverstümmelung in Burkina Faso an, ein wichtiges Thema, das hier aber etwas zusammenhanglos im Raum steht. Merkwürdig ist das Fehlen jeglichen aktuellen Bezugs im politischen Teil, aber auf jeden Fall hat „Missy” enormes Potenzial. Für den frischen Wind haben die Macherinnen alle Sympathie verdient. (Weitere Kritiken zur Erstausgabe hier in der taz und hier bei zeit-online.)

Wie haben die Frauen es überhaupt geschafft, ihren Traum in die Tat umzusetzen? In einer Zeit, in der vier große Zeitschriftenverlage den Mainstream-Markt praktisch unter sich aufgeteilt haben und die Regale vor ewig gleichen Spin-Offs und Me-Toos überquillen, gibt es wenig Raum für wirklich kreative Ideen und verrückte Experimente.

Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet die web-tv Plattform hobnox.tv mit ihrem „evolution contest” zur Bereicherung des Printangebotes beiträgt. Das – völlig internetfreie – Konzept für „missy” hat in diesem Jahr den mit 25.000 Euro dotierten Preis in der Kategorie „culture” gewonnen, das Startkapital für die erste Ausgabe, die nun innerhalb weniger Monate im Eigenverlag und -vertrieb entstand.

Hobnox wiederum finanziert sich bisher laut Programmleiter Yousef Hammoudah (siehe netzeitung) aus nicht näher definiertem „Venture Kapital”. Ende 2007, zum Start von hobnox, schien das noch eine vielversprechende Idee zu sein, angesichts des vorsichtig wieder aufflammenden Optimismus im Online-Geschäft. Nunja, ob der ehrgeizige Plan, ein an Künstler adressiertes soziales Netzwerk mittelfristig über Anzeigen zu finanzieren, in diesen nüchterneren Zeiten noch aufgehen wird, wird man sehen. Solange das Geld noch reicht, ist hobnox jedenfalls eine heiße Adresse für Leute mit experimentellen Projekten: Das Preisgeld für den zweiten evolution contest 2009 wurde auf drei Mal 30.000 Euro erhöht. Bis zum 24. November können Ideen eingereicht werden, über die die hobnox-Nutzer wöchentlich abstimmen. Die Preisverleihung ist am 15. Dezember. Also, Jungs, wenn da nicht noch Platz ist für ein politisch bewegtes Männermagazin!

1 Kommentar zu “andreAnsicht: pop-stArt”


  1. 1 Chris Köver

    Liebe Andrea.

    Wir freuen uns ja sehr ob des Lobes und der Kritik. Nur “junge Feen” möchten wir lieber nicht sein.

    “Merkwürdig ist das Fehlen jeglichen aktuellen Bezugs im politischen Teil, aber auf jeden Fall hat „Missy” enormes Potenzial.”
    Da wir einen Vorlauf von mehreren Monaten haben, ist es schwer, tages- oder wochenaktuelle Themen im Heft anzusprechen. Trotzdem bemühen wir uns, etwa mit einer Nachrichtenseite im Politikteil, die wir in Zusammenarbeit mit den Autorinnen des Blogs Maedchenmannschaft.net erstellen und auf der aktuelle Frauen- und Genderpolitische Themen behandelt werden.

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