Notbremse in voller Fahrt

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse untersucht die Krise der europäischen Autoindustrie. Das Wall Street Journal rekapituliert die teuren Abenteuer deutscher Banken in Island. Laut The Atlantic ist Chinas schlimmster Feind die eigene Ignoranz. Fundstück: Sarah Palin zum Aufblasen.

Die internationale Wirtschaftspresse untersucht die Krise der europäischen Autoindustrie. „Die Notbremse in voller Fahrt zu ziehen, birgt das Risiko, ins Rutschen zu kommen“, kommentiert Les Echos aus Frankreich die Entwicklung der europäischen Autohersteller in diesem Jahr. Im Sommer hätten die Kunden eine 90-Grad-Kurve genommen, was dazu geführt habe, dass die Verkaufszahlen im dritten Quartal erstmals seit Jahresbeginn rückläufig gewesen seien: hinsichtlich Absatz bei Daimler und Fiat sowie beim Umsatz von Renault. Vor dem Hintergrund, dass der europäische Automarkt in diesem Jahr auf das Niveau von 1996 zurückfallen könnte, bleibe den Autobauern auch nichts anderes übrig, als ihre Erwartungen zurückzuschrauben. In dieser Situation täten die Autobauer gut daran, mehr Liquidität im Motor zu halten. Dass diese jedoch bei Daimler und Fiat seit Jahresbeginn um rund 50 Prozent eingeschmolzen sei, diene nicht gerade dazu, den Aktionärs-Beifahrer zu beruhigen.

„Nichts läuft derzeit gut für Daimler“, urteilt das US-Wirtschaftsmagazin Forbes: Die US-Schwester Chrysler baue wegen der gesunkenen Nachfrage Jobs ab, während die vornehme Marke Mercedes-Benz einfach nicht aus den Showrooms hinausfinde. Der Handlungsspielraum sei nun extrem eingeschränkt. Zwar plane Daimler, die 19,9-Prozent-Beteiligung an Chrysler zu verkaufen, aber noch hätten sich die Deutschen nicht mit dem Mehrheitseigentümer Cerberus einigen können; selbst die „Leithammel“ unter den Investoren zögen sich aktuell bei den US-Autobauern zurück, statt ihre Beteiligungen auszuweiten – nach Presseberichten wolle Cerberus Chrysler bei einem Wettbewerber wie General Motors oder mehreren Käufern abladen.

Heikle Abenteuer deutscher Banken in Island

Das Wall Street Journal rekapituliert auf der ersten Seite die Abenteuer deutscher Banken in Island. Nachdem die Institute wegen ihrer Engagements auf dem US-Subprime-Markt Milliarden verbrannt hätten, müssten sie sich nun auf hohe Rechnungen aus Island einstellen. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schuldeten isländische Geldhäuser und sonstige Kreditnehmer deutschen Banken mehr als 21 Milliarden Dollar – dies entspreche mehr als einem Viertel aller Schulden des finanziell fast kollabierten Inselstaats und dem fünffachen Volumen des nächstgroßen Top-Kreditgebers Großbritannien. „Die isländische Wette ist der jüngste Beleg dafür, wie weit deutsche Banken – darunter die einst so schlafmützigen Regionalbanken – in den vergangenen Jahren auf Beutejagd ausgeschwärmt sind, um den harten Wettbewerb und den niedrigen Gewinnmargen in der Heimat zu entkommen.“ Dies habe nun fatale Konsequenzen. Nach Einschätzung des isländischen Zentralbanken-Chefs David Oddsson bekämen ausländische Kreditgeber maximal 15 Prozent ihrer Forderungen zurück.

„Helicopter Ben“ ohne langfristigen Plan

Newsweek porträtiert in der aktuellen Ausgabe den Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke. Als Kind habe er zwar am liebsten „Superman“- und „Batman“-Comics gelesen, dennoch sei er selbst später zum „Finance Man“ avanciert. Trotz seines beherzten Kampfes gegen eine globale Finanz-Panik und obwohl Bernanke sowohl im linken als auch rechten politischen Spektrum Fans gewonnen habe, würfen ihm Kritiker vor, zu spät die Dimensionen der Krise erkannt zu haben. Der Fed-Chef habe geglaubt, dass sich die US-Immobilienkrise ähnlich wie die Dotcom-Blase Ende der 1990er kontrolliert entfalten werde; außerdem sei er durch seine Leitzinssenkungen und sein Aufschichten von Schulden im Kampf gegen die Deflation das Risiko einer Welle der Inflation eingegangen; schließlich habe „Helicopter Ben“ keinen Plan, der über die Schadensbegrenzung der vergangenen Wochen hinausgehe. Mit Blick in die Zukunft rechnet das Wirtschaftsmagazin damit, dass Bernanke, anders als Finanzminister Henry Paulson, auch in der neuen Regierung im Amt bleiben werde – sein Vertrag laufe bis 2010. Daher müsse er sich das Vertrauen des neu gewählten Kongresses auch aufs Neue erarbeiten.

Chinas schlimmster Feind

The Atlantic schickt ein langes Essay eines China-Korrespondenten zur Frage, warum Gesellschaften wie die chinesische oder US-amerikanische, die Besucher ihres Landes nachhaltig beeindrucken, solch ein armseliges Bild von sich im Ausland abgeben. Die freundliche Antwort auf diese Frage sei: Nicht nur in den USA, sondern auch in China sei das Gros der Bevölkerung und die Politker „beschränkt“ und ignorant. Doch während sich die Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September 2001 „Warum hassen sie uns?“ gefragt hätten, sei diese Selbstkritik den Chinesen fremd, weshalb die weltweite Kritik an Chinas Tibet-Politik anlässlich des olympischen Fackel-Laufs wie ein Schock gewirkt habe. „Je enger die chinesischen Beamten am Zentrum der politischen Macht stehen, desto weniger ahnen sie, was sie nicht von der Welt wissen.“ Für aufstrebende Parteifunktionäre komme es ausschließlich auf Linientreue, Loyalität und Berechenbarkeit an, nicht jedoch auf Erfahrungen im Ausland. Dies sei insofern besorgniserregend, als das Land auf dem Weg zu einer dominierenden Weltmacht sei.

Zweites Leben von Second Life

Fast Company analysiert den zweiten Frühling von Second Life. Nachdem Firmen wie Dell oder Adidas der Virtuellen Welt enttäuscht den Rücken gekehrt hätten, kehrten viele Unternehmen jetzt zurück. Nach Einschätzung der Unternehmensberaterin Joni West (This Second Marketing) sollten die Firmen nicht nur an ihren virtuellen Orten für sich werben, Videos streamen und versuchen, Dinge zu verkaufen, sondern insbesondere Diskussionen unter den Nutzern entfachen – mit diesem Ansatz, mit dem Sun Microsystems, Overstock.com und Nestlé reüssiert hätten, habe West eine „Schafsherde“ aus starken Marken zurück in Second Life gelotst. Die Second Life-Betreiber Linden Labs, schreibt das Wirtschaftsmagazin, wolle kontinuierlich das Angebot für Unternehmen ausweiten und habe diesen zuletzt Programme zum Aufbau privater Areale in Second Life vorgestellt.

Ägyptische Dissidenten nutzen Facebook

Das Online-Magazin Wired bringt eine lange Reportage aus Ägypten, wo Regierungsgegner die Online-Community Facebook nutzten, um ihren Widerstand zu organisieren. Nach Google und Yahoo sei das Netzwerk die Seite mit den drittmeisten Zugriffen in Ägypten – während des Afrika-Cups, bei dem das ägyptische Fußballteam ins Finale gekommen sei, habe sich eine 45.000-köpfige Fangruppe auf Facebook gebildet und dem Portal fortan einen massiven Nutzer-Zuwachs beschert; elf Prozent der Internetnutzer in Ägypten seien bei Facebook registriert. Im April habe es große Demonstrationen gegen die wachsenden Lebensmittelpreise und niedrige Löhne im Land gegeben. Im Vorfeld habe sich auf Facebook durch „virales Wachstum“ eine 40.000-köpfige Gruppe gebildet, die für die Demo geworben habe. Im Mai, im Anschluss an die Demo, sei einer der Protagonisten der Facebook-Bewegung, Ahmed Maher, von den Behörden verhaftet worden. Doch die Regierung habe es vermieden, den Dissidenten zu foltern – vermutlich aus Furcht, sein hoher Bekanntheitsgrad könnte im Internet zu Proteststürmen führen.

Fundstück: Sarah Palin zum Aufblasen

In seinem Blog für die Stuttgarter Zeitung forscht Peter Glaser nach kuriosen Blüten des US-Wahlkampfes und findet einen Barack Obama zum Selbstbauen, Obama und Sarah Palin aus Lego – sowie die Alaska-Gouverneurin zum Aufblasen. „Überschreiten Sie die Partei-Grenzen mit Ihrer eigenen Vizekandidatin“, heißt es auf der Verpackung der Palin-Puppe. Und: „Blasen Sie sie auf und zeigen Sie ihr, wie Sie wählen werden.“

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