Lehrstunde auf Japanisch

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse blickt mit Sorge nach Japan – und fordert die westliche Welt auf, aus den dortigen Entwicklungen und Problemen zu lernen. Das Wall Street Journal stellt Aufsichtsräte an den Pranger. Der Daily Telegraph sieht die Eurozone in eine Währungskrise driften. Fundstück: „Bis das der Aktienerfolg euch scheidet.“

Große Sorgen bereiten dem australischen Business Spectator die aktuellen Aussichten für Japans Wirtschaft, denn diese stehe vor einem massiven Problem: Der Überschuss aus der Handelsbilanz sei im letzten halben Jahr um 85,6 Prozent gefallen. Rutsche der Wert in die roten Zahlen, wäre das Land nicht mehr in der Lage, seine Währungsreserven aufzustocken – das derzeit einzige Mittel, um ernsthafte wirtschaftliche Verwerfungen zu verhindern. Japan müsse nun gleich zwei schwere Schläge verkraften: Zum einen sei der Überschuss in der Handelsbilanz auf den schwachen Export zurückzuführen – und den steigenden Import von Energierohstoffen -, zum anderen habe der Yen eine Aufwertung erfahren, weil im Zuge der Finanzkrise viele Investoren ganz schnell ihre in Yen gemachten Schulden zurückgezahlt hätten. “Damit wird aber Japans Exportsektor zum Risikofaktor: Ein stärkerer Yen würde hier unweigerlich ein Desaster auslösen.” Gerade hochwertige Exportgüter wie Autos oder Computer könnten Verbraucher weltweit abschrecken. Ziehe man zusätzlich in Betracht, dass Haushaltsdefizit und nationale Verschuldung in Japans horrend seien, stehe zu befürchten, dass die Insel den kommenden Wirtschaftsstürmen nicht mehr gewachsen sei.

Die Montreal Gazette aus Kanada sieht in Japans Entwicklung eine Prophezeiung für das, was die westliche Welt ereilen kann. “Japan hatte seine eigene Kreditkrise. In den frühen Neunzigern kollabierte die Finanzwirtschaft aufgrund zu leichtfertig vergebener Kredite. Anlagewerte fielen in den Keller und begruben ein paar Banken unter sich. 1997 pumpte der Staat dann 400 Milliarden US-Dollar in das Land, doch die Wirtschaft begann sich erst ab 2003 zu erholen.” Überhaupt habe die japanische Regierung in Ausgaben das Allheilrezept gesehen, allein für zumeist nutzlose Bauprojekte seien zwischen 1992 und 1999 z. B. 120 Billionen Yen aufgewendet worden. “Doch die zeitweilige Linderung eines Problems hat ein anderes befördert: Das Bruttoinlandsprodukt ging um 180 Prozent zurück.” Japan zeige, wie lange es braucht, um sich von einer Finanzkrise zu erholen. Die Aktienwerte betrügen selbst heute nur ein Viertel der letzten Spitzenwerte, die Immobilienpreise rangierten zwei Drittel unter den einstigen Topwerten. Zudem gebe es eine nie gekannte Zahl an Obdachlosen und eine höhere Kriminalitätsrate.

CQ Politics – das Onlineportal des amerikanischen Congressional Quarterly Magazins – empfiehlt US-Notenbankchef Ben Bernanke, das Beispiel Japan genau zu studieren, bevor er die Zinssätze erneut drastisch senkt – und damit die Hauptwaffe der Fed im Kampf gegen den ökonomischen Abschwung ihrer Munition beraubt. “Japan hat ein Jahrzehnt mit sehr niedrigen Zinssätzen und einem äußerst schwachen Wirtschaftswachstum gelebt – und ist damit alles andere als gut gefahren.” Seit den 1990ern habe die Japanische Notenbank die Zinssätze nahe Null gehalten, die Wirtschaft des Landes habe das aber nicht ankurbeln können. “Selbst heute beträgt der Satz nur 0,5 Prozent, und Japan steht erneut vor einer Rezession.” Bernanke habe bis jetzt viel Kreativität in der Nutzung der Fed-Ressourcen gegen die Krise bewiesen. Doch die Zeiten, in denen das Drehen an Zinssätzen geholfen habe, um die Wirtschaft zu beeinflussen, seien vorbei.

Europa läuft den USA den Rang ab

Über den möglichen Ausbau der Handelsbeziehungen zwischen Kanada und Europa freut sich der kanadische Windsor Star. Die Gespräche zwischen Premierminister Stephen Harper und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy eröffneten beiden Partnern Perspektiven. “Amerika wird unweigerlich in die Rezession driften und damit auch uns gefährden. Denn 80 Prozent von Kanadas Export gehen in die USA. Europa bietet mit seinen 27 Ländern und 500 Millionen Verbrauchern einen äquivalenten Markt, der Kanada die Möglichkeit bietet, wirtschaftlich noch stärker zu diversifizieren.” Bereits 2006 habe das kanadische Conference Board eine Freihandelsabkommen mit Europa empfohlen. “Kanada könnte den Europäern im Gegenzug den Zugang zu amerikanischen Märkten erheblich erleichtern.” Europa müsse dafür aber von seinen üblichen Forderungen nach Schutzzöllen abrücken. Derzeit habe der Handel zwischen Kanada und Europa einen Umfang von 70 Milliarden US-Dollar. “Wenn die beiden ihren Handel weiter liberalisieren, sind pro Jahr zusätzlich 27 Milliarden US-Dollar möglich”, rechnet die Zeitung vor.

Aufsichtsräte gehören an den Pranger

“Wo wahren die Aufsichtsräte?”, fragt das Wall Street Journal – und plädiert dafür, ihre Verantwortung für die aktuelle Krise zu thematisieren. “Aufsichtsräte bestimmen die Leitlinien und die Höhe der Abfindungszahlungen, sie sind letztlich für den Erfolg ihrer Vorstände und ihrer Unternehmen verantwortlich. Sie haben vor allem eine treuhänderische Pflicht zur Aufsicht. Ihre Rolle in der derzeitigen Finanzschmelze darf nicht ignoriert werden.” So hätten die Aufsichtsräte ihre Manager viel mehr fordern müssen, mit Blick auf deren Strategien für Investment, Darlehenspolitik und Einhaltung von Standards. “Sie sind eigentlich dafür da, die Sicherheiten zu schaffen, damit kein Vorstandsvorsitzender das Schiff zum Sinken bringt. Doch genau darin haben sie versagt.” Die Politiker in Washington sollten deshalb auch Aufsichtsräte in den Fokus rücken, denn bei ihnen läge die wahre Macht: “Washington muss dafür sorgen, dass Aufsichtsräte in Zukunft in einem höheren Maße haftbar gemachten werden können.”

Eurozone könnte in eine Währungskrise driften

Die aufkommende Gefahr einer Währungskrise in der Eurozone glaubt der Daily Telegraph aus Großbritannien zu erkennen. Ausgangspunkt seien die Folgen der Finanzkrise in den ehemaligen Ostblockstaaten, aber auch die hohen Investitionen europäischer Banken in Schwellenländern. So hätten österreichische Banken 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in solche Märkte investiert; für die Schweiz liege der Wert bei 50 und für Schweden bei 25 Prozent, in Großbritannien bei 24 und Spanien bei 23 Prozent. “Die USA haben dagegen nur vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Schwellenländern investiert. Amerika ist die seriöse, alte Dame in diesem Drama.” Die sich abzeichnenden Crashs ins Schwellenländern wie den südamerikanischen Staaten, aber auch in Ungarn, der Ukraine und Serbien, könne die beteiligten Nationen in tiefe Krisen stürzen: “Dieses Risiko wird noch immer unterschätzt.” Ein Report des Internationalen Währungsfonds aus 2006 habe bereits auf die Gefahr verwiesen, leider sei der Text kaum rezipiert worden. Einen Trost gebe es zumindest für die Briten: Sie hätten so gut wie kein Geld in die jetzt höchst unsicheren osteuropäischen Länder gesteckt, außer in Polen.

Spanien kehrt zurück zur Realität

“In Spanien werden wir die Reichweite der Finanz- und Wirtschaftskrise erst im Jahr 2009 erleben”, erklärt Juan María Nin, Chef der katalanischen Sparkasse La Caixa, im Interview mit El País. Nach einer außergewöhnlichen Wachstumsepoche würden nun die Verhaltensrichtlinien wieder an die Realität angepasst, so Nin. Und das sei auch notwendig in einem Markt, in dem Gewinn und kurzfristige Geschäfte erst den Nährboden für die aktuelle Situation geschaffen haben. Sowohl das komplexe globale System der internationalen Märkte, als auch die sozialen und technologischen Veränderungen brauchten Transparenz und Vertrauen zu Schlüsselwerten, mit denen man äußerst vorsichtig umgehen müsse. Ein Klima des Misstrauens habe die Krise angefacht und die mangelnde Erfahrung erschwere die Lösung. Finanzkrisen führten stets zu Konzentrationsprozessen und der Bankensektor sehe nach ein paar Jahren starker Expansion nun einer sehr gemäßigten Wachstumsperiode entgegen, antwortet Juan María Nin diplomatisch auf die Frage von El País nach möglichen Bankenfusionen als Ausweg aus der Finanzmisere.

Alitalia und AUA auf Partnersuche

Die neue Fluggesellschaft Alitalia könnte nach einem Exklusiv-Bericht der französischen Zeitung La Tribune am 1. Dezember 2008 an den Start gehen. Dabei sei es höchst wahrscheinlich, dass nicht die deutsche Lufthansa einsteige, sondern die französische Air France-KLM. “Die Italiener werden bis zum 12. November ihre Wahl getroffen haben und dann bekannt geben, wer ihr neuer Partner wird.” Jean-Cyril Spinetta, Vorstandsvorsitzender von Air France-KLM, sei sicher, das bessere Angebot unterbreitet zu haben. 20 bis 25 Prozent wolle das Unternehmen, so Insider, an Alitalia erwerben, andere Quellen führten eine Summe von 250 Millionen Euro an. Sicher dagegen sei, dass Air France-KLM nicht bei der österreichischen Fluglinie AUA einsteige: “Hier ist nach Einschätzung von Spinetta eine Kapitalaufstockung von 700 Millionen Euro nötig. Das wäre für Air France-KLM einfach zu teuer.”

Japan und Südkorea vor einer reifen Partnerschaft

Die “wirtschaftliche Feuersbrunst, die gerade weltweit wütet”, bringe auch etwas Positives mit sich, stellt die Korea Times fest. Denn die Krise scheine dazu beizutragen, dass sich die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea entspannten. In der Vergangenheit hätten sich erhebliche Animositäten entwickelt, z. B. wegen Territorialkonflikten um eine Inselgruppe im japanischen Meer. Die globale wirtschaftliche Misere wolle man aber nun gemeinsam bestehen und so hätten sich die einstigen Rivalen bereit erklärt, die diplomatischen Beziehungen neu aufzunehmen: Man wolle eine “reife Partnerschaft”. Das Gespräch der Präsidenten Japans und Südkoreas habe außerdem zu dem Entschluss geführt, sich im Dezember mit China an einen Tisch zu setzen, um sich über gemeinschaftliche politische Aktivitäten hinsichtlich Finanzkrise, Energiefragen und Klimawandel zu verständigen. Die territorialen Probleme zwischen Japan und Südkorea seien jedoch noch nicht geklärt. Das Blatt empfiehlt daher beiden Nationen, ihre Feindseligkeiten hinter sich zu lassen, ehe man zusammen in die Zukunft aufbreche.

Fundstück: “Bis das der Aktienerfolg euch scheidet.”

Aktienkauf mit Gottes Segen? Das Time Magazine hat religiöse Fonds näher unter die Lupe genommen – und dabei interessante Charakteristika ausgemacht. So würden muslimische Fondmanager darauf achten, weniger als fünf Prozent Aktienanteile zu erwerben, die mit Alkohol, Schweinefleisch oder Tabak in Verbindung gebracht werden können. In katholische Fonds kämen dagegen keine Aktien von Unternehmen vor, die mit Abtreibung, Empfängnisverhütung oder Pornografie zu tun haben. Ausgesprochen liberal seien Protestanten, sie investierten in Firmen wie Google, Apple oder ExxonMobile, getreu des biblischen Auftrags, als Christ für seine Familie ordentlich zu sorgen. Und unter Juden seien kaum speziell religiöse Fonds bekannt, wohl aber die Neigung in Projekte zu investieren, die der Erde “gut täten”. Das Fazit des Blattes: “Religiöse motivierte Investmentstrategien zielen vor allem auf eins ab: ewiges Heil zu garantieren.”

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de.

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Desiree Therre.

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