andreAnsicht: Was für Jungs!

Früher waren Jungs lebhaft, tobten viel, stießen sich die Hörner ab, waren oft frech und testeten ihre Grenzen. Heute haben Jungs Aufmerksamkeitsstörungen und sind hyperaktiv. Früher schickte man sie zum Toben auf die Straße oder zum Fußball, heute schickt man sie zum Arzt und verschreibt Medikamente, damit sie länger stillsitzen.

Gleich vorab der Hinweis: Dieser Beitrag ist ausnahmsweise nicht ironisch gemeint. Es geht um eine ernste Sache. Der straff organisierte Tagesablauf heute zwischen Arbeit, Schule, Hausaufgaben und diversen Nachmittagsaktivitäten lässt, noch dazu in kinderarmen Nachbarschaften, wenig Raum für freies Spielen, fürs Ausprobieren. Langes Stillsitzen, ruhiges Arbeiten, das ist nicht die Sache von Jungs – und ist es vermutlich nie gewesen. Aber noch nie hatte eine Gesellschaft so wenig Verständnis dafür wie bei uns heute. Hoher Leistungsdruck lastet schon ab einem frühen Alter auf den Kindern und den Eltern. Wer nicht in das extrem eng gesteckte Schema passt, wird zum Arzt geschickt und mit Medikamenten behandelt.

Was bei Kindern als Norm gilt, wird heute mehr als früher von Frauen und ihrer Lebens-, Erfahrungs- und Erwartungswelt bestimmt. In Kindergärten und Grundschulen kümmern sich fast nur noch Frauen um die Kinder. Während in meiner Kindheit das Verhältnis von Männern und Frauen unter den Grundschullehrer/innen noch einigermaßen ausgewogen war, begegnen heutige Kinder oft erst in der weiterführenden Schule ab der 5. Klasse zum ersten Mal einem männlichen Lehrer. Auch das trägt sicher dazu bei, dass das Verständnis für die Verhaltensweisen von Jungs an der Schule zu kurz kommt. Sie werden schneller als Mädchen als verhaltensauffällig eingestuft, ihre Leistungen werden anders bewertet. Darin ist durchaus eine Benachteiligung von Jungs zu sehen, die besorgniserregend ist.

Sie ist aber kein Zeichen dafür, dass Frauen die Macht übernommen haben. Vielmehr ist diese Benachteiligung von Jungs eine Nebenwirkung der Benachteiligung von Frauen. Männer haben sich fast vollständig aus den Berufsfeldern der Kinder- und Grundschulerziehung zurückgezogen und diesen Bereich Frauen überlassen. Denn: Kaum ein Ausbildungsberuf ist so schlecht bezahlt und bietet so wenig Aufstiegsmöglichkeiten wie der der Erzieherin; Grundschullehrerinnen verdienen weniger als andere Lehrer/innen und haben in den letzten Jahrzehnten an Ansehen verloren. Während Volksschullehrer vor einigen Jahrzehnten noch ein hoch angesehener Beruf war, gilt es heute als undankbare Aufgabe, sich mit einem Haufen plärrender Bälger abgeben zu müssen. “Frauenberufe” werden schlechter bezahlt und sind geringer angesehen als klassische Männerberufe, und weil sie das sind, sind nur noch Frauen bereit, sie zu übernehmen. Eine teuflische Spirale, die letztlich allen schadet.

Es fehlt in den Kindergärten und Schulen an männlichen Rollenbildern und männlichen Perspektiven, es fehlt der männliche Blick auf das Verhalten von Jungs und die Würdigung der besonderen Entwicklung von Jungs. Wo aber bleiben die Horden von männlichen Anwärtern auf ein Lehramtsstudium? Welcher Junge ist bereit, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen?

Die frühkindliche Erziehung muss stärker professionalisiert, die Ausbildung verbessert werden. In anderen Ländern, z.B. den USA, werden Vorschul-Erzieher und „kindergarten teacher (!)” an Universitäten ausgebildet. Den Titel für diese Kolumne habe ich übrigens einer Aktion an unserer Hochschule geklaut, die sich bemüht, junge Männer für ein Studium sozialer Berufe zu interessieren. Aber das ist nicht genug: Wenn bei uns Bildung und Erziehung Priorität haben sollen, wie Politiker in Sonntagsreden gern behaupten (freilich oft, ohne dem richtige Taten folgen zu lassen, siehe Bildungsgipfel), müssen Erzieher(innen) deutlich besser bezahlt werden, es muss Aufstiegschancen geben. Die ungleiche Besoldung von Grundschullehrer(inne)n müsste angeglichen werden. Das ist im Sinne der Frauenförderung überfällig, aber eben auch im Interesse von Männern. Nur, wenn diese Berufe attraktiver werden, kann man vielleicht junge Männer dafür begeistern, einen Beruf in dieser Richtung zu ergreifen.

1 Kommentar zu “andreAnsicht: Was für Jungs!”


  1. 1 belinea

    Liebe Andrea,

    als alleinerziehende Mutter eines Jungen kann ich von oben genanntem Thema ein Lied singen. Im Kindergarten ging es bei uns noch, da mein Sohn ein sogenannter “Prinz Charming” ist und Mädchen und Erzieherinnen ihn echt “süß” fanden. In der Schule musste ich mir dann schon früh Klagen meines Sohnes anhören, dass die Klassenlehrerin immer nur mit den Jungs meckert, dass die Mädchen immer bessere Noten haben und die Juns ungerecht behandelt würden.

    Bei dem ersten Elternsprechtag durfte ich mir dann auf Nachfrage anhören, dass “Das Arbeits- und Sozialverhalten entspricht den Erwartungen” (entspricht einer Schulnote 3) das Beste ist, was ein Junge erreichen kann, die seien eben nicht fähig besser zu sein in dem Bereich.

    Der zweite Elternsprechtag war dann gekrönt von der Aussage der Klassenlehrerin, mein Sohn habe zwei Gesichter. Im Unterricht sei er ja einigermaßen lieb (!), aber auf dem Schulhof würde er ja so herumtoben und bolzen.. Was soll Mutter davon halten? Ich frage mich ja immer, ob ich zu diesen Jungsmüttern gehöre, die ihren Sohn vergöttern und keine Kritik zulassen, aber bei aller liebe, die Beschreibung des Verhaltens meines Sohnes in der Schule klingt für mich normal und nicht irgendwie krankhaft, oder?

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