Wirtschaftswache: Sozialpolitisches Dada

Manchmal überkommt einen beim Lesen eines Artikels das spontane Bedürfnis, schulpflichtige Kinder zu sich zu rufen, um sie an dem historischen Moment teilhaben zu lassen. So wie bei der Lektüre des SZ-Artikels über die jüngsten Ausfälle des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin. Seht euch das genau an, Kinder!, möchte man sagen, soviel Unsinn auf einmal werdet ihr zu euren Lebzeiten vielleicht nie wieder zu lesen bekommen.

Da wurde der Parteibuch-Sozi Sarrazin auf dem Nachrichtensender N24 gefragt, ob eine Erhöhung des Hartz IV-Regelsatzes die Wirtschaft ankurbeln könne. Und antwortete: “Das ist kein Konjunkturprogramm. Wofür geben die das Geld aus? Für Flachbildschirme, Videorekorder, MP3-Player. Es geht alles nach Fernost. Und nichts bleibt hier.”

Nun weckt Sarrazins Hass auf Hartz IV-Empfänger mittlerweile selbst bei psychologischen Laien vor allem wissenschaftliches Interesse. Gab es in seiner Kindheit einen finsteren Stütze-Schnorrer in der Nachbarschaft, der dem kleinen Thilo immer den Lolli abnahm? Im vorliegenden Fall muss man Sarrazin allerdings immerhin zugute halten, dass seine Antwort auch nicht viel dämlicher ist als die im N24-Gespräch aufgeworfene Frage. Um auf die Idee zu kommen, Hartz IV-Empfänger könnten im Falle der Erhöhung des Regelsatzes (aktuell 351 Euro) etwa die Absatzkrise der Autoindustrie beheben oder dem darbenden Geschäft des Chemieriesen BASF aufhelfen, muss man wohl ein kleiner privater TV-Sender aus einer gebeutelten Senderfamilie sein, die ihrerseits nach jedem Strohhalm greift.

Ein Kommentar des Kriminologen Christian Pfeiffer aber verwandelt den ganzen Vorgang vollends in ein Stück sozialpolitisches Dada. “An Sarrazins Aussage ist leider durchaus etwas dran”, lässt Pfeiffer sich zitieren und erläutert laut SZ: “So hätten nur 16 Prozent aller Zehnjährigen in Deutschland, deren Eltern Abitur haben, einen Fernseher im Kinderzimmer. Haben die Eltern lediglich einen Hauptschulabschluss, liegt dieser Wert schon bei 57 Prozent. Generell gelte die Regel: Je (bildungs)ärmer der Haushalt ist, desto mehr elektronische Unterhaltungsgeräte besitzt er. Und desto mehr Zeit verbringen die einzelnen Familienmitglieder vor den Bildschirmen.”

Sie haben also nicht “Kant für Kinder” oder “Die philosophische Hintertreppe” auf dem Nachttisch liegen, die Hartz IV-Empfänger. Stattdessen schauen sie Fernsehen wie ungefähr 80 bis 90% der nicht hilfsbedürftigen Bevölkerung auch. Dieses Gesocks.

In seinem sehr lesenswerten Buch “Die neuen Spießer” (Ullstein Taschenbuch, 7,95 Euro) schreibt Christian Rickens: “Bisweilen trägt der Versuch, der wiederentdeckten Unterschicht die Schuld an ihrem Schicksal zuzuschreiben, fast schon absurde Züge. Wenn etwa die neuen Bürgerlichen beklagen, dass Unterschichtangehörige sich selbst um ihre Chance auf gesellschaftliche Teilhabe brächten, weil sie sich nur von ungesundem Fastfood ernährten, zuviel Alkohol tränken, Privatfernsehen schauten und ihre Kindern nicht vernünftig erzögen. Während die wackeren Proletarier früherer Zeiten natürlich ihren Körper beim Sport stählten, sich pausenlos in Lesehallen weiterbildeten, in Arbeitergesangsvereinen die Fahne hochhielten und ihre Kinder niemals ohne Pausenbrot in die Volksschule schickten.”

Wenn man die schulpflichtigen Kinder nach gehabtem historischem Erlebnis wieder wegschickt, sollte man ihnen übrigens unbedingt den Rat mit auf den weiteren Lebensweg geben: Schaut nicht soviel N24! Und lasst euch nicht den Lolli wegnehmen!

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