Wenn Horst W. Opaschowski in seine Glaskugel schaut, stehen Medien und Leser seit Jahren Gewehr bei Fuß. In seinem neuen Buch „Deutschland 2030: Wie wir in Zukunft leben“ beschreibt der Zukunftswissenschaftler, Politikberater und wissenschaftliche Leiter und Kuratoriumsvorsitzende der BAT Stiftung für Zukunftsfragen, wie sich Deutschland in Politik, Wirtschaft und der Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten verändern wird. Im Interview mit ecolot.de lässt sich Opaschowski in die Karten schauen.
In Ihrem Buch „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben“ wagen Sie eine sehr weit reichende Prognose. Welche Ihrer Prognosen daraus ist die überraschendste?
Das „Comeback mit 65“! In der öffentlichen gesellschaftspolitischen Diskussion galt und gilt „Rente mit 67“ beinahe als Horrorvision. In Wirklichkeit wollen fast drei Viertel der Berufstätigen freiwillig über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten, wenn sie dadurch ihre Rente aufstocken und hinzuverdienen können – also ohne Abzüge bei ihrer Vollrente. Das können auch Teilzeitbeschäftigungen sein. Im übrigen wollen alle im Alter weiter gebraucht werden, also gesellschaftlich wichtig bleiben. Hier werde ich noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, weil die Wünsche der Arbeitnehmer nicht den „political correctness“-Vorstellungen entsprechen.
Vier von zehn Erwerbspersonen würden im Jahr 2030 älter als 50 Jahre alt sein, lautet eine weitere These. Wie wird sich die Wirtschaft durch die Re-Integrarion der Alten ändern?.
Die Wirtschaft braucht wieder ältere Arbeitnehmer – als „Silver Worker“ und nicht nur „Master Consumer“. Die Folgen für die Zukunft: Gelassenheit und Beständigkeit halten wieder mehr Einzug in das Arbeitsleben. Es wird weniger Schnellschüsse, Stress und Hektik geben und längerfristige Ziele werden wieder beharrlicher verfolgt. Auch Pläne und Projekte können mehr in Ruhe reifen.
Sie glauben, dass die Luft für männliche Karrieren bis 2030 dünner wird. Noch sind Frauen in den Führungsetagen selten. Warum sollte sich das ändern?
Mädchen und junge Frauen erzielen heute schon bessere Schulabschlüsse. An den deutschen Gymnasien schließen inzwischen die Mädchen im Schnitt eine Note besser ab als die Jungen. In der Hochbegabtenförderung sind die Frauen überrepräsentiert. Immer mehr Frauen sind auch im Berufsleben leistungsorientiert. Heute wollen die hochqualifizierten Frauen nach oben – spätestens 2030 werden sie dort auch ankommen.
„Die Klimadebatte hat die deutschen Autofahrer noch nicht erreicht“, lautet eine Ihrer Thesen aus diesem Jahr. Ist also Fatalismus angesagt, wenn die Menschen trotz der Klima-Schädigungen und hohen Benzinpreise nicht lernen wollen?
Wenn wirtschaftliche Probleme aufkommen und sich Existenzängste ausbreiten, dann nimmt die Neigung der Menschen zu, den Umweltschutz-Gedanken oder „Klima-Schädigungen“ für weniger wichtig zu halten. Ökologische Langfristfolgen müssen den aktuellen Ängsten vor Kriminalität oder Wohlstandsverlusten weichen.
Wie kann ein Umdenken erfolgen?
Es ist traurig aber wahr: Wie bei der Einführung der Gurtpflicht bei den Autofahrern warten die Menschen in Krisenzeiten mehr auf „law-and-order-Rufe“, auf Gebote, Verbote und drastische Geldstrafen – von der „Strafsteuer“ für Spritfresser bis zu verschärften „Energiesparverordnungen“ für Hausbesitzer. Das Umweltbewusstsein stirbt deswegen nicht. Ganz im Gegenteil: Je umweltbewusster die Bevölkerung ist, desto leichter fällt es der Politik, Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen.
Sie haben mit Ihrem 1997 erschienenen Buch „Deutschland 2010“ einen Blick in die Zukunft gewagt. Der darin abgesteckte Zeitraum ist bald vorbei. In welchen Hauptpunkten sehen Sie Ihre Mahnungen und Warnungen bestätigt?
Meine Warnungen von 1997 sind ein Jahrzehnt später leider Wirklichkeit geworden. Ich prognostizierte seinerzeit „sinkende Realeinkommen“, machte darauf aufmerksam, dass es weitere Wohlstandssteigerungen nicht mehr geben werde. Das Wohlstands- und Wohlfahrtsland Deutschland sei dann „gefordert wie“. Und die Balance zwischen wirtschaftlichen Leistungen und sozialen Wohltaten würde „ins Wanken geraten“. Immer mehr gerieten „unter die Armutsgrenze“. Die Gegenwart hat meine Prognose inzwischen eingeholt. Dies gilt auch für meine seinerzeitige Warnung: „In Zukunft kann es zu einem wachsenden Wohlstandsgefälle mit sozialem Zündstoff kommen.“
Was haben Sie 1997 unterschätzt?
Ich forderte seinerzeit eine „weltweite Partnerschaft“ mit der Begründung: „Keine Gesellschaft ist mehr allein in der Lage, ihre Zukunft zu sichern“. Die Forderung war ein wenig in den Wind geschrieben und blieb ungehört. Die weltweite Finanzkrise hat das ja inzwischen eindrucksvoll bestätigt. Ich glaube: Als Zukunftsforscher habe ich eine besondere Verantwortung. Ich muss druckvoller und wirkungsvoller in den Forderungen werden und mir in der politischen Öffentlichkeit mehr Gehör verschaffen. Daran arbeite ich gerade – quer durch die Parteienlandschaft. Meine Forderung lautet: Die Politik muss mehr Mut zur Zukunft beweisen. Die Politik braucht Visionen und keine Illusionen. Illusionen kann man zerstören, Visionen nie.
Deutschland 2030: Wie wir in Zukunft leben
Gütersloher Verlagshaus 2008, 29,95 Euro
ISBN-13: 978-3579069913




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