ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse glaubt trotz zahlreicher Rezessionsmeldungen aus der ganzen Welt, dass die aktuelle Krise auch Chancen bietet. Die International Herald Tribune geißelt den Isolationismus der Schweiz. Die Londoner Times gratuliert Obama zum Stopp von Henry Paulsons „Doomsday Machine“. Fundstück: Chinesen sehen bei schwarzen Bildschirmen rot.
Als einmalige Lehrstunde wertet das Barron?s Magazine den aktuellen Abschwung: “Die Korrekturen, die der Markt und die Wirtschaftsstrukturen nun brauchen, sind schmerzhaft, aber sie bieten auch eine Chance.” Jede Krise erteile auch Lektionen. So habe 1987 gezeigt, dass Massenverkäufe nicht die richtige Wahl für langfristig denkende Investoren seien. 1994 erbrachte den Beweis, dass sich Qualität und Geduld durchsetzen. “2008 lehrt uns, dass wir letztlich nie die Kontrolle haben, weder über den Aktienmarkt, noch über den Anleihenmarkt, noch über die Wirtschaft überhaupt.” Man müsse sich jetzt klar machen, dass letztlich jeder Schuld an der Krise sei, jeder habe in irgendeiner Weise den Anstoß gegeben, partizipiert oder profitiert. “Wenn wir bereit sind, das einzugestehen, können wir bewusst Verantwortung übernehmen.” Beginnen könne man damit, die Verschwendung und den rücksichtslosen Ausbau von Industriezweigen zu beenden. “Um einen Satz von John F. Kennedy zu gebrauchen: Frage nicht, was die Wirtschaft für dich tun kann, sondern frage, was du tun kannst für die Wirtschaft.”
Eine außergewöhnliche Gelegenheit für Barack Obama, sein Programm durchzuziehen, sieht der Toronto Star in der momentanen Wirtschaftskrise. “Im Angesicht der Krankheitssymptome, die die USA heimsuchen, geht Obama mit noch viel größerem Elan an die Arbeit.” Während sich Clinton 1992, ebenfalls eine Ära des wirtschaftlichen Abschwungs, noch mit Diskussionsrunden abgegeben habe, könne Obama schon vier Wochen nach seiner Wahl sein Wirtschafts- und Finanzteam vorstellen. Er agiere, als regiere er bereits, und stoße so wichtige Projekte an, die seinen Start im Januar erleichtern dürften. “Sein Plan zur Erholung der US-Wirtschaft ist letztlich die Essenz eines viel größeren Plans, des Plans einer langfristigen, gesellschaftlichen Erneuerung. 700 Milliarden Dollar will er in die Infrastruktur, in regenerative Energien, in Gesundheitsfürsorge und in die Bildungsreform stecken. Das ist fast so etwas wie eine neuer New Deal.” Es verwundere nicht, was sein Vertrauter Rahm Emanuel kürzlich verlautbart habe: “Man will doch nie ein ernsthafte Krise ungenutzt verstreichen lassen.”
Schweizer Isolationismus zahlt sich nicht aus
“Die Schweiz zahlt nun den Preis für ihren Isolationismus”, überschreibt die International Herald Tribune einen Zustandsbericht aus dem Alpenland. Das Modell habe sich überlebt, es zeige sich, dass die Schweiz nicht immun gegen globale Entwicklungen sei: “Der Schweizer Aktienindex steht zwar im Vergleich zum Nasdaq immer noch gut da, hat aber 31 Prozent seines Wertes verloren. Die beiden großen Banken, UBS und Credit Suisse, sind angeschlagen. Und die Wirtschaft wird laut OECD-Prognose nach 1,9 Prozent Wachstum in 2008 im kommenden Jahr um 0,2 Prozent schrumpfen.” Zudem sei die Schweiz als Steuerparadies verrufen, sie müsse eine Untersuchungsserie von US-Behörden und Rügen des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück über sich ergehen lassen. “Zwei Wege bleiben dem Land: Entweder der Rückzug und eine noch stärkere Abschottung, oder aber die Öffnung zur Europäischen Union.” Stimmen, die einen Beitritt zur EU fordern, mehrten sich. 60 Prozent des Exportes der Schweiz gehe in die EU, am 12. Dezember öffne das Land außerdem im Rahmen des Schengen-Abkommens seine Grenzen für 24 europäische Nationen. Andere warnten dagegen vor eine Annäherung an die EU: “Man kann einen Deal aushandeln, ohne zu heiraten”, zitiert das Blatt einen EU-Gegner.
Kanada mitten im Aufschwung
“Wir können die Wirtschaftshysterie vergessen und uns zurücklehnen – denn Kanada befindet sich schon mitten im Aufschwung”, jubelt die Financial Post . Die Steuerlast werde nach jüngsten Prognosen bis 2012/2013 von 15,8 auf 15,2 Prozent sinken, und das bedeute “mehr Geld für Konsum und Investition.” Zu verdanken habe Kanada dies dem umsichtigen Handeln von Liberalen und Konservativen nach der Haushaltsdefizit-Krise in den frühen 90er Jahren. Sie hätten die Staatsausgaben drastisch reduziert, zugleich habe es einen Boom bei technischen und Verbrauchsgütern gegeben. Nun würden allein 2009/2010 die Steuern um 31 Milliarden Dollar gesenkt, das seien nahezu zwei Prozent des Bruttosozialprodukts – eine Steuersenkungsrate, die der Internationale Währungsfonds auf dem G-20-Gipfel in Washington empfohlen habe. Dennoch betrage das Wachstum der kanadischen Wirtschaft “nur” drei Prozent. Dies sei u. a. auf den starken kanadischen Dollar zurückzuführen, der vor allem den Export und den Manufaktursektor behindere. “Trotzdem: Während andere Nationen vor der Rezession stehen, verzeichnen wir noch Wachstum.”
Stopp für Henry Paulsons Doomsday Maschine
Die Londoner Times kann es kaum erwarten, dass Noch-US-Finanzminister Henry Paulson seinen Stuhl räumt und Timothy Geithner übernimmt. “Die Aktienwerte an der Wall Street sind um 25 Prozent gestiegen, die Kosten für Hypotheken gesunken und der traditionelle Start der Schlussverkäufe ist besser gelaufen als erwartet. Auch der Pfund hat wieder gegenüber dem Euro wieder gewonnen, und so wichtige Unternehmen wie Selfridges oder PizzaExpress melden Gewinne.” Diese positiven Entwicklungen seien auf das Eingreifen des angehenden Präsidenten Barack Obama zurückzuführen. Bereits die Vorstellung seines neuen Teams – “endlich erwachsene Ökonomen, die etwas von Finanzen und Krisenmanagement verstehen” -, aber auch die vom ihm forcierte Entscheidung, die Citigroup zu retten, oder die Fed dazu zu bewegen, Hypothekenanleihen aufzukaufen, zählten dazu. All das sei konträr zu Henry Paulsons Überzeugungen. “Beispiel Rettungen: Zwar hat Paulson Fannie Mae und AIG gerettet, doch er war der Meinung, dass die Aktionäre dafür den Preis zahlen müssen. Obama hat dagegen mit der Citigroup signalisiert, dass er die Aktionäre ernst nimmt. Das hat neues Vertrauen geschaffen.” Paulson habe damals die Banken mit an den Abgrund gezehrt und einen Prozess in Gang gesetzt, den man mit “Henry Paulson’s Doomsday Machine” umschreiben könne. Obama habe mit seiner neuen Formel für staatliche Hilfeleistungen diese Maschine gestoppt.
Russlands Geschäftstätigkeit bricht ein
Die aktuelle Wirtschaftskrise in Russland könnte noch schlimmer werden, als der Crash 1998, schreibt die russische Tageszeitung Izvestia. Das gehe aus einer Umfrage unter den 300 größten russischen Unternehmen hervor. Die Unternehmen hätten in den letzten Wochen kaum Neuaufträge erhalten, weder aus dem In-, noch aus dem Ausland. Die Auftragsbücher seien leer. “Der Index der Geschäftsaktivität, der auf der Grundlage dieser Umfrage errechnet wird, ist auf dem niedrigsten Stand seit September 1998. Einen Monat, nachdem Russland damals seine Zahlungsunfähigkeit erklärt hat”, berichtet das Blatt. Der Rückgang der Produktion führe bereits seit Mai vermehrt zu Entlassungen. “Zuletzt sank die Zahl der Beschäftigten in der Industrie fast so schnell wie im September und Oktober 1998″, so die Zeitung.
Investitionsstau gefährdet Indien
Über das Risiko des Rückgangs von Investitionen denkt die Economic Times aus Indien nach. Die Investitionen seien zwar im zweiten Quartal des Geschäftsjahres gestiegen, doch der private Verbrauch sei eher dürftig ausgefallen. Darin liege die Gefahr, spekuliert das Blatt. Denn die Investment-Branche habe im September negativ auf die Finanzkrise reagiert. Seitdem häuften sich Meldungen über abgesagte Projekte, verschobene Investitionen oder Pläne. Damit das Bruttoinlandsprodukt nicht abstürze, müssten jedoch sowohl der Verbrauch als auch die Investitionsfreude eher steigen. Die Regierung könne sich im Moment allerdings nur für eines entscheiden: den Konsum ankurbeln oder Investitionen unterstützen, denn das Finanzdefizit liege fast bei zehn Prozent. So sei die dringendste Sorge jetzt, die Bilanzen in Ordnung zu bringen und die Grenzen zu öffnen für ausländische Direktinvestitionen.
HSBC profitiert von der Immobilienkrise
Als Gewinner der aktuellen Immobilienkrise feiert der australische Business Spectator die britische Bankengruppe HSBC, denn diese könnte das Londoner Finanzzentrum Canary Wharf für 25 Prozent weniger haben, als sie beim Verkauf an den spanischen Immobilienriesen Metrovacesa im vergangenen Jahr erhalten habe. Metrovacesa leide unter einer Schuldenlast von 7 Milliarden Euro. Canary Wharf solle deshalb veräußert werden, für 838 Millionen Pfund. Bezahlt habe Metrovacesa seinerzeit 1,1 Milliarden Pfund – viele hätten das schon damals für einen zu hohen Preis gehalten. Insider gingen nun davon aus, dass HSBC das Zentrum für vielleicht sogar 677 Millionen Pfund zurückbekommen könne, denn die Preise für die dort angesiedelten Büroräume seien dramatisch eingebrochen. “Außerdem sind da noch die 2,6 Millairden Euro, die die HSBC der Familie Sanahujas geliehen hat – dieser Familie gehören 80 Prozent an Metrovacesa.” Für HSBC wäre das ein gutes Geschäft: Gebaut habe die Bank das Zentrum einst für 500 Millionen Pfund.
Fundstück: Chinesen sehen bei schwarzen Bildschirmen rot
Ein Krieg zwischen Microsoft und chinesischen Computerbesitzern ist nach Informationen des US-Portals Chefengineer.org ausgebrochen: Der Konzern geht gegen die massenhaften Raubkopien vor – indem sich die Bildschirme von Computernutzern, die Raubkopien auf ihrem PC haben, schwarz einfärben. Nun haben auch Nutzer von legalen Software-Kopien des Konzerns ihre Bildschirme schwarz gefärbt – aus Protest gegen die Methoden des Softwaregiganten. “Das ist ein Verbrechen”, schimpfen viele Chinesen wutentbrannt auf den US-Konzern. “Microsoft weist damit nach, dass sie praktisch jeden hacken können, nicht nur die Raubkopierer”, zitiert das Portal einen Mitarbeiter des Öffentlichen Sicherheitsministeriums. Für viele Chinesen stelle sich einfach nicht die Frage, ob man legale oder illegale Software erwerben soll oder nicht: “Windows XP ist als Raubkopie für zehn Yuan zu haben, das sind zwei Dollar. Das Original kostet mehrere Hundert Yuan.” Inzwischen zirkulierten Softwarekorrekturen, die den schwarzen Bildschirm verhindern.



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