andreAnsicht: Ansichtssachen

Ihre Haare sind sorgfältig unter einem großen Tuch verborgen. Die Kamera zeigt sie nur von hinten, während sie fortstrebt: Sie hat kein Gesicht, nicht einmal eine Form, wir wissen nicht, ob sie alt ist oder jung, dick oder dünn, wir sehen fast nichts von ihr, und sie wendet sich ab, dreht uns den Rücken zu. „Türkische Frau” steht unter dem Bild oder: „Migrantin”.

Reflexartig greifen Redaktionen in Deutschland zu einer Variation dieses Bildes, wenn es gilt, den „Kopftuchstreit” zu illustrieren – oder aber auch Themen, die nichts mit muslimischer Bekleidung zu tun haben, etwa „Integration”, „Deutschtest” oder “Armut”. Türkische Frauen werden in deutschen Medien oft mit Kopftuch dargestellt – und von hinten. Teils verletzliche Pose (hinterrücks von hinten getroffen), teils aggressiver Akt des Sich-Abwendens („Die wollen nichts mit uns zu tun haben!”), offenbaren diese Bilder oberflächliche Klischees, die Fotografen, Redakteure und Leser(innen) mit sich herumtragen.

Mit solchen Bildern werden türkische Frauen in Deutschland gleich mehrfach stereotypisiert: Als (unterdrückte muslimische) Frauen und als (integrationsfeindliche) Migrantinnen ohne eigene Identität. Darauf weist Ayse Esra Özcan hin, Doktorandin an der Jacobs University in Bremen, die ihre Analyse von Bildern türkischer Frauen in deutschen Medien letzte Woche auf der Jahrestagung der europäischen Kommunikationswissenschaftler in Barcelona vorgestellt hat.

Eine kurze Nachrecherche ergibt eine Fülle an Bildern mit diesem Motiv, quer durch verschiedene Medien, selbst so unverdächtige wie die taz oder das Deutschlandradio verwenden es gedanken- und bedenkenlos (man beachte die prall gefüllten Einkaufstüten…). Esra Özcan hat auch andere Typologien bei Medien-Bildern von Türkinnen ausgemacht: die „erfolgreiche Migrantin” beispielsweise, die in irgendeiner Weise versucht, sich deutschen Lebensweisen anzupassen (meistens, indem sie schreiben lernt). Oder der Gegensatz der Kulturen, der sichtbar gemacht wird, wenn eine verschleierte Frau an einem Plakat mit nackten Frauen vorbeigeht oder leicht bekleideten Beinen gegenüber sitzt (wobei auf besagtem Bild, das ich leider nicht habe, von der leicht bekleideten Frau nur die Beine zu sehen sind; die Darstellung der deutschen Frau also auch nicht gerade würdevoller ist).

Aber das Motiv „Frau mit Kopftuch von hinten” ist mit Abstand das häufigste. Es wird so stark mit der Vorstellung von einer türkischen Frau verknüpft, dass türkische Frauen ohne Kopftuch kaum als Türkinnen erkannt werden – und umgekehrt Frauen mit Kopftuch automatisch für Türkinnen gehalten werden. So musste sich Der Spiegel kürzlich in seiner „Korrekturspalte” dafür entschuldigen, eine Frau mit Kopftuch und Deutschlandfahne als Migrantin ausgewiesen zu haben, obwohl sie in Wirklichkeit Deutsche ohne Migrationshintergrund ist.

Esra Özcan hat ihre Ergebnisse auch mit den Bildern von Türkinnen in türkischen Zeitungen verglichen. Ergebnis: In den nicht-islamischen Zeitungen werden Frauen fast nie mit Kopftüchern abgebildet – ein ganz anderer Eindruck entsteht. Welches Bild eher der Realität entspricht, hat Özcan nicht überprüft – aber die Perspektive von hinten ist frappierend und beruht offensichtlich auf (halb-)bewusster Inszenierung. Ich finde, es wird Zeit, den Frauen entgegen zu gehen und ins Gesicht zu schauen.

3 Kommentare zu “andreAnsicht: Ansichtssachen”


  1. 1 Daniel Lenz

    Liebe Andrea,

    vielleicht hat die Frau-von-hinten-Vorliebe zumindest teilweise ganz pragmatische Hintergründe: Falls ich mich richtig erinnere (aber das weißt du als Journalistik-Professorin natürlich viel besser), dürfen Menschen – wegen des Rechts am eigenen Bild – nicht ohne Einwilligung frontal auf Fotos gezeigt werden (es sei denn Person der Zeitgeschichte, mindestens drei Personen auf Bild, und, und…). Und da Pressefotografen, falls ich mich erneut richtig an meine Lokaljournalisten-Zeit erinnere, oft eher der Faulheit frönen, kommen eben jene Fotos dabei heraus. Oder bin da zu naiv?

  2. 2 Andrea Czepek

    Lieber Daniel,
    klar darf man Personen nicht ohne ihre Einwilligung erkennbar abbilden (sofern es sich nicht um größere Gruppen handelt.) Aber es gäbe bestimmt genug Frauen, die sich auch von vorne abbilden lassen würden, zumal, wenn es sich um Symbolbilder handelt, für die man ja auch Models nehmen könnte! Der faule Redakteur muss auch nicht fragen, das kann ja der Fotograf/die Fotografin vor Ort tun, mündliche Einwilligung reicht. – Keine andere Personengruppe wird so häufig von hinten abgebildet, außer bei Kopftüchern würde man doch niemals mit dieser Penetranz Hintenansichten auswählen… An eine Anweisung in Zeitungsredaktionen, “Mensch, ich bin zu faul, die Einwilligung einzuholen, lasst uns mal alle Leute nur noch von hinten zeigen” kann ich mich wiederum nicht erinnern.

  3. 3 David Wengenroth

    Kleiner Tipp für faule Redakteure: Man könnte zur Illustration solcher Geschichten ja auch zur Abwechslung mal ein Foto von einer erfolgreichen Frau (Renan Demirkan, Sibel Kekilli, Nina Öger, Necla Kelek) mit türkischem Migrationshintergrund aus dem Archiv kramen (lassen).

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