Zwangsheirat in Detroit

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird. Heute: Die internationale Wirtschaftspresse blickt auf den zweiten Anlauf von General Motors & Co., vor dem US-Kongress um Milliarden an Staatshilfe zu werben. gazeta.ru beobachtet die schleichende Verstaatlichung in Russland. Fundstück: Saurer Wettbewerb ums Kraut.

Am morgigen Donnerstag unternehmen Ford, General Motors und Chrysler einen neuen Anlauf, um Staatsgelder zu werben, die ihr Überleben sichern sollen. Der US-Wirtschaftsdienst 24/7 Wall St. glaubt nicht, dass die zunächst von den Demokraten geforderte Summe von 25 Milliarden Dollar zur Rettung ausreichen würde – Jerome York, Ex-Finanzvorstand bei Chrysler, gehe von mindestens 40 Milliarden Dollar aus. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, das die Kostensenkungsprogramme der „Big Three“ bereits fast erschöpft seien, schlägt 24/7 eine Fusion der drei Autobauer vor. „Die einzige Chance, eine wettbewerbsfähige US-Autoindustrie zu erhalten, besteht darin, nur eine statt drei Firmen zu retten. Die US-Regierung könnte anbieten, einen Überbrückungskredit zur Verfügung zu stellen, wenn sich die Unternehmen so verhalten, wie es GM und Chrysler schon angedacht haben: wenn sie heiraten.“ Auf diesem Weg könnten 20 Milliarden Dollar an Kosten eingespart werden. Den Einwand, durch die Fusion entstünde ein „Albtraum an Organisation“ und ein scharfer Kampf darum, welcher Mitarbeiter bleiben dürfe und wer nicht, entgegnet der Wirtschaftsdienst: „Ein guter CEO würde die Probleme eindämmen. Viel Unzufriedenheit ist immerhin besser als Bankrott.“

Das Wall Street Journal wendet sich in einem offenen Brief an Rick Wagoner und ermutigt den GM-Chef, bei den Anhörungen vor dem US-Kongress ein Ende der viel zu großzügigen Gesundheitsleistungen für insgesamt eine Million Arbeiter und Pensionäre anzukündigen. Die Einigung mit der Auto-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) sei hauptsächlich dafür verantwortlich, dass der Autobauer nicht mehr wettbewerbsfähig sei – laut Wagoner könnte jedes GM-Auto ohne die Gesundheitsleistungen 1500 Dollar billiger angeboten werden. Zwar gehe es bei den Anhörungen meist in erster Linie darum, dass die Senatoren und Kongressabgeordneten auf den populistischen Zug aufspringen und ein paar Firmen-Skalpe in die Kamera halten können. Wagoner müsse die Gelegenheit dennoch nutzen, um die Politiker dazu aufzufordern, die Steuergesetze gerechter und das nationale Gesundheitssystem stärker zu gestalten, um die Verantwortung von den Firmen zu den Angestellten verlagern zu können.

In Newsweek unterhalten sich der liberale amerikanische Publizist Fareed Zakaria und Ex-US-Vizepräsident Al Gore über die Rettung der US-Autoindustrie und die Umweltpolitik. Mit Blick auf die notleidenden „Big Three“ in Detroit erklärt Gore, es sei tragisch gewesen, dass es General Motors zugelassen habe, dass sich Toyota einen siebenjährigen Vorsprung in der Hybrid-Technologie erarbeitet habe. Außerdem plädiert Gore für eine hohe CO2-Steuer, die durch niedrigere Lohnnebenkosten aufgefangen werden könnte, um auf diesem Weg die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. „Wir sollten das versteuern, was wir verbrennen, nicht das, was wir verdienen“, so Gore.

BusinessWeek führt ein Telefoninterview mit Alan Mulally, während der Ford-Chef zusammen mit drei weiteren Ford-Managern in einem Ford-Hybrid-Auto nach Washington fährt – bei der ersten Anhörung war Mulally noch, zur Verärgerung der Politiker, im Firmenjet angereist, um Steuergelder einzuwerben. Im Gespräch bekräftigt Mulally, für nur einen Dollar pro Jahr arbeiten zu wollen, falls die US-Regierung seinem Unternehmen unter die Arme greift (2007 verdiente der Firmenchef 22 Millionen Dollar); seine Familie verzichte übrigens ohnehin schon meist auf die Firmenjets.

Lichtblick mit vier Ringen

Auch in Italien bricht der Automarkt ein, berichtet der Corriere. Im November habe die Branche den bisher größten Rückgang seit 1993 registriert. Der Marktanteil des Fiat-Konzerns sei auf 31 Prozent gesunken. Auch die führenden ausländischen Automobilkonzerne wie Ford, Volkswagen und Opel hätten Absatz-Rückgänge von rund 25 Prozent hinnehmen müssen, während Toyota sogar 46 Prozent sowie Mercedes und BMW 25 beziehungsweise 39 Prozent eingebüßt hätten. Einzig die vier Ringe von Audi strahlten derzeit am italienischen Autohimmel: Die Autobauer aus Ingolstadt hätten ein Plus von 16 Prozent verzeichnet; Audi sei nun der Absatzkönig unter den Edelkarossen.

Schleichende Verstaatlichung in Russland

Im Schatten der Finanzkrise nutze der russische Staat die Gunst der Stunde, um seinen Einfluss auf die Wirtschaft auszubauen, schreibt die Internetzeitung gazeta.ru. Die Größenordnung der Neuordnung von Besitzverhältnissen sei vergleichbar mit der Privatisierung in den 1990er-Jahren, nur dass es diesmal andersherum verlaufe. Wichtigstes Instrument sei dabei die staatliche Entwicklungsbank VEB. Sie vergebe Kredite an russische Großkonzerne, damit diese ihre Auslandsschulden begleichen könnten, als Pfand dienten dabei Unternehmensanteile. „Ob der Staat sie je wieder herausrückt, steht in den Sternen“, meint das Blatt. Außerdem habe die Entwicklungsbank Geld aus dem Reservefonds erhalten, um den Moskauer Aktienindex zu stützen. Ihre Käufe machten zeitweise bis zu einem Viertel des Handelsvolumens aus. „So könnte der Staat schleichend die Kontrolle bei führenden Industriekonzernen übernehmen, und die jetzigen Oligarchen könnten bald durch ganze andere ersetzt werden“, mutmaßt die Zeitung.

Banken tragen Teilschuld bei der Krise von New Star

Der britische Guardian kommentiert die Krise des Fondsmanagers New Star Asset Management. Hintergrund: Die von John Duffield, dem Gründer der zur Commerzbank gehörenden Jupiter Asset Management, gegründete Firma schuldet den britischen Banken rund 230 Millionen Pfund; die Aktien des Unternehmens wurden am Montag vom Markt genommen, nachdem der Kurs unter sechs Pence pro Papier fiel. Das britische Blatt moniert, das Geschäftsmodell des Fondsmanagers sei von Beginn an hochriskant gewesen; im März 2007 habe das Unternehmen 300 Millionen Pfund Schulden gehabt, das Fünffache des verfügbaren Cash-Flows aus 2006; dennoch habe Duffield, mit der Hilfe großer Bank-Kredite, 363 Millionen Pfund an die Aktionäre ausgeschüttet. Im nachhinein, so der Kommentator, müssten sich die Banken – besonders HBOS – fragen, „was sie damals geraucht haben, als sie einem Kredit von 350 Millionen Pfund über sechs Jahre für 1,5 Prozent über dem Libor zustimmten. Dabei gab es kaum Gewinnaussichten, aber sehr große Risiken.“

Auch Pakistans Wirtschaft leidet unter Gewalt

Wenige Tage nach den Anschlägen von Mumbai ist es in der pakistanischen Wirtschaftsmetropole Karatschi zu einem Wiederaufflammen ethnisch motivierter Gewalt gekommen, der über ein Dutzend Menschen zum Opfer gefallen sind. Wie die pakistanische Zeitung Dawn meldet, sind durch den Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs Märkte, Unternehmen und Betriebe betroffen gewesen, deren Mitarbeiter aus Furcht vor weiteren Anschlägen nicht zur Arbeit erschienen seien; infolgedessen sei die Produktion um die Hälfte zurückgegangen, Exporteure bangten um ihre internationale Aufträge. Dies führe zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in dem ohnehin krisengeschüttelten Land.

Fundstück: Saurer Wettbewerb ums Kraut

BrandEins ist aufs Kraut gekommen und porträtiert den deutschen Sauerkraut-Hersteller Hengstenberg. Die Margenschwäche des Geschäfts mit Cornichons, Rot- und Sauerkrautkonserven schrecke die Lebensmittel-Multis zwar ab, gleichwohl lieferten sich die Familienbetriebe – neben Hengstenberg Kühne im Norden und Spreewaldhof im Osten – einen sauren Wettbewerb. Jenseits der preissensiblen Kundschaft und knallharten Einkäufer der Supermarktketten, nämlich im Ausland, seien die Margen höher und der Umgangston freundlicher, weshalb mehr als zehn Prozent der Produkte exportiert werde – das „Bavarian Style Sauerkraut“ erfreue sich unter anderem in den USA, in Japan und Singapur großer Beliebtheit. Um ihr wenig hippes, aber kalorienarmes und vitaminreiches Produkt unters Volk zu bringen, tüftelten die Schwaben immer neue Rezepte aus und lancierten sie in den einschlägigen Zeitschriften. Motto des Marktführers: „Jeder, der über Sauerkraut redet, ist unser Freund.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Cornelia Bruckner, Maxim Kireev.

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