andreAnsicht: Klischees in Serie

Männer machen, Frauen sind. Junge Männer spielen Basketball, junge Frauen unterstützen sie als Cheerleaderinnen. Männer sind stark und heldenhaft, Frauen sind hilflos und müssen gerettet werden. Frauen sind sehr emotional, Männer sind cool. Für Frauen ist es wichtiger, gut auszusehen, um Erfolg zu haben, als klug zu sein.

Diese Klischees von jungen Männern und Frauen hat Elke Van Damme, Doktorandin an der Universität Gent in Belgien, nicht etwa in einem Liebesroman aus den 1950er Jahren gefunden, sondern in der aktuellen US-amerikanischen Teenager-Serie One Tree Hill (in Deutschland von Pro Sieben letztes Jahr schnell wieder abgesetzt, in anderen Ländern aber sehr erfolgreich). Alte Klischees von typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweisen werden in solchen Fernsehserien wiederholt und sogar übertrieben. Ihre Studie hat Van Damme auf der schon erwähnten europäischen Kommunikationswissenschaftler-Konferenz im November in Barcelona vorgestellt.

Nicht nur die weiblichen, auch die männlichen Rollenbilder in der Serie haben wenig mit der Realität der Jugendlichen zu tun. Die jungen Männer strahlen männliche Macht aus, etwa dadurch, dass sie muskulöser sind als normale Teenager. Frauen werden zu Sexobjekten degradiert. Van Damme macht das daran fest, dass die Seriencharaktere häufig ihre Körper einsetzen, um zu bekommen, was sie wollen. Oder daran, dass die Kamera voyeuristisch über die weiblichen Körper wandert.

Im Bezug auf Sex stellt sie die klassische Doppelmoral fest: Die Männer in der Serie sagen nie nein zu einer Gelegenheit, Sex zu haben. Junge Frauen, die „herumschlafen”, werden dagegen als verdorben dargestellt.

Überhaupt sind die Teenager in der Serie sexuell sehr aktiv (auch wenn das, es ist ja eine amerikanische Serie, nie explizit gezeigt oder diskutiert wird). Das gilt sicher nicht nur für One Tree Hill: Solche Serien erwecken den Eindruck, Teenager hätten heute mehr Sex als ihre Altersgenossen früher, und wer das nicht hat, ist irgendwie nicht normal. Ob das etwas mit der Wirklichkeit der meisten Jugendlichen zu tun hat, ist offen.

Bedenklich findet Van Damme diese überzeichneten Klischees vor allem deshalb, weil sich die Serien an Jugendliche richten. Deren Verhaltensmuster und Rollenbilder haben sich noch nicht gefestigt, und Fernsehserien dienen ihnen oft – natürlich auch neben anderen Einflüssen und Erfahrungen – zur Orientierung.

Jugendliche lernen aus den vorgespielten Verhaltensweisen Muster für ihr eigenes Verhalten, zum Beispiel in Beziehungen zu anderen. Sie sehen aber vor allem auch, wie sie selbst sein sollten. In einer Lebensphase, in der junge Menschen sich noch selbst finden müssen, werden ihnen in den Fernsehserien Muster angeboten, denen sie nacheifern können. Und diese Modelle sind dann oft erschütternd schlicht oder sogar gefährlich übertrieben.

Problematisch ist ja nicht, dass Teenager aufgrund der Vorbilder zuviel Sex haben könnten oder sich zu unzüchtig kleiden. Schwierig wird es für die jungen Menschen dann, wenn sie sich selbst so gar nicht wieder finden in den Rollenklischees (zu dick, zu wenig Muskeln, zu schüchtern, zu unpassend…) und in ihrer ohnehin zerbrechlichen Lebensphase zusätzlich verunsichert werden. Ganz abgesehen davon, dass die alten Klischees über die Geschlechter bekräftigt und nur wenig Alternativen angeboten werden.

Ein Beispiel für eine Ausnahme hat Van Damme in den Folgen von One Tree Hill gefunden: einen jungen alleinerziehenden Vater, der zunächst unbeliebt war, aber schließlich Erfolg hat. Darin, meint Van Damme, spiegele sich aber nur ein weiteres Klischee, nämlich das des amerikanischen Traums: Jeder kann es schaffen.

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